Labbadia-Interview "Ich bin ein blutiger Anfänger"

Seine Bilanz ist makellos. Elf Spiele, elf Siege mit Darmstadt 98. Für Bruno Labbadia hätte der Einstand als Trainer nicht besser laufen können. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der frühere Torjäger über die hessische Provinz, Kirchenbesuche und nächtliche Pokerrunden.


Bruno Labbadia: "Nichts ist einfach!"
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Bruno Labbadia: "Nichts ist einfach!"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Labbadia, Sie haben gerade den elften Sieg im elften Spiel gefeiert. Was machen Sie anders als andere Trainer?

Bruno Labbadia: Gar nichts. Ich versuche einfach nur, meinen Spielern den Spaß am Fußball zu vermitteln, den ich selber hatte.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie eine besondere Genugtuung über diese Erfolgsserie? Im Vorfeld Ihres Engagements hat es doch sicher auch kritische Stimmen gegeben.

Labbadia: Nur insofern als mich viele Menschen gefragt haben, warum ich in der vierten Liga anfange. Aber das war eigentlich auch nicht geplant, denn ich hatte für beide Ligen unterschrieben und seinerzeit wirklich nicht damit gerechnet, dass Darmstadt absteigt. Von Genugtuung kann aber keine Rede sein. Solch eine Serie ist natürlich sehr schön, aber das ist hier ein ganz neuer Beruf für mich. Als Trainer bin ich doch noch ein blutiger Anfänger und gehe praktisch gerade erst in die Lehre.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Trainer in Darmstadt zu werden?

Labbadia: Ich hatte immer vor, noch einmal nach Darmstadt zurückzukehren, stelle jetzt aber auch fest, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Wenn man hier so bekannt ist wie ich, öffnen sich viele Türen schneller, aber man steht auch doppelt und dreifach unter Beobachtung.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Oberliga Hessen denn nun zu schwach oder Darmstadt 98 zu stark?

Labbadia: Weder noch. Fulda, Erzhausen oder Kassel sind uns dicht auf den Fersen. Es ist auch nicht so, dass wir endlos Spieler kaufen konnten, weil wir einen wesentlich höheren Etat hätten als die Konkurrenz. Wir haben einfach hart gearbeitet, die Neuzugänge passen gut ins Konzept. Dann gehört natürlich immer ein bisschen Glück dazu.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen im Moment gegen Buchonia Flieden, Germania Ober-Roden, Wald-Michelbach und Klein-Karben. Vermutlich brauchen Sie eine sehr gute Straßenkarte.

Labbadia: Ich bin wirklich viel unterwegs, weil die Oberliga für mich totales Neuland ist. Wie gesagt, eigentlich hatte ich mich auf die Regionalliga Süd eingestellt. Aber es ist ganz wichtig, dass man hier einen guten Überblick hat und keinen einzigen Gegner unterschätzt. Gleichgültig wie er heißt.

SPIEGEL ONLINE: Aber es wäre schon schöner, wieder gegen größere Vereine anzutreten?

Labbadia: Das ist klar, und ich habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass unser Ziel nur der sofortige Wiederaufstieg sein kann und sein muss. Wenn wir das nicht schaffen, wird jeder sagen, der Labbadia hat ein großes Mundwerk gehabt. Aber es geht hier nicht ums Mundwerk, sondern um ein Ziel, auf das ich hinarbeiten will.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig ist es für einen Traditionsverein wie Darmstadt 98, sich sportlich und wirtschaftlich wieder nach oben zu arbeiten?

Bruno Labbadia (im Bielefelder Trikot): "Ich renne auch nicht als Träumer durch die Gegend"
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Bruno Labbadia (im Bielefelder Trikot): "Ich renne auch nicht als Träumer durch die Gegend"

Labbadia: Ich denke, dass viele Menschen eine ganz falsche Vorstellung von der Führung eines Fußballvereins haben. Die meinen, in der vierten Liga ist das doch ganz einfach. Doch damit liegen sie falsch. Nichts ist einfach! Schon gar nicht bei einem Traditionsverein, der oft noch in der Vergangenheit lebt und gar nicht merkt, dass sich mittlerweile einiges verändert hat. Ich habe auch hier in Darmstadt gleich zu Beginn deutlich darauf hingewiesen, dass wir seit zehn Jahren nicht mehr in der zweiten Liga waren. Wir müssen ganz kleine Brötchen backen und uns Schritt für Schritt wieder nach oben kämpfen. Das ist insbesondere unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine Riesenherausforderung. Immerhin fehlen uns in der Oberliga 400.000 Euro Fernsehgelder.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Wechsel auf die Trainerbank haben Sie eine erfolgreiche Fußballerkarriere beendet. Wie sieht heute Ihre persönliche Bilanz aus?

Labbadia: Ich müsste eigentlich jeden Tag in die Kirche gehen und sagen: Vielen Dank, dass ich diesen Job machen durfte! Ich habe unglaublich gern Fußball gespielt, aber ich hatte auch kein Problem, die Schuhe an den Nagel zu hängen, weil das Karriereende sehr positiv war. Der Klassenerhalt mit dem Karlsruher SC bedeutet für mich auch jetzt noch so viel wie eine Meisterschaft, weil er unter ganz schwierigen Umständen zustande kam. Ich hatte übrigens auch schon einen Anschlussvertrag als Sportdirektor in Karlsruhe, aber die wirtschaftliche Situation des Vereins wurde dann sehr prekär, so dass wir uns schließlich doch getrennt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wohin soll der Weg in den nächsten Jahren führen? Als Spieler sind Sie von Darmstadt schließlich gleich zum HSV gewechselt.

Bruno Labbadia (im KSC-Trikot): "Heiligabend schon mal eingeschlafen"
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Bruno Labbadia (im KSC-Trikot): "Heiligabend schon mal eingeschlafen"

Labbadia: Das ist schon richtig, aber so weit denke ich jetzt nicht. Ich lebe absolut im Heute, und habe gar keine Zeit, mich mit solchen Überlegungen zu beschäftigen. Aber ich muss ohnehin niemandem etwas beweisen. Außer mir selbst natürlich. Deshalb renne ich auch nicht als Phantast und Träumer durch die Gegend. Ich werde hier meine Arbeit so gut wie irgend möglich machen. Im Übrigen gilt das, was ich meinen Spielern sage, natürlich auch für Trainer: Es darf im Hinblick auf die Motivation keine Rolle spielen, ob Du einen oder eine Million Euro bekommst - wichtig ist, dass Du mit Leib und Seele dabei bist.

SPIEGEL ONLINE: Kurz vor Weihnachten treffen Sie sich doch eigentlich immer mit den Sportkameraden Ihres Jugendclubs SV Weiterstadt. Bleibt dafür auch in diesem Jahr Zeit?

Labbadia: Selbstverständlich, denn diese frühen Jahre haben mich sportlich und menschlich geprägt. Die Mannschaft hat mich später auf jeder meiner Stationen besucht, und diese Tradition werden wir auf jeden Fall beibehalten. Früher haben wir uns allerdings immer am 23. Dezember getroffen und sind dann schon mal Heiligabend eingeschlafen. Aus familiären Rücksichten nehmen wir jetzt den 22.

SPIEGEL ONLINE: Und dann wird wieder bis fünf Uhr früh gepokert?

Labbadia: Das kann schon mal passieren.

Die Fragen stellte Thorsten Stegemann



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