Länderspiel Ein undenkbarer Anfall von Selbstkritik

Nach der 1:2-Niederlage seiner Mannschaft im Testländerspiel gegen Dänemark sucht Teamchef Rudi Völler gar nicht erst nach Entschuldigungen.

Von Thomas Lötz


Deutsch-Dänisches Fußballballett: Ebbe Sand und Jens Nowotny beim Pas de Deux
DPA

Deutsch-Dänisches Fußballballett: Ebbe Sand und Jens Nowotny beim Pas de Deux

Kopenhagen - Es war absurdes Theater, das sich nach dem Abpfiff in den abgelegensten Katakomben des Stadion "Parken" abspielte. Auf seiner Suche nach Klärungsbedarf für die enttäuschende Vorstellung der Nationalmannschaft bei der 1:2-Niederlage im Testspiel gegen Dänemark hatte sich der deutsche Pressetross weit vorgewagt. Nachdem sie die diensthabenden Ordner beiseite gedrängt hatten, suchten die Reporter von Print, Funk und Fernsehen in den Worten der Spieler Ursachen für das schier Unfassbare auszumachen: Mannschaften unter Teamchef Rudi Völler können Spiele verlieren.

Schnell stellte sich heraus, dass die Anwesenden sich den Weg in den vielleicht gerade mal zweieinhalb Meter breiten und verflucht kalten Waschbeton-Gang hätten sparen können. Während Torwart Oliver Kahn darüber nachdachte, wie schwer es sei, den Gedanken aus den Hinterköpfen zu verbannen, dass es in einem Freundschaftsspiel "um nichts geht", versuchte sich Abwehrchef Jens Nowotny in einer anderen Deutung der 90 Minuten von Kopenhagen. "Wir sind eine Mannschaft, die nicht mit 95 Prozent der Leistung auskommt", bilanzierte der Leverkusener. Mittelfeldspieler Mehmet Scholl schließlich schob sich, an einer Wasserflasche nuckelnd, mundfaul vorbei: "Wir haben heute nicht gut genug gespielt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen."

Alle waren sie im Recht, auf den Punkt gebracht aber hatte Teamchef Rudi Völler die Angelegenheit schon zuvor. Da hatte der 40-Jährige einen jener Auftritte absolviert, die offenkundig machen, warum "Rudi Riese" derzeit diese Popularität, diesen Respekt und das Vertrauen einer enttäuschten Fußballnation genießt. Nachdem er sich beim dänischen Coach Morten Olsen für sein Zuspätkommen zur Pressekonferenz entschuldigt hatte, begann Völler mit einer simplen wie offenen Analyse.

"Ich habe es nicht verstanden, die Mannschaft so auf den Platz zu bringen, wie ich mir das vorgestellt hatte", gestand der DFB-Teamchef in einem für seine Vorgänger völlig undenkbaren Anfall von Selbstkritik. Zwar habe er in den Tagen vor dem Spiel versucht, seinen Kickern einzuschärfen, dass man auch in einem Freundschaftsspiel gegen Dänemark das hundertprozentige Leistungsvermögen abrufen müsse. Am Ende aber sei die Laufbereitschaft seiner Spieler alles andere als ausreichend gewesen. "Die Dänen haben uns vorgemacht, wie man schnell nach vorne spielt."

Von Beginn an hatte die gastgebende Mannschaft die Worte ihres Trainers Olsen in gerade mal zur Hälfte gefüllten Stadion umgesetzt. "Wir wollten unser Spiel machen und uns nicht anpassen", sagte der Däne, der wie sein Kollege Völler nach einer verkorksten Europameisterschaft einen Neustart initiieren soll. Dänemark attackierte die nach Worten von Kapitän Oliver Bierhoff "phlegmatisch" wirkende deutsche Mannschaft mit bis zu vier Stürmern. Die weit aufgerückte Viererkette der Rot-Weißen machte die Räume eng, und mittels cleveren Verschiebens brachten die Dänen in nahezu jeder Situation mindestens einen Mann mehr in Ballnähe.

Zwar bot sich Bierhoff Mitte der ersten Halbzeit zweimal die Chance Deutschland in Führung zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt aber hätte es schon 2:0 für Dänemark stehen können. Die Gastgeber knüpften, was die Verwertung ihrer zahlreichen Möglichkeiten anging, zunächst allerdings nahtlos an die Form der Europameisterschaft an, als ihnen in drei Spielen kein Treffer gelungen war. Das änderte sich nach einer knappen Stunde. Nach einem langen Diagonalpass des Ex-Hamburgers Thomas Gravesen fiel das 1:0 für Dänemark durch Dennis Rommedahl. Im Laufduell mit dem Stürmer des PSV Eindhoven zeigte Abwehrspieler Thomas Linke gewohnte Antrittsschwächen, Oliver Kahn war gegen den platzierten Schuss machtlos.

Keine zehn Minuten nach dem zweiten Länderspieltor seiner mit fünf Einsätzen noch jungen Nationalmannschaftskarriere legte der 22-jährige Rommedahl das 2:0 nach, und wieder gaben das deutsche Mittelfeld und die Hintermannschaft eine umnachtete Vorstellung ab. So konnte Debütant Mark Nygaard Ingo Hertzsch auf dem Flügel überlaufen, und während sich Nowotny und Linke noch zu Ball, Gegner und sich selbst orientierten, hatte Rommedahl die Flanke längst eingedrückt. "Defizite in der Rückwärtsbewegung" machte Jens Nowotny nicht nur in dieser Situation aus.

Als Mehmet Scholl in der 81. Minute dann mit einem indirekten Freistoß auf 1:2 verkürzte, begann eine panische Schlussoffensive der deutschen Mannschaft, die vor allem zur Erleichterung für Rudi Völler nicht noch den Ausgleich brachte. "Das hätte nur dazu geführt, dass wir uns wieder etwas vorgelogen hätten", sagte der Teamchef und ließ sein kumpelhaftes Augenzwinkern mal vermissen, "so war es eine gute Lehre für uns alle, für mich und für die Spieler."



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