Lahms Kritik an Bayern-Führung Im Namen des Trainers

Abgerechnet, abgewatscht: Nach der öffentlichen Kritik an seinem Verein hat sich Philipp Lahm bei den Bayern-Bossen entschuldigt. Doch der Nationalspieler bangt immer noch um die sportliche Zukunft seines Clubs - und vor allem um die des Trainers.
Profi Lahm, Trainer van Gaal: "Kann den Bau einer Mannschaft hinbekommen"

Profi Lahm, Trainer van Gaal: "Kann den Bau einer Mannschaft hinbekommen"

Foto: Boris Streubel/ Bongarts/Getty Images

Wer verstehen will, warum Philipp Lahm der "Süddeutschen Zeitung" ein derart kritisches Interview gegeben hat, der muss nur das Interview lesen, das er der "Süddeutschen Zeitung" gegeben hat.

Anfang Juni.

Der Bayern-Profi kritisierte Jürgen Klinsmann darin als konzeptlos und beratungsresistent. Gleichzeitig bezeichnete Lahm die Verpflichtung des neuen Trainers Louis van Gaal als "absolut wichtigsten Transfer". Van Gaal werde viel mehr aus dem Team herausholen als im vorigen Jahr, war sich Lahm sicher. Wenn die Taktik stimme, sei mehr gewonnen als durch viele Transfers.

Es ist in der Rückschau eine Thesensammlung, die sich nur in ihrer Vehemenz von derjenigen unterscheidet, die den FC Bayern München fünf Monate später erschüttert hat. Schon damals sah Lahm bei seinem ehemaligen DFB- und Vereinscoach Klinsmann elementare Defizite und erneuerte diese Kritik nun ("im Gegensatz zum letzten Jahr habe ich diesmal Hoffnung, weil ich Struktur erkennen kann"). Schon damals war ihm der nachhaltige Aufbau einer Mannschaft wichtiger als Transfers um des Geldausgebens willen. Und schon damals war Louis van Gaal für Lahm der Mann, der mit einem Konzept und einer Handschrift Halt und Erfolg versprach.

Trotz Platz acht in der Liga, trotz dem fast sicheren Aus in der Champions League, trotz vieler schwacher Auftritte: Lahm glaubt mehr denn je an van Gaal.

Fünf Monate hat sich der deutsche Nationalspieler die Entwicklung bei seinem FC Bayern München angeschaut. Fünf Monate des Umbruchs unter einem Trainer, der so vieles anders machte als sein Vor-Vorgänger Klinsmann und nach Lahms Ansicht vieles davon viel besser. Fünf Monate aber auch, in denen die Resultate ausblieben. In denen die Bayern zwar den Ball kontrollierten, aber die Stürmer keine Tore schossen. In München beginnt in solchen Situationen seit jeher immer derselbe Prozess. Erst werden die Profis in die Pflicht genommen und danach der Trainer in Frage gestellt. Es ist bei den Bayern ein ehernes Gesetz, dass der Coach "immer gleich Erfolg haben muss".

"Seine Experimente zeigen, dass er auch noch auf der Suche ist"

Das Fachblatt "Kicker" mutmaßte vor der Partie gegen Schalke bereits, bei einer Niederlage könne das Spiel van Gaals letztes sein - und es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die Bayern-Führung dieser Meinung anschließen würde.

Aber das wollte Philipp Lahm nicht.

"Ich glaube schon, dass wir mit diesem Kader besser spielen müssen", sagt Lahm, doch das liege vor allem an den Spielern. Sein Interview ist deshalb auch der Versuch, Louis van Gaal aus der Schusslinie zu nehmen. Lahm zeigt, dass die Probleme in München tiefer gehen und es viel zu kurz zielt, einem Mann allein die Schuld zuzuschieben. Einem Mann, der akribisch arbeitet, der viel Wert auf Taktik legt, der aber von den Spielern im Stich gelassen wird. "Seine Experimente und die unterschiedlichen Aufstellungen zeigen doch, dass er auch noch auf der Suche ist", sagt Lahm über van Gaal. Er ist immer noch überzeugt, dass er "den Bau einer Mannschaft hinbekommen kann".

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Foto: Christof Stache/ AP

Zum anderen handelte Lahm bei seiner Abrechnung, und das versichern Menschen aus seinem näheren Umfeld unisono, vor allem aus Sorge um die eigene sportliche Perspektive und das Wohl des FC Bayern München. "Er hat noch drei Jahre Vertrag, und die will er nicht in der Bedeutungslosigkeit verbringen", sagt einer, der ihn schon lange kennt. Lahm, der 2008 ein Angebot des FC Barcelona ausschlug, will unbedingt die Champions League gewinnen. Der Vorwurf der pikierten Bayern-Führung, Lahm habe die Kritik intern nie geäußert, ist offenbar auch nicht zu halten. Der Bayern-Vizekapitän, mit Unterbrechungen seit 1995 in München, habe im Zuge seiner Vertragsverlängerung "Dinge angesprochen", heißt es.

Philipp Lahm hat eine hohe Geldstrafe bezahlt für sein Interview. Aber er war mutig und hat der Bayern-Führung den Spiegel hingehalten. Diese hat sich offenbar so erschrocken, dass sie dem Spiegelhalter reflexartig auf die Finger klopfte. Einstweilen wird der Spiegel wohl erst mal wieder im Schrank verschwinden. Wie der FC Bayern München in einer Pressemitteilung verkündete, habe sich Lahm "in einem sehr offenen, ausführlichen und konstruktiven Gespräch für die Art und Weise seiner Aussagen und den eingeschlagenen Weg entschuldigt". Lahm habe eingesehen, dass es besser gewesen wäre, "mit seiner Meinung direkt den Weg zum Vorstand zu suchen". Von Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß, Karl Hopfner und Christian Nerlinger, so heißt es weiter, "wurde er ermutigt und auch aufgefordert, künftig seine Meinung im direkten Dialog mit den Verantwortlichen zu besprechen".

"Die vom Vorstand ausgesprochene Geldstrafe wurde von Philipp Lahm akzeptiert. Für beide Seiten ist die Angelegenheit vom Wochenende damit erledigt."

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