Kurdischer Verein FC Amed Politisch wider Willen

Der türkische Militäreinsatz gegen Kurden in Nordsyrien ist auch Thema im deutschen Amateurfußball. Beim kurdischen Klub FC Amed in Berlin möchte man unpolitisch bleiben. Aber das ist derzeit schwer.
Spieler des Berliner Kreisligisten FC Amed zeigten vor einem Spiel ein Transparent

Spieler des Berliner Kreisligisten FC Amed zeigten vor einem Spiel ein Transparent

Foto: FC Amed

Mohamad Tiba hat gerade den Treffer zum 1:1 erzielt, als er seine Hand zum Kopf hebt. Ist es ein Victory-Zeichen? Oder eine andere Geste? Seine Mitspieler vom FC Amed umarmen den Torschützen, bevor zu erkennen ist, was er da zeigt.

Derzeit herrscht viel Aufregung um Torjubel - selbst in der Berliner Kreisliga Staffel 1. Nachdem türkische Nationalspieler bei zwei Länderspielen den Militärgruß zeigten, um Soldaten im Kriegseinsatz gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien zu grüßen, besteht im deutschen Amateurfußball die Sorge, die Geste könnte Nachahmer oder Gegenreaktionen provozieren.

Beim FC Amed hat das Thema eine besondere Brisanz. Denn die Trennlinie zwischen Sport und Politik lässt sich schwer ziehen beim ersten von Kurden gegründeten Fußballklub in Berlin.

Wenn schon der Name eine Provokation sein kann

Dabei legt der Verein selbst Wert darauf, zu betonen: Wir konzentrieren uns nur auf den Fußball. Doch es ist in diesen Tagen nicht leicht, die Weltpolitik auszublenden -selbst in der neunthöchsten Spielklasse. Vor einer Woche hatten die Spieler des FC Amed vor ihrer Partie ein Spruchband gehalten: "No War. No Racism. No Hate." Es war das erste Spiel nach Beginn der türkischen Militäroffensive im Kurdengebiet Nordsyriens.

"Wir sind gegen Krieg und für ein friedliches Miteinander", sagt Präsident Sedat Seker, nachdem die erste Mannschaft seines Vereins am Sonntag 2:1 gegen Berolina Mitte II gewonnen hat. Es ist ein sonniger Kreisliganachmittag in Berlin-Tempelhof. Zum Kunstrasenplatz sind viele der gut 50 Zuschauer mit Kindern gekommen, nebenan wird Tennis gespielt.

Doch der Konflikt in Nordsyrien beschäftigt die Menschen hier ebenso wie in vielen türkischen und kurdischen Gemeinden in Deutschland. Der FC Amed will sich offiziell nicht mehr zu politischen Themen äußern, das hat der Vorstand beschlossen. Man will nicht Öl ins Feuer gießen. Es herrscht auch die Angst, türkische Medien könnten aus jeder noch so gut gemeinten Aussage etwas Negatives machen.

Die Spieler des FC Amed bilden vor der Partie gegen Berolina Mitte II einen Kreis

Die Spieler des FC Amed bilden vor der Partie gegen Berolina Mitte II einen Kreis

Foto: FC Amed

Allein der Vereinsname könnte von der Gegenseite schon als Provokation aufgefasst werden: Amed ist der kurdische Name der türkischen Stadt Diyarbakr. Sie gilt als inoffizielle Hauptstadt eines möglichen Staats Kurdistan, den die Regierung in Ankara verhindern will. Der Schwesterverein Amedspor ist in der Türkei Repressionen ausgesetzt.

"In der Stadt Amed haben Christen, Juden und Moslems Jahrhunderte friedlich zusammengelebt, für uns steht der Name für Toleranz", sagt der Vorsitzende Seker, der den Verein 2012 mitgegründet hat. Der 37-Jährige, der vor 14 Jahren nach Deutschland kam, betreibt privat einen Friseursalon. Im Verein, der bereits über hundert Mitglieder hat, dürfe jeder mitkicken, betont Seker. Es seien Spieler aus zehn Nationen im Team vertreten, auch Türken, "wir wollen niemanden ausgrenzen". Doch in diesen Zeiten ist vieles politisch - auch Namen.

Dem Berliner Fußball-Verband liegen keine Zwischenfälle vor

Wie beim FC Rojava, benannt nach dem syrischen Kurdengebiet. Von Flüchtlingen gegründet, hat sich die Freizeitmannschaft dem FC Amed angeschlossen und tritt als dessen zweites Team an, in eigenen gelben Trikots. "Wir sind alle Kurden aus Syrien, wir verstehen uns gut", sagt einer der Männer, nachdem sein Spiel am Sonntagmittag gegen den FC Grunewald 1:1 ausgegangen ist.

Schon am Morgen war die dritte Mannschaft des FC Amed gegen Anadoluspor Berlin angetreten, einen türkischen Verein. Auch dort ging es friedlich zu, gegnerische Betreuer halfen, als sich der Amed-Torwart verletzte, eine faire Geste. "Es ist alles ruhig geblieben", sagt Mehmet Matur, der im Präsidium des Berliner Fußball-Verbands für Integration zuständig ist. Matur hat sich vor Ort überzeugt, dass es keine Provokationen gab. Bis Sonntagabend lagen Matur auch keine Meldungen von Zwischenfällen auf anderen Plätzen vor. Das heißt aber nicht, dass es keine Diskussionen gegeben hat.

Spielszene aus der Kreisligapartie des FC Amed gegen Berolina Mitte II

Spielszene aus der Kreisligapartie des FC Amed gegen Berolina Mitte II

Foto: FC Amed

Auf einem Nebenplatz des FC Amed kicken am Sonntag zwei A-Jugendmannschaften. Eine Betreuerin berichtet, türkische Spieler hätten in ihrem Team einen Militärgruß geplant, gemeinsam konnten Vereinsführung und Trainer die Jugendlichen jedoch davon abhalten. "Wir haben sie gefragt, ob sie überhaupt wissen, wofür die Geste steht." Der Berliner Fußball-Verband hatte unter der Woche angekündigt, politische Statements auf seinen Amateurplätzen beim Sportgericht anzuzeigen. Dazu kam es bisher nicht.

Doch das Klima für den FC Amed wird rauer. Türkische Spieler und Funktionäre haben sich aus dem Verein zurückgezogen, aus Angst vor negativen Reaktionen in ihrer Community. Offen darüber sprechen möchte niemand.

Ex-Profi Pannewitz spielt jetzt beim FC Amed

Sportlich läuft es eigentlich gut für den Kreisligisten. Die erste Mannschaft ist auf Aufstiegskurs in die Bezirksliga und hat gerade Ex-Profi Kevin Pannewitz verpflichtet. Dem 27-Jährigen, der schon in der Bundesliga beim VfL Wolfsburg unter Felix Magath trainierte, ist zuletzt wegen Übergewicht beim Drittligisten Jena gekündigt worden. Beim FC Amed will der Ex-Profi die überflüssigen Pfunde abtrainieren.

"Es ist eine super Werbung für ihn und für uns", sagt Mehmet Kaplankiran, der das Wettbüro-Unternehmen Wettarena betreibt und Hauptsponsor des FC Amed ist. Perspektivisch will der Verein in die Berlinliga aufsteigen, die sechsthöchste Spielklasse. Dabei muss die Mannschaft damit leben, dass sie in Ostberlin schon mal von AfD-Anhängern und vereinzelt auch von türkischen Spielern in gegnerischen Teams angepöbelt wird, sich von einigen Schiedsrichtern bisweilen benachteiligt fühlt. So erzählen sie es zumindest im Verein.

Doch am Sonntag, nach dem 2:1-Sieg der ersten Mannschaft, scherzt Präsident Sedat Seker beim Verlassen des Platzes mit dem Schiedsrichter. Dabei hatte der zuvor den Trainer des FC Amed des Feldes verwiesen, weil der sich zu lautstark über einen seinen eigenen Spieler aufgeregt hatte. Die großen politischen Fragen können Thema in der Kreisliga sein, aber auch die kleinen Unzulänglichkeiten.