Länderspiel gegen die Schweiz Es wird ernst

Die Ruhe trügt: Vor dem Testspiel der Nationalelf in Basel wirkt die Atmosphäre alles andere als angespannt - doch für eine Reihe deutscher Spieler ist es die entscheidende Probe vor der Nominierung des Aufgebots. Auch Jens Lehmann sollte sich keine Patzer leisten.


Zwölf Uhr Mittag in Basel, eine Stadt duckt sich vor dem Nieselregen weg. Ganz allmählich bevölkern sich die Bistros und Cafés, in denen – die Schweiz erinnert nicht nur kulinarisch in vielem an Italien – Café Crème und Espresso getrunken werden.

Nationaltorhüter Lehmann: "Mehr Ausstrahlung und Dominanz"
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Nationaltorhüter Lehmann: "Mehr Ausstrahlung und Dominanz"

Vergangenen Mittwoch dürfte es in Basel genauso ausgesehen haben und nächste Woche um diese Zeit wird es nicht anders sein. Dass in dieser Stadt in ein paar Stunden ein Länderspiel mit 40.000 Zuschauern angepfiffen wird – man würde es nicht glauben, wenn am Marktplatz nicht bereits vier mit Fanschal ausgestattete Herren aus Gütersloh eine Bratwurst ("Chlöpfer") verzehren würden.

Der Barfüßerplatz, vor Heimspielen des FC Basel einer der beliebtesten Fantreffpunkte, ist fußballerisch gesehen hingegen komplett verwaist. In der alteingesessenen Bierkneipe hinter der Tram-Haltestelle ist man sich jedoch sicher, dass das nur "die Ruhe vor dem Sturm" ist: "In ein paar Stunden tanzt der Bär." Und das offenbar, ohne sich vorher warm machen zu müssen.

Aversionen gegen die Deutschen sind hier nicht zu spüren – und dass ein Boulevardblatt in großen Lettern fragt: "Vergeht den Deutschen heute das Lachen?", ruft bei den meisten Lesern wohl höchstens ein müdes Lächeln hervor. Eine Rivalität, wie sie etwa zwischen dem anderen EM-Gastgeber Österreich und Deutschland zumindest beim Fußball besteht, lässt sich in der Schweiz beim besten Willen nicht herbeischreiben.

Das liegt auch am Auftreten der Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Der deutsche Tross achtet penibel darauf, sich höflich und bescheiden zu präsentieren. Das fängt bei Bundestrainer Joachim Löw an, der die Schweizer Equipe ("einer der EM-Favoriten") und ihren Trainer in den höchsten Tönen lobt und hört bei Pressechef Harald Stenger auf, der sich bei der gestrigen Medienkonferenz immer wieder für die Freundlichkeit und Kulanz der eidgenössischen Gastgeber bedankte.

Es mag in der Vergangenheit häufig anders gewesen sein, anno 2008 scheint es der DFB-Prominenz wichtig zu sein, dem Bild vom arroganten Nachbarn keine Nahrung zu geben. Auf dem Platz allerdings soll es mit der Höflichkeit vorbei sein.

Ernsthafter Test

Obwohl beide Teams viele Verletzte zu beklagen haben, sehen sie das Spiel heute Abend als ernsthaften Test. Im deutschen Lager dürfte das Hauptaugenmerk auf der Abwehr liegen. Nach dem schlimmen Spiel gegen Österreich hörten sich die Worte, die Jogi Löw seinem Stammkeeper Lehmann mit auf den Weg gab, längst nicht mehr nach einem Freibrief an: "Er muss wieder mehr Ausstrahlung und Dominanz beweisen."

Gut möglich, dass sich heute Abend die Frage beantwortet, ob Lehmann der deutsche EM-Torwart sein wird. Er muss dazu offenbar nicht unbedingt deutlich besser sein als die Enkes, Neuers, Hildebrands oder Adlers. So inkonstant und fehlerbehaftet wie zuletzt häufig sollte sein Spiel allerdings auch nicht bleiben.

In der Innenverteidigung ist die Frage nach der Wunschbesetzung für die EM hingegen beantwortet. Neben Per Mertesacker wird jedoch statt des verletzten Christoph Metzelder der Herthaner Arne Friedrich verteidigen. Auch der Ersatz des Ersatzes, Heiko Westermann von Schalke 04, dürfte eine längere Einsatzzeit bekommen, schließlich soll er ebenso wie Friedrich beweisen, dass Löws Entscheidung, den Leverkusener Manuel Friedrich nicht zu nominieren, richtig war.

Auf den Außenbahnen spielen die beiden Münchner Marcell Jansen und Philipp Lahm, dem derzeit allenfalls Franz Beckenbauer – der Kolumnist, nicht der Funktionär – eine Formkrise attestiert. Die allerdings hat Bastian Schweinsteiger fast schon so lange, dass sein Image als Sommermärchen-Fußballer nur mit einer enormen, vor allem aber nachhaltigen Leistungssteigerung auszulöschen zu sein dürfte.

Während Thomas Hitzlsperger und der von Teamchef Oliver Bierhoff mit Lob überschüttete Michael Ballack ("ich glaube, es wird eine ganz große EM von ihm") als stabil gelten, bekommt Bernd Schneider nach seiner Verletzung die Chance, sich weiter zu steigern.

Gleiches gilt für Miroslav Klose, dessen Status als einziger deutscher Stammstürmer unangetastet bleibt. Neben ihm wird Mario Gomez von Beginn an auflaufen, dem Bierhoff auf der gestrigen Pressekonferenz "eine wunderbare Entwicklung" bescheinigte. Ein Treffer von ihm gegen die Schweiz könnte dann sogar endlich mal für ein bisschen Ärger über die Deutschen sorgen. Aber auch nur ein bisschen.

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