Länderspiel in Leipzig Deutsche Elf rasiert harmlose Löwen

Ballack, Kuranyi, Klose - die üblichen Verdächtigen haben dafür gesorgt, dass die deutsche Nationalelf auch im vierten Spiel unter Bundestrainer Klinsmann ungeschlagen bleibt. Allerdings wurde der 3:0-Sieg gegen Kamerun erst durch die konfuse Vorstellung der Gäste ermöglicht. Deren Trainer Schäfer wurde nach dem Spiel gefeuert.

Von , Leipzig


Aufgebracht am Spielfeldrand: Winfried Schäfer
DDP

Aufgebracht am Spielfeldrand: Winfried Schäfer

Leipzig - Winfried Schäfer starrt ins Leere. Er scheint einen Punkt im Raum zu suchen, den er fixieren kann, der ihm Halt gibt. Schäfers Mannschaft, das stolze Team aus Kamerun, ist vor wenigen Minuten gedemütigt worden, jetzt soll der Trainer die Frage nach seiner Zukunft beantworten. Schäfers Augen sagen: "Ich tu mir das nicht länger an." Sein Mund sagt: "15 Minuten nach dem Spiel kann ich nicht über meine Zukunft reden."

Doch nur wenige Stunden später muss er nicht mehr selber nachdenken: Der Sportminister von Kamerun höchstpersönlich hat eine Entscheidung getroffen. Winfried Schäfer ist mit sofortiger Wirkung gefeuert.

Im Leipziger Zentralstadion hatte sich Schäfers Rudel "unbezähmbarer Löwen" wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen präsentiert und gegen die deutsche Nationalmannschaft mit 0:3 (0:0) verloren. "Kamerun hat sich nur gestritten," erzählte Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger. "Das sind alles gute Einzelspieler, aber als Mannschaft haben die nicht funktioniert."

Streit in der Mauer

Kurzzeitig sah es bei einem Freistoß für den Gegner sogar so aus, als würden sich zwei der Federviecher gegenseitig an die Gurgel gehen. Das Kameruner Chaos vervollständigte Mittelfeldgockel Djemba-Djemba: Zehn Minuten vor dem Ende sah der Mann von Manchester United wegen Meckerns die Gelb-Rote Karte.

Noch einen Tag zuvor hatte nach außen Optimismus im Lager der Afrikaner regiert. Schäfer erzählte von der Dankbarkeit, die er seinen Spielern gegenüber empfinde. "Sie haben mir den Spaß am Fußball zurückgegeben." Kapitän Rigobert Song versprach im Namen einer hoch motivierten Mannschaft, man werde sich in Leipzig für das 0:2 in der Vorrunde der WM 2002 revanchieren. Und auch Stürmerstar Samuel Eto'o vom spanischen Renommierclub FC Barcelona wollte sich in diesem "sehr wichtigen Spiel" zerreißen - obwohl er am kommenden Sonntag mit seinem Verein auf Real Madrid trifft.

Fotostrecke

6  Bilder
Rotes Glück: Abwehr steht, Mittelfeld spielt, Sturm trifft

Im Zentralstadion war von all dem nichts zu sehen. Der hoch gelobte Eto'o schoss in neunzig Minuten ein einziges Mal aufs Tor - und zeigte ansonsten immer dann Emotionen, wenn es irgendwo auf dem Platz etwas zu meckern gab. Und Abwehrrecke Song, Kapitän und "Führungsspieler" (Schäfer), ließ sich erst von Philipp Lahm düpieren, dann von Schweinsteiger Knoten in die Beine spielen - und zuletzt von Kevin Kuranyi zu einem mittelschweren Ausraster provozieren.

Dritter Sieg im vierten Spiel

Ein Prämienstreit am Tag vor dem Spiel, bei dem Schäfer mehr als eine Stunde vermittelte, hatte die Löwen verunsichert. Und den Deutschen zum Nachdenken gebracht. "Wenn man vor einem Länderspiel eine Stunde mit Funktionären reden muss, dann arbeitet man gegen den Erfolg."

Schäfers Pendant Jürgen Klinsmann im Moment in Zusammenhang mit Problemen zu bringen, wäre geradezu paradox. Der Bundestrainer feierte den dritten Sieg im vierten Spiel und bleibt in seiner Amtszeit ungeschlagen. "Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, der Mannschaft zuzuschauen", sagte Klinsmann.

Vor dem Anpfiff hatte er für eine kleine Überraschung gesorgt, als nicht wie erwartet der 21-jährige England-Profi Moritz Volz (Fulham) sein Länderspieldebüt gab, sondern der eigentlich offensive Leverkusener Bernd Schneider rechts in der Viererkette verteidigte. "Wir haben uns für Bernd entschieden, weil er erfahren ist." Und vielleicht, weil Schneider an diesem Abend seinen 31. Geburtstag feierte.

Souveräne Innenverteidigung

Ohne einen weiteren Debütanten, dafür aber mit signalroten Trikots setzte das deutsche Team den Aufwärtstrend der vergangenen Wochen fort. Die junge Innenverteidigung, in der erstmals Robert Huth vom englischen Premier-League-Club FC Chelsea und der Hannoveraner Per Mertesacker gemeinsam von Anfang an spielten, blieb über 90 Minuten fast beschäftigungslos. "Zwei Schüsse aufs Tor, das war's", sagte Huth nach dem Spiel mit einem Schulterzucken.

Michael Ballack: Einfach überall
DPA

Michael Ballack: Einfach überall

Im Mittelfeld setzte Klinsmann auf Ernst, Schweinsteiger und Frings - und fühlte sich nach dem Spiel bestätigt: "Unglaublich, wie viele Bälle wir schon im Mittelfeld zurückgewonnen haben."

Dazu scheint sich jeder Stürmer, den Klinsmann im Moment zur Nationalmannschaft einlädt, vorher mit Zielwasser zu besaufen. Kevin Kuranyi trifft, wie er will - mit der wichtigen Führung gegen das Schäfer-Team erzielte der Stuttgarter bereits sein fünftes Tor im dritten Spiel. Miroslav Klose traf gegen Kamerun sogar doppelt und wird unter Klinsmann langsam zum Chancentod a. D. "Der Trainer hat mir Selbstvertrauen gegeben, mich sogar in den Mannschaftsrat gewählt, deshalb läuft es", erklärte Kuranyi.

"Pressing, Umschalten"

Der Bundestrainer hat es geschafft, eine Mannschaft zu formen, die in der Abwehr sicher steht und - im Gegensatz zu seinen Vorgängern - auch noch regelmäßig Tore schießt. Dabei überrascht ihn das Tempo, mit der das junge Team die Vorgaben des neuen Trainergespanns ("Pressing, Umschalten") umsetzt, selbst: "Es sind immer Fragezeichen dahinter, wenn man einen jungen Spieler bringt. Aber wenn ich mir Mertesacker anschaue, das ist eine Freude", sagte Klinsmann. Die Spieler dürften sich sogar Fehler erlauben - "doch sie machen keine".

Und dann ist da noch Michael Ballack. Gegen Kamerun war der Münchner Spielmacher der Mann mit gefühlten tausend Ballkontakten - einfach überall. Schon nach 24 Minuten hatte der Kapitän mit einem Freistoß die Führung für die deutsche Mannschaft erzielt - bis das Tor aberkannt wurde, weil der Schiedsrichter den Ball nicht freigegeben hatte. In der 71. Minute bereitete Ballack den Führungstreffer von Kevin Kuranyi vor - mit seinem Außenrist legte er dem Stürmer den Ball genau in den Lauf. Zehn Minuten zuvor war der beste Spieler auf dem Platz innerhalb kürzester Zeit erst mit einem erfolgreichen Diagonalpass über 40 Meter aufgefallen, dann mit einem perfekt getretenen Freistoss und schlussendlich mit einem Kopfball, der das Gehäuse von Katemi nur knapp verfehlte.

Gegen Kamerun wurde wieder deutlich, wie wichtig Ballack für die Mannschaft ist. Und wie richtig Klinsmanns Entscheidung, den 29-Jährigen dort aufzustellen, wo er am gefährlichsten ist: direkt hinter den Spitzen. Ballack nutzte die Quasi-Narrenfreiheit - und fügte den bisher guten Spielen unter Klinsmann eines seiner besten des Jahres hinzu. Umso mehr verwundert es, dass der Regisseur bei Bayern München vor der Abwehr seinen Dienst verrichten muss. Denn im Verein lässt Trainer Felix Magath den Mann offensiv spielen, der Ballack in der Nationalmannschaft den Rücken freihält: Torsten Frings.

Deutschland - Kamerun 3:0 (0:0)
1:0 Kuranyi (71.)
2:0 Klose (78.)
3:0 Klose (88.)
Deutschland: Lehmann (FC Arsenal/35 Jahre/21 Länderspiele) - Schneider (Bayer 04 Leverkusen/31/43), Mertesacker (Hannover 96/20/2), Huth (FC Chelsea/20/4), Lahm (VfB Stuttgart/21/13 - 66. Hitzlsperger/Aston Villa/22/2) - Frings (FC Bayern München/27/35) - Schweinsteiger (FC Bayern München/20/7), Ernst (SV Werder Bremen/25/11 - 80. Borowski/SV Werder Bremen/24/6) - Ballack (FC Bayern München/28/48) - Asamoah (FC Schalke 04/26/22 - 62. Klose/SV Werder Bremen/26/43), Kuranyi (VfB Stuttgart/22/18)
Kamerun: Kameni (Espanyol Barcelona/20/24) - Song (Galatasaray Istanbul/28/90), Mettomo (1. FC Kaiserslautern/27/45 - 34. Perrier-Doumbé/Stade Rennes/26/21), Tchato (1. FC Kaiserslautern/29/48) - Geremi (FC Chelsea/25/72), Djemba-Djemba (Manchester United/23/29), Atouba (Tottenham Hotspur/22/26) - Mbela (Sporting Lissabon/24/2 - 55. Feutchine/POAK Saloniki/27/7), Makoun (OSC Lille/21/13), Eto'o (FC Barcelona/23/48 - 88. N'Diefi/Al-Gharafa/Katar/31/38) - Job (FC Middlesbrough/26/51 - 73. Bilayi/Paris St. Germain/23/1)
Schiedsrichter: de Santis (Italien)
Zuschauer: 54.200 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - / Song, Mettomo
Gelb-Rote Karte: Djemba-Djemba (Kamerun, 81.) wegen Meckerns



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.