Lasche Linie nach Krawallen Das gefährliche Spiel der Rostocker Polizei

Starre Haltung bei der Rostocker Polizei: Obwohl beim Zweitligaspiel gegen St. Pauli Flaschen flogen, viele Fans und Beamte verletzt wurden, bleibt sie bei ihrer Deeskalationstaktik. Dabei hat gerade das lasche Vorgehen zu dem Chaos geführt, schreibt Augenzeuge Mike Glindmeier.

Hamburg - Manchmal sollten sich die Behörden ein Beispiel am Fußball nehmen: Wenn dort eine Taktik versagt, ändert der Trainer beim nächsten Spiel das System. Von diesem logischen Reflex ist die Rostocker Polizei leider meilenweit entfernt. "Wir werden aber einige Dinge überdenken", sagte Rostocks Polizeidirektions-Direktor Peter Mainka heute. Grundsätzlich wolle man aber an der Deeskalationsstrategie festhalten.

Dass diese Taktik ein gefährliches Spiel ist, habe ich am vergangenen Freitag in Rostock persönlich vor Ort erlebt. Denn genau dieses Vorgehen hatte schwere Ausschreitungen am Rande der Zweitliga-Partie zwischen dem FC Hansa Rostock und dem FC St. Pauli (3:0) zur Folge. Da drängte sich vor vornherein die Frage auf, warum eine Sicherheitsbehörde Wiederholungstätern überhaupt einen solchen Vertrauenskredit gewährt hat. Ebenso unverständlich ist es, dass die Polizei trotz zahlreicher negativer Erfahrungen bei vergangenen Aufeinandertreffen der beiden Vereine den Ausschank von Bier des Rostocker Hauptsponsors im Stadion genehmigte und der Begegnung nicht den Status "Sicherheitsspiel" gab.

Als die St. Pauli-Fans, die mit dem Sonderzug am Nebenbahnhof Parkstraße angekommen waren, das Stadion erreichten, waren sie einem Angriff von mehreren hundert gewaltbereiten Hansa-Anhänger hilflos ausgeliefert. Aus dem Block neben dem Gäste-Eingangsbereich hagelte es über fast 15 Minuten Flaschen und Steine in Richtung der Gästefans. Auf meine Frage, wann denn die Polizei vorhabe, in den Block der Rostock-Fans zu gehen, statt sich hilflos in einer Reihe vor den Zaun zu stellen, sagte ein Polizist: "Wir würden ja gern, haben aber keinen Schlüssel."

St. Paulis Sicherheitsbeauftragter Sven Brux beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut: "Ich habe bereits im Vorfeld bei der Sicherheitsbesprechung gesagt, dass es an dieser Stelle knallen wird. Da waren auch Vertreter der Polizei anwesend", sagt Brux SPIEGEL ONLINE. Erst nachdem es bereits mehrere Verletzte auf beiden Seiten zu beklagen gab, verschaffte sich die Bundespolizei Zutritt in den Block und drängte die Angreifer zurück. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die Sicherheitsmaßnahmen auch im Stadion verschärft werden müssen.

Doch die Pufferzone zum Block der Rostocker im Stadion betrug nur wenige Meter, lediglich ein Dutzend Ordner sollten ein Aufeinandertreffen der beiden Fangruppen verhindern. Immer wieder versuchten die Rostocker während des Spiels, dichter an den St. Pauli-Block zu gelangen, der noch von einer Plexiglasscheibe geschützt war.

Dabei provozierten sie die als politisch links bekannten St. Pauli-Fans mit Hitlergrüßen, schwulenfeindlichen Rufen und durch das Werfen von Gegenständen. Im Polizeibericht heißt das: "Während des Spielverlaufs zeigten beide Fangruppen lediglich fantypisches Verhalten und es kam zu keinen nennenswerten Störungen." Diese krasse Fehleinschätzung lag vermutlich daran, dass während des Spiel nur wenige der 600 eingesetzen Polizisten im Innenbereich des Stadions waren.

Statt Polizeiunterstützung anzufordern, verließen die wenigen Ordner kurze Zeit nach dem Schlusspfiff die Pufferzone. Da die St. Pauli-Fans aus Sicherheitsgründen für 25 Minuten nach Spielende in ihrem Block bleiben mussten, waren sie somit leichte Beute für die Rostocker Angreifer, die versuchten, die Plexiglasscheibe zu übersteigen.

Als sich rund 300 St. Pauli-Anhänger zur Abwehr an die Trennwand stellten, griffen Hooligans sie mit zu Peitschen umfunktionierten Gürteln über die Scheibe an. Auch bei diesem Zusammenstoß gab es Verletzte. Die Polizei war weit und breit nicht zu sehen, die Ordner hatten sich zurückgezogen und der Stadionsprecher versuchte mehr schlecht als recht, deeskalierend zu wirken ("Leute, was soll das, wir haben doch gewonnen"). Im Polizeibericht heißt es dennoch: "Durch das von der Polizei verfolgte Prinzip, die Fanlager konsequent zu trennen, kam es zu keinem direkten Aufeinandertreffen der beiden Fangruppen." Konsequent war bis zu diesem Zeitpunkt im Stadion lediglich die Ignoranz der Polizei.

Aus der Vergangenheit nichts gelernt

Nachdem dann auch noch St. Paulis farbiger Angreifer Morike Sako rassistisch beleidigt wurde und sein Mannschaftskollege Fabian Boll von einem Feuerzeug getroffen, drängte St. Paulis Pressesprecher Christian Bönig die Ordner dazu, endlich einzugreifen. Erst nach etwa 15 Minuten ging die Polizei halbherzig in den Block und drängte die Randalierer zum Ausgang.

Geradezu grotesk erscheint dazu folgende Erklärung, die der DFB auf Nachfrage nach Sanktionen an diverse St. Pauli-Fans verschickte: "Aus Rostock wurde der Sportgerichtsbarkeit des DFB mitgeteilt, dass es im Stadion zu keinen größeren Zwischenfällen gekommen wäre. Zwar hätten Rostock-Fans versucht, den Block der St. Pauli-Fans zu stürmen, doch wäre dieser Versuch schnell von den Ordnungs- und Sicherheitskräften unterbunden worden."

Die Realität sah anders aus. Wären sich die beiden Fangruppen nach diesen Szenen außerhalb des Stadions an diesem Abend noch mal begegnet - es hätte mindestens Schwerverletzte gegeben. Das Gewaltpotenzial der Rostocker bekam dann die Polizei zu spüren, die mit viel Mühe verhinderte, dass die Anhänger des FC Hansa die Absperrung zu den St.-Pauli-Fans durchbrachen. "Die, die Stress gemacht haben, haben sich damit selbst in eine Lage gebracht, die nicht zu ihrem Vorteil ist", heißt es in der Polizeierklärung von diesem Mittwoch. Eine Sonderkommission sei gebildet worden, drei Personen haben Stadionverbot bekommen.

Wie wenig die Rostocker Verantwortlichen aus der Vergangenheit gelernt haben und wie naiv sie mit dem Problem der teilweise gewaltbereiten und rechtsradikalen Anhängerschaft umgehen, belegen die Aussagen nach der Partie. "Dazu kann man nicht mehr viel sagen", hatte Hansa-Trainer Frank Pagelsdorf nach dem Spiel geäußert. Aufsichtsrats-Vize Adalbert Skambraks hatte lieber erst gar keine Fragen zu dem Thema hören wollen. "Das soll man nicht so aufbauschen. Das sind doch Nebensächlichkeiten."

Der FC St. Pauli hat den DFB unterdessen detailliert über die Vorfälle beim Gastspiel in Rostock informiert . Als Wiederholungstätern droht den Rostockern eine Strafe, die von Bußgeld bis Punktabzug reicht. Auf eine Entschuldigung der Rostocker Verantwortlichen wartet man in Hamburg bis heute vergeblich.

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