Enthüllungsbuch über französischen Fußball "Niemand widersteht Ruhm, Macht und Geld"

Beim Fußball geht es nur um Geld, Frauen und Macht. Echte Freundschaft? Gibt es nicht. Ein französischer Ex-Profi hat jetzt in einem Buch über die Branche ausgepackt. Doch er maskiert sich - niemand soll wissen, wer er ist.

Anonymer Fußballer: "Der Gedanke, unerkannt zu bleiben, gefiel mir"
Hugo & Cie

Anonymer Fußballer: "Der Gedanke, unerkannt zu bleiben, gefiel mir"

Ein Interview von


Er war französischer Nationalspieler, bei den großen französischen Klubs Olympique Marseille und Paris St. Germain unter Vertrag und fast zwei Jahrzehnte lang ein Teil des Profigeschäfts. Jetzt hat der ehemalige Spieler ein Buch geschrieben, in dem er schonungslos mit der Branche abrechnet. Er will anonym bleiben, schreibt über sich selbst: "Wenn Zidane auf der Bekanntheitsskala eine 10 ist, war ich eine 6."

Angeblich wissen nur seine Frau und der Verleger, wer er ist. Letzterer bürgt im Vorwort dafür, dass die Leser es wirklich mit einem Ex-Profi zu tun haben; zu einem Interview war er nur per E-Mail bereit. "Je suis le footballeur masqué" ("Ich bin der maskierte Fußballer") ist eine bitterböse Lästerliste - und nebenbei auch eine Liebeserklärung an den deutschen Fußball.

SPIEGEL ONLINE: Herr maskierter Fußballer, Sie sind nicht mehr aktiv im Profifußball, spielen weder in der französischen Nationalmannschaft noch in der Ligue 1. Warum dieser Zirkus um Ihre Identität?

Fußballer: Auch wenn ich eine tolle Karriere hatte, hätte mir nie jemand vorgeschlagen, eine Autobiografie zu schreiben. Sowas machen Weltmeister, charismatische Typen, die sich gut verkaufen. Ich mochte es noch nie, im Rampenlicht zu stehen, habe aber trotzdem was zu sagen. Da hatte ich die Idee, genauso auszupacken wie damals der anonyme Profi in England, der "Secret Footballer". Der Gedanke, unerkannt zu bleiben, gefiel mir. Er macht es spannender.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch geben Sie im Buch viele Details preis. Sie schreiben, dass Ihre Eltern aus Martinique sind, über Ihre ehemaligen Klubs und dass Sie am Ende der Karriere mehrere Saisons in Russland spielten.

Fußballer: Es ist trotzdem unmöglich, mich zu identifizieren. Ich habe penibel darauf geachtet, kleine falsche Fährten zu legen, um von meiner Person abzulenken. Das Wesentliche ist alles wahr.

SPIEGEL ONLINE: Verstecken Sie sich auch deshalb, weil Sie ganz schön über Ihre Kollegen herziehen? Bixente Lizarazu nennen Sie einen selbstverliebten Blender, Ronaldinho einen Faulpelz. Und weil der kleingewachsene Mathieu Valbuena einen protzigen SUV fährt, vergleichen Sie ihn mit einem "Playmobil-Männchen in einem LKW".

Fußballer: Ach, ich erzähle doch nur mein Milieu, mein Leben, das ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, Fußball in Frankreich sei durch und durch ein Geschäft, noch dazu ein schlampig geführtes. Freundschaft und Teamgeist seien äußerst selten. Spricht aus Ihren Beschreibungen Enttäuschung?

Fußballer: Wirklich enttäuscht war ich nie. Wenn der Konkurrenzdruck so hoch ist wie im Profifußball, lernt man früh damit umzugehen. Natürlich habe ich mich mit ein paar Spielern auch richtig gut verstanden. Naja, jedenfalls solange wir aktiv waren.

SPIEGEL ONLINE: Zwischen den Zeilen liest man den Ekel, den sie angesichts des Fußball-Milieus verspüren. Sie selbst geben Ihre eigene Angeberei offen zu, Ihre Geldgier, die Teilnahme an Sauf- und Sex-Orgien. Wollten Sie Ihr Gewissen reinschreiben?

Fußballer: Ich sah das Schreiben nicht als Therapie an. Ich hatte einfach Spaß daran, alles zu erzählen. Dass das so gut tun würde, hatte ich nicht erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Aufzuschreiben, wie geldgeil, eifersüchtig, stillos und süchtig nach Aufmerksamkeit Ihre Mitspieler und Sie waren?

Fußballer: Sie übertreiben. Ich beschreibe nur, dass eben niemand der Anziehungskraft von Ruhm, Macht und Geld widersteht. Der Fußballer ist ein Mensch wie jeder andere. Das mit dem Stil ist ein gesellschaftliches Problem. Die meisten von uns kommen von ganz unten. Und wie die meisten Neureichen wissen etliche Profis nicht unbedingt, wie man mit Geld umgeht. Viele Spieler ähneln sich irgendwann total: Sie gehen in dieselben Klubs, fahren an dieselben Urlaubsorte, tragen die gleichen Klamotten und vögeln dieselben Frauen. Aber warum erwähnen Sie denn nicht mal die, denen ich im Buch schmeichle?

SPIEGEL ONLINE: Weil es nicht sonderlich viele davon gibt. Aber nehmen wir Ex-Nationaltrainer Raymond Domenech. Der kommt im Buch erstaunlich gut weg.

Fußball: Oh nein, über den habe ich nur gesagt, dass mir eine seiner Reden gut gefallen hat. Mehr nicht! Ich versichere Ihnen, ich finde ihn miserabel.

SPIEGEL ONLINE: Richtig gut gefällt Ihnen aber der deutsche Fußball. Sie bewundern Jürgen Klopp, die Disziplin der "Soldaten" des FC Bayern, den "sauberen" Transfermarkt. Finden Sie wirklich nichts Negatives an der Bundesliga?

Fußballer: Es ist wirklich schwer, etwas gegen die Bundesliga zu sagen. Das ist das absolute Vorbild heutzutage, uns bei Weitem überlegen. Und ich spreche noch nicht mal von der deutschen Nationalelf! Die Deutschen haben es geschafft, ihren Fußball zu revolutionieren. Eine Mannschaft zu sein. Wir Franzosen treten auf der Stelle. Bevor wir uns auf was einigen können, brauchen wir tausend Niederlagen und irgendwelche Krisensitzungen. Ich habe nie in Deutschland gespielt, aber nach allem, was Insider mir erzählen, muss die deutsche Fußballbranche einfach perfekt sein.

SPIEGEL ONLINE: Naja, Skandale gibt es hier auch. Zum Beispiel den um Monsieur Uli Hoeneß, der wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis sitzt.

Fußballer: Er hat echt betrogen? Wenigstens hat die Justiz ihn dafür verurteilt. Jetzt bezahlt er eben dafür, voilà.

SPIEGEL ONLINE: Sie reißen das Thema Doping im Buch nur kurz an, wundern sich, dass einige Spieler im Ausland plötzlich enorme Muskelmasse aufbauen.

Fußballer: Ich weiß einfach zu wenig über das Thema.

SPIEGEL ONLINE: Den Sportmediziner Müller-Wohlfahrt bezeichnen Sie in dem Kapitel als "deutschen Zauberer". Ist er Ihnen suspekt?

Fußballer: Ich beschuldige niemanden, ich sage nur, dass er irgendwelche Wunderkräfte haben muss. Er sieht 30 Jahre jünger aus, als er ist. Bravo!

SPIEGEL ONLINE: Ihr Bild von Journalisten ist ziemlich deprimierend: Die Männer ducken sich vor den PR-Leuten, die Frauen steigen mit Spielern ins Bett. Steht es wirklich so schlecht um die Sportberichterstattung in Frankreich?

Fußballer: Es ist bei den meisten Medien so, dass ich nur noch verwundert den Kopf schütteln kann, sobald es um Fußball geht. Furchtbar. Und wie sie nach drei Spielen einen Fußballer zum Star hochjubeln - das ist richtig beknackt.

SPIEGEL ONLINE: Seitdem die französische Presse erste Auszüge aus Ihrem Buch veröffentlicht hat, wird in Frankreich wild über ihre Identität spekuliert. Namen wie Jérôme Rothen, Sylvain Wiltord, Alou Diarra oder Vikash Dhorasoo kursierten. Haben Sie damit gerechnet?

Fußballer: Am Anfang hat mir das Angst gemacht. Ich wollte nicht, dass man diese Spieler meinetwegen belästigt. Aber dann habe ich mich prächtig amüsiert über das ganze Gehabe. Am Ende ist es doch total egal, wer ich bin. Es zählt nur, was in dem Buch steht.

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insgesamt 16 Beiträge
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greatsouthern 10.04.2015
1. Müller-Wohlfahrt
sieht ja tatsächlich weit weit jünger aus. Zauberkräfte? Er hat sich einfach über Ernährung informiert und daraus seine Schlüsse gezogen, wie er in Interviews erzählt.
metalslug 10.04.2015
2. Er hat echt betrogen?
Haha, zu geil. Ne, hat er natürlich nicht, alles cool alter.
Boesor 10.04.2015
3.
Alles super in der BuLi? Der Kerl kommt ziemlich naiv rüber.
gersois 10.04.2015
4.
Gähn!
thapk 10.04.2015
5.
Ein Bericht von Proleten über Proleten.
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