Last-Minute-Bayern Dusel? Welcher Dusel?
Hamburg - 119 Minuten waren gespielt im Finale des Europacups der Landesmeister zwischen Atletico Madrid und dem FC Bayern, als das Unglaubliche geschah. Madrid führte am 10. Mai 1974 in Brüssel durch einen Treffer in der 114. Minute mit 1:0, der spanische Torwart Reina hatte seit 869 Minuten kein Gegentor mehr kassiert, Bayerns Stürmerstars Gerd Müller und Uli Hoeneß verzweifelten an der Atletico-Abwehr.
Da kam der kantige Verteidiger Georg Schwarzenbeck rund 25 Meter vor dem gegnerischen Tor an den Ball, machte ein paar Schritte und hielt drauf. Das Leder passte genau unten links ins Eck. Im Wiederholungsspiel siegten die Bayern 4:0 durch je zwei Tore von Uli Hoeneß und Gerd Müller.
Der längste Elfmeter
Ein Tor fiel nicht mehr in der unendlich langen Nachspielzeit der Bundesligapartie zwischen den Bayern und dem Hamburger SV am 9. Oktober 1982 - doch genau das ist die Geschichte. Die Spiele zwischen beiden Teams waren die härtesten Duelle jener Zeit in der Bundesliga - und oft hatten die Bayern das Nachsehen wie in der Saison 1981/82, als sie zu Hause nach einer 3:1-Führung noch 3:4 verloren, durch ein Tor von Horst Hrubesch in der letzten Minute (!) übrigens.
Doch an diesem Tag hatten die Bayern einen 0:2-Rückstand aufgeholt und zumindest zum 2:2 ausgeglichen, als Schiedsrichter Walter Eschweiler in der 90. Minute auf Elfmeter für den HSV entschied. Das war zwar vertretbar, aber das Münchner Publikum rastete dermaßen aus, dass es fast zehn Minuten dauerte, bis Manfred Kaltz zum Punkt schreiten konnte. Kaltz galt als fast unfehlbarer Strafstoßschütze, Bayerns neuer Torwart Jean-Marie Pfaff hatte sich wenige Wochen zuvor bei seinem Debüt restlos blamiert, als er einen Einwurf ins eigene Tor gelenkt hatte.
Kaltz lief an, schoss flach, Pfaff hielt. Das Olympiastadion tobte vor Begeisterung. Meister wurde am Ende trotzdem der HSV.
Kutzop und der Außenpfosten
Es war der 33. Spieltag der Saison 1985/86, als der Zweitplazierte FC Bayern beim Tabellenführer Werder Bremen antreten musste. Bei einem Sieg wäre Werder Meister gewesen. In der 89. Minute pfiff der Unparteiische Volker Roth Elfmeter für Bremen. Michael Kutzop, der als noch unfehlbarer galt als seinerzeit Manfred Kaltz, schnappte sich den Ball, verlud Bayern-Keeper Pfaff gekonnt - und traf nur den Außenpfosten. Die Partie endete 0:0.
Am letzten Spieltag verlor Bremen dann 1:2 in Stuttgart, Bayern fegte Mönchengladbach 6:0 vom Platz - und war Meister.
Trickser Effenberg und das Aus für Dynamo
Kommt das bekannt vor? 1:3 lag der FC Bayern im Halbfinal-Hinspiel der Champions League am 7. April 1999 bei der brillant aufspielenden Mannschaft von Dynamo Kiew zurück und drohte vollends im rasanten Kurzpassspiel der Ukrainer unterzugehen. Doch Schewtschenko, Rebrow und Co. versemmelten eine Chance nach der anderen. Da kam Stefan Effenberg in der 78. Minute auf die Idee, einen Freistoß aus eher ungefährlicher Position außen an der Mauer vorbeizuschnippeln und so den Torwart zu überraschen. Das 2:3 brachte Dynamo aus dem Konzept. In der 90. Minute legte sich dann Carsten Jancker den Ball selbst vor und traf per Seitfallzieher zum 3:3. Das Rückspiel gewannen die Bayern 1:0 und zogen ins Finale ein.
Das doppelte Last-Minute-Tor
Am 33. Spieltag der Bundesliga-Saison 2000/2001 war die 90. Minute schon angebrochen. Tabellenführer Schalke 04 hielt ein 0:0 in Stuttgart, während der FC Bayern als Zweiter nicht über ein 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern hinauszukommen schien. Da Schalke am letzten Spieltag die SpVgg Unterhaching erwartete, schien eine Vorentscheidung in der Meisterschaft gefallen.
Doch dann zogen fast in der gleichen Sekunde der Stuttgarter Krassimir Balakow und der Münchner Alexander Zickler ab und erzielten zwei herrliche Tore. Schalke verlor 0:1, Bayern siegte 2:1 und hatte plötzlich drei Punkte Vorsprung. Am letzten Spieltag aber sollte diese Dramatik noch übertroffen werden.
Meister in der Nachspielzeit
Am 34. Spieltag der Saison 2000/2001 siegte Schalke 04 5:3 gegen Unterhaching. Den Bayern genügte ein Unentschieden beim Hamburger SV, um den Titel zu holen. Bis zur 90. Minute stand es 0:0 - dann lenkte Sergej Barbarez den Ball per Kopf ins Tor von Oliver Kahn . Aber die Partie war noch nicht zu Ende. In der Nachspielzeit nahm HSV-Torwart Matthias Schober einen Rückpass mit der Hand auf. Der indirekte Freistoß war die letzte Aktion der Saison, alle anderen Partien waren bereits beendet.
Stefan Effenberg tickte den Ball an, Patrik Andersson schoss durch die wacklige Mauer genau ins linke untere Eck - Bayern war Meister und Schalke nur noch zweiter der Herzen.
Revanche in Belgrad
Im Halbfinale des Landesmeister-Cups 1991 erlebten die Bayern eine bittere Stunde in Belgrad. Bei Roter Stern hatten sie die 1:2-Heimniederlage aus dem Hinspiel aufgeholt, als Libero Klaus Augenthaler in der letzten Minute eine Abwehr zur Bogenlampe missriet und sich der Ball hinter Torwart Raimond Aumann ins Tor senkte - das Aus.
In der Uefa-Cup-Gruppenphase 2007/2008 gelang den Münchnern zumindest eine kleine Revanche. Bis zur 86. Minute führte Roter Stern Belgrad 2:1, dann brachte der eingewechselte, gerade 17 Jahre alte Toni Kroos eine Flanke in den Strafraum, die Miroslav Klose zum 2:2 verwertete. Es kam noch besser: In der 90. Minute traf Kroos selbst zum 2:3-Endstand.
Elfmeter in der 120. Minute
Im DFB-Pokalderby gegen den Stadtrivalen 1860 schienen sich die Bayern am 27. Februar 2008 reichlich zu blamieren. Gegen die geschickt verteidigenden "Löwen" fanden Sie kein Mittel, Toni und Franck Ribéry machten sich mit Schauspieleinlagen zum Gespött des Publikums. Bis zur 120. Minute. Da fuhr der Sechziger Chhunly Pagenburg Bayern-Stürmer Klose im Strafraum in die Beine. Den fälligen Elfmeter verwandelte Ribéry eiskalt - und der Traum von der Sensation war für 1860 vorbei.
Die bitterste aller Niederlagen
So viel Dusel und (weitaus mehr) Können und Willen den FC Bayern in vielen letzten Minuten schon gerettet haben mögen - so sehr traf sie auch die bitterste aller Endspiel-Niederlagen. Am 26. Mai 1999 führten sie im Champions-League-Finale bis in die Nachspielzeit gegen Manchester United 1:0, trafen Pfosten und Latte. Dann trafen Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer binnen zwei Minuten zweimal für ManU. Der Rest ist Geschichte.