Geschenktes Tor in Englands Zweiter Liga "Die ganze Welt sollte sich das anschauen"

Es war eine der kuriosesten Szenen des Fußballjahres: Leeds-Trainer Marcelo Bielsa verordnete seinem Team ein Gegentor - aus Fairplay-Gründen. Einige Kollegen sind des Lobes voll, aber nicht jedem gefällt die Aktion.

Leeds-Trainer Marcelo Bielsa
Clint Hughes / DPA

Leeds-Trainer Marcelo Bielsa


Was ist passiert?

Im englischen Zweitligaspiel zwischen Leeds United und Aston Villa (1:1) kam es am Sonntag zu einer wirklich außergewöhnlichen Szene. Die Leeds-Profis ließen ihren Gegner ein Tor schießen, und das auf Anweisung ihres Trainers, Marcelo Bielsa. Der Grund: Kurz zuvor hatte Leeds selbst getroffen, nach Auffassung Bielsas dabei aber gegen die Gebote des Fairplay verstoßen.

Villas Jonathan Kodjia war nach einem Zweikampf liegen geblieben, mehrere seiner Mitspieler hörten dann auf zu spielen und zeigten dem ballführenden United-Profi Tyler Roberts an, er solle den Ball ins Aus befördern und so eine Behandlung Kodjias ermöglichen. Roberts schien tatsächlich das Spielen einzustellen, dann brachte er den Ball aber zu Teamkollege Mateusz Klich, der das 1:0 erzielte. Durch das dann geschenkte Ausgleichstor endete die Partie unentschieden.

Hier sehen Sie die Szene im Video:

Hätte das Spiel unterbrochen werden müssen?

Nicht wirklich. Dass sich Fußballer weh tun und am Boden liegen bleiben, kommt oft vor. Was dann geschieht, bestimmen gemäß Regelwerk nicht seine Teamkollegen, sondern der Unparteiische. "Grundsätzlich entscheidet allein der Schiedsrichter nach seinem Ermessen, ob eine mögliche Verletzung so schwerwiegend ist, dass das Spiel unterbrochen werden muss", sagt Schiedsrichter-Coach und SPIEGEL-Experte Alex Feuerherdt. Das sei oft extrem schwierig für den Referee, weil er spontan urteilen müsse, ob ein Spieler ernsthaft verletzt sei oder nicht. Im konkreten Fall nicht einzugreifen, sei nicht abwegig gewesen, sagt Feuerherdt.

In der Praxis ist es meist so, dass Spieler den Ball trotzdem aus eigenem Antrieb ins Aus spielen, wenn, wie bei Leeds gegen Villa der Fall, Profis der gegnerischen Mannschaft zu spielen aufhören. Vermutlich habe der Schiedsrichter auf genau dieses ungeschriebene Gesetz vertraut, sagt Feuerherdt. "Regeltechnisch hat er nichts falsch gemacht, spieltaktisch wäre es aber klüger gewesen, die Begegnung zu unterbrechen." Das hätte geholfen, Ärger zu vermeiden.

Wie sind die Reaktionen auf die Geste?

"Bielsa tut dem Spiel einen großen Gefallen", schrieb die Zeitung "The Times", der Argentinier bringe "etwas Vernunft ins englische Tollhaus". Der frühere Arsenal-Trainer Arsène Wenger sprach von einer "bemerkenswerten Geste" und dankte Bielsa: "Sie spielen um die Premier League und es geht da um etwas", sagte Wenger beim Sender beIN Sports. "Die ganze Welt sollte sich das anschauen." Der "Telegraph" lobte Bielsas "große Integrität", ließ aber offen, ob der Trainer die richtige Entscheidung gefällt habe: "Es ist eine Grauzone."

Villas Trainer Dean Smith lobte sein Gegenüber für dessen Entscheidung, die Respekt verdiene. Bielsa selbst sagte, der englische Fußball sei nun mal "weltweit bekannt für seine Fairness". Die Entscheidung, dem Gegner ein Tor zu schenken, gefiel bei Leeds aber nicht allen. Abwehrspieler Pontus Jansson nämlich versuchte als einziger United-Profi, das 1:1 zu verhindern. Während seine Teamkollegen nichts taten, bemühte er sich, Villa-Stürmer Albert Adomah vom Ball zu trennen - und trat ins Leere.

Gab es das schon mal im Profifußball?

Zumindest hat es ähnliche Fälle gegeben. Zu den bekanntesten gehört ein Ereignis aus dem Jahr 1999, mit Trainerlegende Wenger in der Hauptrolle. Mit seinem FC Arsenal trat er damals zu Hause im FA Cup gegen Sheffield United an. Beim Stand von 1:1 schoss ein United-Profi den Ball ins Aus, weil sich sein Teamkollege verletzt hatte. Statt wie üblich den Ball an Sheffield zurückzuspielen, ging Arsenals Nwankwo Kanu in die Offensive, Sekunden später stand es 2:1. Nicht fair, fand Wenger - und bot Sheffield ein Wiederholungsspiel an. Das gewannen die Gunners dann ebenfalls.

Arsène Wenger (Foto aus dem Jahr 2002)
Phil Cole / Getty Images

Arsène Wenger (Foto aus dem Jahr 2002)

2007, ebenfalls in England, gab es diesen Fall: Im Ligapokal-Duell zwischen Nottingham Forest und Leicester City erlitt Leicesters Clive Clarke während der Halbzeitpause einen Herzstillstand; Clarke wurde ins Krankenhaus gebracht, die Partie abgebrochen. Zwischenstand: 1:0 für Forest. Als die Partie zehn Tage darauf wiederholt wurde, ließen Leicesters Abwehrspieler Nottinghams Paul Smith einen Treffer erzielen, damit der Spielstand aus der ersten Partie wiederhergestellt wurde. Endstand: 3:2 für Leicester. Übrigens: Smith war kein Stürmer, sondern Torhüter.

Bemerkenswert war auch das niederländische Pokalspiel zwischen Jong Ajax, der Nachwuchsmannschaft der Amsterdamer, und Cambuur Leeuwarden im Jahr 2005. Damals wollte Amsterdams Jan Vertonghen den Ball nach einer Behandlungspause zum Gegner passen, er schoss ihn weit in Richtung gegnerisches Tor - zu weit. Der Ball flog ins Netz, Verthongen hob beschwichtigend die Arme und zeigte an: Das war keine Absicht. Beim Wiederanpfiff ließen die Ajax-Talente ihren Gegner angreifen und ein Tor schießen. Da lag Amsterdam bereits 3:0 in Führung (Endstand: 3:1).

Aber: Bei einem solch engen Zwischenstand wie nun in Leeds während eines relevanten Spiels ein Tor abzuschenken - mit dieser Entscheidung hat Marcelo Bielsa tatsächlich für einen denkwürdigen Fußballmoment gesorgt.

mon/dpa

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
saarkast 29.04.2019
1. Seltene Momente!
Es sind solche seltenen Momente, in denen man geneigt ist zu glauben, dass es in diesem knallharten Geschäft doch noch einen glaubwürdigen Rest an Sportsgeist und Fairness gibt! Zumal es hier kein PR-Gag war, sondern die Aktion das Team sogar den Aufstieg kosten kann! Ich ziehe den Hut vor Mr. Bielsa!
wjb27 29.04.2019
2. Die andere Seite
Dann werden wohl nicht wenige Spieler den stzebenden Schwan machen wenn der Gegner n einer aussichtsreichen Position ist.
LariFariMogelzahn 29.04.2019
3. Grundsätzlich eine noble Geste
Aber wie ein Vorredner schon bemerkt hat: Es gibt genügend Spieler, die versuchen für den Oscar nominiert zu werden (z.B. bei einer knappen Führung). Und dann ist das Einstellen des Spielens eben unfair für die eigene Mannschaft. Fair play geht immer nur wenn alle mitziehen. Ist halt immer der Einzelfall, der betrachtet werden muss...
fat_abbot@web.de 29.04.2019
4.
zuerst einmal empfehle ich jedem, sich die Szene mal anzuschauen, bevor er darüber urteilt. Roberts tut, als ob er den Ball fair ins Aus spielen wöllte und spielt ihn dann doch seinem Mann (übrigens wohl auch Abseits) in den Lauf. Das war schon grob unfair. Und da spielt es auch keine Rolle, ob der Spieler nun schauspielert oder nicht. Bielsa war schon immer "anders" als viele in diesem System, und ihm wurde schon oft seine Konsequenz und Integrität zum Verhängnis (was viel über den Fussball an sich heutzutage aussagt!)
Hörbört 29.04.2019
5. Der Spieler Gespür für Show
Zitat von LariFariMogelzahnAber wie ein Vorredner schon bemerkt hat: Es gibt genügend Spieler, die versuchen für den Oscar nominiert zu werden (z.B. bei einer knappen Führung). Und dann ist das Einstellen des Spielens eben unfair für die eigene Mannschaft. Fair play geht immer nur wenn alle mitziehen. Ist halt immer der Einzelfall, der betrachtet werden muss...
Bin mir sehr sicher, dass die Spieler beider Teams in einem Match sehr gut wissen, wenn jemand schauspielert oder es tatsächlich ernst ist. So sieht man z.B. oft genug, dass das eigene Team weiterspielt, obschon sich ein Kollege im vermeintlichen Todeskampf auf dem Rasen wälzt. Und ebenso oft bewirkt das dann auch eine spontane Wun(der)heilung.
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