Kutzop-Interview "Uli Hoeneß kann keine Elfmeter schießen"

Mit einem Sieg im Spitzenspiel bei Bayern München am Samstag wäre Werder Bremen vorzeitig Deutscher Meister. In einer ähnlichen Lage vor 18 Jahren verspielte Werder den Titel. SPIEGEL ONLINE sprach mit Michael Kutzop, der den entscheidenden Strafstoß verschoss, über Jean-Marie Pfaff, Thomas Schaaf, Rudi Völler und Uli Hoeneß.


Michael Kutzop: 152 Bundesliga-Spiele (28 Tore) für Offenbach und Bremen
AP

Michael Kutzop: 152 Bundesliga-Spiele (28 Tore) für Offenbach und Bremen

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kutzop, welcher verschossene Elfmeter ist berühmter: Ihrer oder der von Uli Hoeneß 1976?

Michael Kutzop: 1976, von Uli Hoeneß?

SPIEGEL ONLINE: Im EM-Finale gegen die Tschechoslowakei!

Kutzop: Ach so. Meiner war schöner geschossen. Hoeneß hat doch die Augen zu gemacht und drauf gehauen. Der konnte keine Elfmeter schießen. Ganz ehrlich. Ich war einer der wenigen, der immer abgewartet hat. Ich wusste vorher nie, wo ich den Elfmeter hin schieße, weil ich immer die Reaktion des Torwarts abgewartet habe. Auch Jean-Marie Pfaff lag schon in der anderen Ecke und ist eingeschlafen. Aber leider Gottes habe ich nur den Pfosten getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso? Sie waren damals der sicherste Elfmeterschütze der Bundesliga.

Kutzop: Der Ball war zu lange weg. Vielleicht war ich deshalb etwas unkonzentriert. Das soll jetzt keine Entschuldigung sein. Aber heutzutage hat man zehn, zwölf Balljungen im Stadion, da wäre sofort ein Ball da gewesen. Aber damals hatte Egon Coordes (Bayerns Co-Trainer) - hat man mir zumindest erzählt - den Ball weggeschossen. Ich stand also lange am Elfmeterpunkt und einige Bayern-Spieler haben mir da ganz nette Sachen erzählt.

SPIEGEL ONLINE: Wer war als Störenfried denn besonders aktiv?

Kutzop: Keine Ahnung. Das weiß ich nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Seit sich Werders Vorsprung auf die Bayern von elf auf sechs Punkte reduziert hat, sprechen die Münchner wieder von nervösen Bremern und bringen Ihren verschossenen Elfmeter von 1986 ins Gespräch. Wird sich die Geschichte an diesem Samstag wiederholen?

Kutzop: Nein, ich bin davon überzeugt, dass Werder Bremen in München alles klar machen wird. Anders als in den Vorjahren, als die Bremer in der Rückrunde anfällig waren, sind sie diese Saison sehr gefestigt. In der Mannschaft herrscht eine riesige Kameradschaft, die ist ganz wichtig. Außerdem führen die Bremer ja nicht nur mit sechs Punkten, sondern, wie ich finde, mit sieben, wenn man das Torverhältnis hinzuzieht.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie die Partie im Stadion verfolgen?

Kutzop: Nein, ich werde das Bundesliga-Finale wieder im Radio hören. Ich spiele seit zehn Jahren Tennis in Großwallstadt, Jungsenioren. Und im Mai ist immer Punktspielzeit. Auch am Samstag haben wir wieder ein wichtiges Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Einer Ihrer damaligen Bremer Mitspieler war Thomas Schaaf, heute Werders Coach. Haben Sie ihm so eine Trainerkarriere zugetraut?

Kutzop: Er hatte schon zu seiner aktiven Zeit Jugendmannschaften trainiert. Es gab viele, die ihm zugetraut haben, ein ganz Großer zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Schaaf gilt als ruhiger, besonnener Mensch. Wie hat er nach Ihrem fatalen Fehlschuss reagiert?

Kutzop: Keine Ahnung. Ich hatte mit mir selbst genug zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kumpel Rudi Völler, der den Elfmeter in seinem ersten Spiel nach fünfmonatiger Verletzungspause rausgeholt hatte, hätte beinahe losgeheult. Sie wollte er trösten, indem er sagte, dass Sie durch diesen Fehlschuss berühmt würden. Hat er Recht behalten?

Deutsche Meister 1988: Die Bremer Michael Kutzop (r.) und Völler-Nachfolger Karl-Heinz Riedle
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Deutsche Meister 1988: Die Bremer Michael Kutzop (r.) und Völler-Nachfolger Karl-Heinz Riedle

Kutzop: Ich denke schon. Wenn ich den Elfmeter damals rein gemacht hätte, hätten Sie mich doch auch nicht angerufen. Wenn wir ein paar Bierchen getrunken haben, sagt der Rudi andererseits aber auch zu mir: "Langer, ich habe alles erreicht als Spieler. Nur Deutscher Meister bin ich nie geworden. Das habe ich dir zu verdanken."

SPIEGEL ONLINE: Allein ihr Name fällt immer im Zusammenhang mit Werders verpasster Meisterschaft 1986. Dabei hat doch erst die 1:2-Niederlage am letzten Spieltag in Stuttgart den Titel gekostet. Fühlten Sie sich ungerecht behandelt?

Kutzop: Ein bisschen schon. Ich hatte 1985/86 eine Riesensaison gespielt. Als einziger Bremer hatte ich alle 34 Saisonspiele absolviert - das hat nicht einmal unser Stammtorwart Dieter Burdenski geschafft - und zehn Tore erzielt. Am schönsten wäre natürlich ein Elfmetertreffer gegen Bayern gewesen. Aber die Geschichte kennen sie ja. Anschließend sind wir noch als Tabellenführer mit zwei Punkten Vorsprung nach Stuttgart gefahren, doch unsere Beine waren da schon schwer. Der Knackpunkt war wirklich mein Elfmeter.

SPIEGEL ONLINE: War die Mannschaft nach dem 0:0 gegen Bayern tatsächlich so demoralisiert?

Kutzop: Ja. Otto Rehhagel hat zwar versucht, uns zu motivieren. Aber wir konnten das nicht mehr umsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bayern haben nach dem 0:6 des Hamburger SV in Bremen am vergangenen Spieltag ihre Verärgerung laut kundgetan. Was haben Sie gedacht, als die Bayern 1986 am letzten Spieltag mit 6:0 gegen Gladbach siegten?

Kutzop: Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Ganz ehrlich. Ich wollte nach unserem 1:2 in Stuttgart einfach nur weg.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von den aggressiven Äußerungen im Titelkampf, die jetzt wieder aus München zu hören sind?

Kutzop: Das gehört zum Geschäft. Damals waren es Uli Hoeneß und Udo Lattek, heute sind es Uli Hoeneß und Olli Kahn. Aber die Bremer sind so gefestigt, dass sie damit keine Probleme haben werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihr damaliges Missgeschick verarbeitet?

Kutzop: Wir haben mit Werder damals eine dreieinhalbwöchige Weltreise unternommen. Ich hatte da ein sehr gutes Gespräch mit Otto Rehhagel. Ich habe auch nie von den anderen Spielern Vorwürfe gehört. Die Elfmeter habe ich auch weiterhin geschossen und zwei Jahre später sind wir ja Meister geworden. Das war wie eine Erlösung.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch wird Sie dieser Fehlschuss wohl bis an Ihr Lebensende verfolgen.

Kutzop: Ich denke schon. Ich leite auf Mallorca die Rudi-Völler-Fußballschule und da zeigen wir den Schülern immer ein Video über Rudis Werdegang. Wenn dann die Szene mit meinem verschossenen Elfmeter gezeigt wird, können Sie sich vorstellen, was dann los ist. Besonders wenn von 70 Kindern 65 Bayern-Fans sind. Aber mittlerweile kann ich damit gut umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Das war nicht immer so?

Kutzop: Anfangs war es nicht so angenehm. Ich musste meine Telefonnummer ändern, weil allzu viele liebe Bayern-Fans anriefen, um sich für den verschossenen Elfmeter zu bedanken.

Das Interview führte Till Schwertfeger



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