Kuriose Trainerentlassungen Rauswurf nach der Ehrenrunde

Jürgen Klinsmann ist das jüngste Opfer, doch andere traf es noch viel härter: Als Lothar Matthäus in Wien gehen musste, atmete sogar die Putzfrau auf. Der FC Utrecht schasste vier Co-Trainer, weil sie ihre Koffer nicht tragen wollten. SPIEGEL ONLINE präsentiert kuriose Rauswürfe.
Von Jan Reschke

Mehr als 300 Trainer wurden bislang in der Geschichte der Bundesliga entlassen. Größen wie Jupp Heynckes, Otto Rehhagel oder Stuttgarts Meistertrainer Armin Veh sind darunter, das jüngste Beispiel ist Jürgen Klinsmann, der nach nur zehn Monaten beim FC Bayern vor die Tür gesetzt wurde.Die Rauswürfe in der Vergangenheit werden nicht selten begleitet von verbal nachtretenden Spielern, Funktionären oder auch den Trainern selbst. Alltag im Profi-Geschäft. Dennoch bleiben manche Entlassungen der vergangenen Jahrzehnte wegen ihrer Kuriosität unvergessen. SPIEGEL ONLINE hat die zwölf spektakulärsten Entlassungen in einer Rangliste zusammengestellt.

Lesen Sie im ersten Teil, warum sich ein Trainer auf Schalke schon vor seinem Rauswurf verabschiedete, und wie in Utrecht eine "Bombenleger"-Affäre mehrere Übungsleiter den Job kostete.

Herbert Widmayer - Traurige Premiere vor 46 Jahren

Fragwürdige Berühmtheit erlangte Nürnbergs Trainer Herbert Widmayer - er wurde zum Prototypen der modernen Trainerentlassungen. Nach einer 0:5-Niederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern wurde Widmayer 1963 als erster Bundesliga-Trainer überhaupt vorzeitig von seinem Posten entbunden. Erfolge aus der Vergangenheit zählten schon damals nicht viel - Widmayer hatte 1961 mit dem Club die Deutsche Meisterschaft und 1962 den Pokal gewonnen. Doch anders als manch heutiger Übungsleiter, der mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt wird, erhielt Widmayer (Spitzname "Der Experte") tröstende Worte aus dem Mannschaftskreis. Kapitän Ferdinand Wenauer sagte zum Abschied: "Uns ist das peinlich, aber wir können nichts daran ändern. Wir haben Achtung vor Ihnen und danken Ihnen mit Wehmut im Herzen!"

Nationalspieler Stefan Reisch, damals Mittelfeldspieler beim Club, sagte noch im vergangenen Jahr dem "Kicker": "Für uns war das damals unvorstellbar, eine Katastrophe. Widmayer war wie eine Vaterfigur für uns, er war ein Pfundskerl, ein hervorragender Redner, der uns immer wieder von seinen Erlebnissen als Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg erzählt hat; das war faszinierend."

Lothar Matthäus - "Alle bei Rapid - von der Putzfrau angefangen - atmen auf, dass er verschwunden ist"

So viele positive Worte von ehemaligen Spielern hätte Lothar Matthäus wohl auch gern gehört. Doch nach seiner ersten Trainerstation beim österreichischen Erstligisten Rapid Wien beklagte sich Torwart Ladislav Maier ausgiebig in der Prager Heimat-Zeitung "Mlada fronta Dnes" über den deutschen Rekordnationalspieler: "Alle bei Rapid - von der Putzfrau angefangen - atmen auf, dass er verschwunden ist", sagte Meier. "Gegenüber Spielern hat er sich grässlich verhalten. Matthäus wollte um jeden Preis interessant sein, schnappte immer als Erster nach dem Mikrofon. Das Training war eine unglaublich langweilige Schablone." Außerdem sei Matthäus starrköpfig gewesen: "Wenn er freitags sagte, es sei Montag, dann war Montag und fertig." Sein Urteil über Matthäus: "Gäbe es nur den Trainer Matthäus, würde ich sagen, dass ich keinen größeren Tölpel gesehen habe." Matthäus hatte den Club auf den achten Tabellenplatz geführt - die schlechteste Plazierung seit der Einführung der österreichischen Meisterschaft 1911.

Seine Entlassung wurde von allerhand Nebengeräuschen begleitet. So sorgte ein Interview von Matthäus für viel Aufregung. Darin warf er dem Präsidenten Rudolf Edlinger vor, er habe nicht immer die stärkste Mannschaft spielen lassen dürfen, damit der Club Einsatzprämien sparen konnte. Das Vereinspräsidium habe Hochverrat an der Mannschaft begangen: Im Management sollten künftig nur noch "Leute Entscheidungen treffen, denen der SK Rapid am Herzen liegt, und nicht Leute, denen die Eigeninteressen wichtiger sind. Es müssten Leute her, die vom Fußball eine Ahnung haben", sagte Matthäus. Er habe gute Strukturen geschaffen.

Die Antwort des Präsidenten folgte prompt. Er sei menschlich schwer enttäuscht, "auch weil ich ihn intellektuell überschätzt habe", so Edlinger. Matthäus' Berater drohte daraufhin, gegen Rapid "auf Wiedereinstellung" zu klagen. Matthäus wolle seine "erfolgreiche Trainertätigkeit fortsetzen". Edlingers Antwort: "Der liebe Gott stehe uns bei." Der Trainer sei "für seine 41 Jahre ein unfertiger Mensch" und "nicht geeignet für eine Mannschaft mit einer Jugendabteilung".

Trotz der Turbulenzen blieb Matthäus eine gefragte Person als Trainer. Mit FK Partizan Belgrad wurde er in Serbien und Montenegro Meister - allerdings übernahm er den Club, als der bereits mit großem Abstand auf dem ersten Platz der Liga stand. 2004 wurde Matthäus Trainer der ungarischen Nationalmannschaft, mit der er die DFB-Auswahl in einem Länderspiel 2:0 bezwang. 2005 coachte Matthäus die Amateurmannschaft Borussia Banana für den TV-Sender RTL 2.

2006 folgte ein einmonatiges Engagement beim brasilianischen Club Atlético Paranaense. Während eines Heimaturlaubs in Europa verkündete er seinen Rücktritt aus familiären Gründen. Im Mai 2006 unterschrieb er einen Vertrag als Co-Trainer von Giovanni Trapattoni beim FC Red Bull Salzburg. Das Engagement wurde vom Vorstand am 12. Juni 2007 wegen "unterschiedlicher Auffassungen" beendet. Seit Juli 2008 trainiert Matthäus den israelischen Erstligisten Maccabi Netanya.

"Rolf" Rangnick - Ehrenrunde vor der Kündigung

Bereits die Vorstellung von Ralf Rangnick lief nicht reibungslos. Der damalige Schalker Manager Rudi Assauer nannte Rangnick während der Pressekonferenz beharrlich Rolf statt Ralf - der Beginn eines unterkühlten Verhältnisses. Obwohl Rangnick bislang die beste Punktebilanz aller auf Schalke tätigen Trainer gelang, ein Schnitt von 2,04 Punkten pro Spieltag im ersten und 1,94 im zweiten Jahr. In der Hinrunde der Saison 2005/06 wurde die Kritik an Rangnick immer lauter. In der Liga solide, lief es für Schalke im DFB-Pokal (0:6 gegen Eintracht Frankfurt) und in der Champions League (Schluss in der Vorrunde) nicht rund.

Assauer machte Stimmung gegen Rangnick, ein Boulevardblatt verkündete, Rangnicks Vertrag werde nicht verlängert. Der irritierte Trainer erhoffte sich Rückendeckung aus dem Verein - doch diese blieb aus. Schließlich verkündete er seinen Abschied zum Saisonende: "Ich bin diese Possenspiele leid", so Rangnick damals.

Offenbar wusste er, dass es ihn noch nicht einmal so lange auf Schalke halten würde. Vor einem 1:0-Sieg gegen Mainz trat der Coach zu einer Ehrenrunde vor den Schalker Fans an, was den Eindruck erweckte, als wolle er sich vorab verabschieden.

Damit hatte Rangnick den letzten Kredit bei den Verantwortlichen des Vereins verspielt. Zwei Tage nach dem Affront wurde er beurlaubt. Dass der aktuelle Trainer der TSG Hoffenheim auf Schalke demontiert wurde, bestätigte der mittlerweile ebenfalls nicht mehr für den Verein tätige Manager Andreas Müller: "Hätte ich mich öffentlich gegen seine Demontage gestemmt, und ich war damals nicht in der Position wie heute, hätte der Club noch mehr Schaden genommen", sagte Müller einmal.

Willi Entenmann - Unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten in der täglichen Zusammenarbeit

Auch Siege schützen nicht vor dem Rauswurf. Willi Entenmann wurde 1993 trotz eines 2:0-Erfolges gegen Bayern München beim Bundesligisten 1. FC Nürnberg entlassen. Der damalige Präsident Gerhard Voack beendete die Zusammenarbeit mit Entenmann "wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten in der täglichen Zusammenarbeit". Zuvor hatte Entenmann bereits eine Abmahnung erhalten. Nürnberg absolvierte ein Testspiel im rund 45 Kilometer entfernten Ansbach. Anschließend drängten die Spieler auf die Abfahrt des Mannschaftsbusses. Der mit der Abrechnung beschäftigte Geschäftsstellenleiter Bernd Ingerling wurde in der Eile vergessen. Das legte Voack Entenmann zur Last, der damit gar nichts zu tun hatte und dennoch entlassen wurde. Aufgebrachte "Club"-Fans hatten anschließend vor dem Vereinsgelände für Entenmann demonstriert.

Der eigentliche Grund war ein anderer: Mitglieder des Finanz- und Verwaltungsrats hatten sich an Entenmanns Umgang mit Spielern, die sie dem Verein finanziert hatten, gestört. "Herr Entenmann hat nie akzeptiert, wie schlimm es uns ging. Wir waren kurz vor dem Bankrott. In solch einer Situation kann man unsere Werbepartner, die uns gerettet haben, nicht wie Schulbuben behandeln", so Voack im Nachhinein.

Entenmann sagte später einmal: "Es mag verrückt klingen: Mich persönlich hat dieser Rauswurf, so schmerzhaft er war, sogar weitergebracht. Leider hat dies nicht für den Club gegolten, denn er war der einzige große Leidtragende."

Van Hanegem - "Bombenleger" und vier entlassene Co-Trainer

Drunter und drüber ging es im vergangenen Jahr beim FC Utrecht. Die Mannschaft sollte im Oktober ins Trainingslager nach England fliegen, doch vor der Abreise gab es Probleme. Gleich vier Co-Trainer weigerten sich, ihre eigenen Koffer zu tragen. Der Vorstand entließ alle vier Coaches anschließend wegen "Kommunikationsproblemen". Cheftrainer Willem van Hanegem titulierte seine Co-Trainer anschließend angeblich mit dem Begriff "Bombenleger". Doch auch van Hanegem sollte nicht mehr lange im Amt bleiben. Einen Tag vor Heiligabend wurde auch er entlassen. Grund war aber nicht die 0:2-Niederlage beim Spitzenreiter AZ Alkmaar, sondern eine Kolumne van Hanegems im "Algemeen Dagblad". Darin schrieb er, dass er seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde, weil er die Vereinsintrigen leid sei.

Daraufhin wurde er von Präsident Jan Willem van Dop entlassen, was Sportdirektor Piet Buter veranlasste, sich krank zu melden. Er monierte, dass die Entscheidung übereilt gewesen sei, und er davon keine Kenntnis gehabt habe. Doch nicht nur Buter stand auf der Seite von van Hanegem, auch die Mannschaft bezog klar Stellung. Kapitän Gregoor van Dijk stellte sein Amt zur Verfügung.

Nachfolger von van Hanegem wurde sein Assistent Ton du Chatinier - der den notwendigen Trainerschein nicht besaß.

Dietrich Weise - Wenn der Trainer seinen Chef rauswirft

Auch in Frankfurt gab es schon manch kuriose Trainerentlassung. 1986 musste Coach Dietrich Weise den Verein verlassen, nachdem er seinem Spieler Wolfgang Kraus mitteilte, dass er ihn in der Rückrunde nicht mehr benötige. Dumm nur, dass eben dieser Kraus künftig den Posten als Manager in Frankfurt übernehmen sollte. Das hatte Weise zuvor aus der Zeitung erfahren und sprach anschließend von "schlechtem Stil" und einer großen persönlichen Enttäuschung.

Enttäuscht war auch das Präsidium von Frankfurt über Weises Entscheidung, Kraus nicht mehr zu berücksichtigen: "Schon vor mehreren Wochen sollte die sportliche Zukunft in der Konstellation Weise/Kraus eingeleitet werden", sagte Präsident Klaus Gramlich auf einer Krisensitzung, "wir haben aber keine Grundlage mehr für eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen den beiden in der Rückrunde gesehen. Es wäre ein loderndes Pulverfass gewesen, das jeden Tag hätte explodieren können. Die Suspendierung des Spielers Wolfgang Kraus war das i-Tüpfelchen."

Weise hatte die Krisensitzung bereits nach wenigen Minuten verlassen. "Er wurde nicht mehr gehört", so Grämlich. Es war die erste Entlassung für den Trainer in seiner Karriere. Daraufhin beschloss er, nie wieder in der Bundesliga zu arbeiten. Dafür wurde er an anderer Stelle als Verantwortlicher tätig. Weise wurde der erste Nationaltrainer des Fürstentums Liechtenstein und führte die Mannschaft 1994 ins erste Qualifikationsspiel der Liechtensteiner Fußballgeschichte.

In dieser Zeit war viel los bei der Eintracht. Im Jahr zuvor waren bei der Jahreshauptversammlung 1985 die Verwaltungsräte Lindner und Grabowski zurückgetreten: wegen eines Streits mit Weise.

Spektakulär war auch 1988 die Kündigung von Manager Wolfgang Kraus durch Vizepräsident Klaus Mank. Der warf Kraus seine Entlassungspapiere durchs gekippte Toilettenfenster.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil: Warum bei Fortuna Köln ein Trainer in der Halbzeitpause entlassen wurde und wie sich Christoph Daum um Kopf und Kragen redete

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