Langzeitpatient Brdaric Der Traum vom Comeback im Nationalteam

2. Teil: Schlechtes Image - wieso Thomas Brdaric von vielen Fans verachtet wird


Die Heilung ist dann tatsächlich im Oktober 2007 so weit vorangeschritten, dass Brdaric mit den Reha-Maßnahmen beginnen kann. Nach einem Besuch bei seinem Freund Michael Ballack in London und dessen aufmunternden Worten beginnt Brdaric nach einem Rehazentrum zu suchen. Seine Ansprüche sind gewachsen; er sieht in London, wie sehr manche Reha-Programme, die er bis dahin kannte, modernen Behandlungsmethoden hinterherhinken. Auf der Suche nach einem Rehazentrum in Deutschland stößt er auf das Medicos. Brdaric ist begeistert und kommt im Januar 2008 nach Gelsenkirchen.

Ein Unterschied zwischen dem kaputten rechten Knie und dem heilen linken ist von außen kaum ausmachen. Brdaric bewegt sich zwar noch zaghaft durch die Räume des Rehazentrums, doch immerhin bewegt er sich überhaupt und ohne fremde Hilfe. Wenn Brdaric nicht mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Gewichte stemmt, lächelt er. Unentwegt. Auch dann, als ein älteres Ehepaar vorbeigeht, und sie flüstert: "Ist der berühmt?". Der Mann zuckt mit den Achseln.

Es war nie einfach, Thomas Brdaric gut zu finden. Im Grunde war es sogar ziemlich leicht, ihn nicht zu mögen. Brdaric hat merkwürdige Sachen gemacht und noch merkwürdigere Sachen gesagt. Vor einigen Jahren gab er sich den Spitznamen "Die Wilde 13", er nahm eine CD auf. Im Interview mit dem Magazin "RUND" äußerte Brdaric einst, dass er sich über ein 4:4 mit vier eigenen Toren mehr freuen würde als über ein 1:0-Sieg, ohne selbst den entscheidenden Treffer markiert zu haben.

Er hätte wissen müssen, dass der Boulevard daraus große Schlagzeilen macht. Als ihn der damalige 96-Trainer Peter Neururer deshalb aus dem Kader strich, fühlte er sich unverstanden, bis heute spricht Brdaric nur noch von einem "gewissen P Punkt N Punkt". Brdaric war selten der, der sich selbst in Frage stellte. Schuld hatten zumeist die anderen, vor allem die Trainer, die ihn nicht spielen ließen. Über die Jahre verfestigte sich so das Bild eines Egoplayers, eines Spielers, der sich selbst stets ein wenig überschätzt.

Und auch heute sagt der Stürmer mit den acht Länderspiel-Einsätzen hübsche Sätze wie: "Wenn ich nach der Verletzung wieder zweistellig treffe, dann ist die Nationalmannschaft ein Thema." Doch Brdaric, der im Rehazentrum einen 96-Trainingsanzug trägt, spricht dabei wie ein kleiner Junge, wie einer, der das alles gar nicht böse meint. Und dann wiederholt er seinen Lieblingssatz: "Wenn ich zweistellig treffe." Arrogant wirkt das nicht. Eher unbedarft, fast naiv. Nach all den Jahren als Profi. Sein Vertrag in Hannover läuft am 30. Juni aus.

Im Rehazentrum ist Brdaric stets darauf bedacht, dass es allen gut geht. "Alles klar bei dir?", fragt er die anderen Patienten, die neben dem Schwimmbecken mit dem Unterwasserlaufband stehen, oder die, die auf dem Fahrrad-Ergometer strampeln. "Klar Thommy", sagen sie. Und dann wieder: dieses Lachen, dieser jungenhafte Charme – eigentlich ist es ganz einfach, Thomas Brdaric sympathisch zu finden.

Um 16 Uhr hat Brdaric noch einen Termin. Holger Just, Leiter der Therapie, beugt und streckt das Bein. Wann Brdaric wieder fit wird, kann er nicht sagen, ob er überhaupt wieder spielen wird, auch nicht. "Ich mag keine Prognosen abgeben", sagt er, "es sieht alles sehr gut aus. Aber grünes Licht gebe ich erst, wenn sein Knie Belastungen ausgehalten hat, die denen im Spiel entsprechen".

Brdaric sieht glücklich aus am Ende dieses Tages. Natürlich fühle er sich gelegentlich alleine, das sei normal bei Rekonvaleszenten. Doch er hält den Kontakt zur Hannoveraner Mannschaft, er versucht bei den Spielen im Stadion zu sein. Wenn Trainer Dieter Hecking es erlaubt, ist er sogar in der Kabine dabei. Schließlich wirft Brdaric seine Tasche über die Schulter. "Wer will mit nach Hannover?", ruft er in die Runde. Als niemand antwortet, steigt er in seinen Wagen und düst davon.



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