Legendäre Nordclubs Effenbergs blau-gelbe Heimat

Früher schwebten Victoria Hamburg und Altona 93 sportlich in anderen Dimensionen. Große Erfolge wurden gefeiert, Talente wie Stefan Effenberg entdeckt. Doch das ist vorbei. Heute dümpeln beide Fußballclubs in der Amateurklasse herum. Einzig die Tradition ist geblieben.

Von Volker Stahl


Eigentlich garantiert der Name Victoria Hamburg Erfolg. In der Tat haben sich die Blau-Gelben in der Frühphase des deutschen Ligafußballs Respekt verschafft. "Vicky" gehörte zu den Spitzenclubs und im Jahr 1900 zu den Mitbegründern des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Zwischen 1905 und 1943 war der mit einer Ausnahme immer erstklassige Club achtmal die Nummer eins in Hamburg. Nach dem Abstieg aus der Oberliga Nord kehrten die Hamburger Fußballpioniere in den Spielzeiten 1951/52 und 1953/54 für jeweils ein Jahr in die Erstklassigkeit zurück. Von 1963 bis 1966 gehörte Victoria der Regionalliga Nord an, danach begann der blau-gelb leuchtende Stern langsam zu sinken.

Heute ist der Verein fünftklassig und spielt an der Spitze der Verbandsliga. Illusionen, irgendwann wieder an die Tür zum bezahlten Fußball anzuklopfen, hege niemand bei Victoria, konstatiert der Ehrenvorsitzende Horst Reinecke: "Der Zug ist abgefahren. Die oberste Amateurliga ist das höchste aller Gefühle." Die Konkurrenz in Hamburg sei einfach zu groß, sagt Reinecke, der als Vereinsarchivar die Tradition bewahrt: "Alle 500 Meter gibt es einen Fußballverein."

Die Situation sei nicht mit der in Meppen, Wilhelmshaven oder Bremerhaven vergleichbar, wo noch heute mehrere tausend Zuschauer in die Stadien strömten. Der Kassenwart an der Hoheluftchaussee begrüßt zwischen 250 und 300 Zuschauer pro Spiel. Früher schwebte der Club, zumindest sportlich, in Hamburg-Eppendorf in ganz anderen Dimensionen. Bis 1934 wurden elf Victorianer in die Nationalmannschaft berufen. Mit Hans Weymar gehörte ein Blau-Gelber zu der Elf, die 1908 beim 3:5 in der Schweiz das erste Länderspiel in der deutschen Fußballgeschichte bestritt.

Die Keimzelle des im liberalen Bürgertum verwurzelten Vereins, der statt des deutschen "k" stolz das englische "c" in seinem Namen führt, ist das Heiligengeistfeld, an dessen Rand heute der FC St. Pauli beheimatet ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwarb der Verein ein Gelände in unmittelbarer Nähe des Universitätskrankenhauses Eppendorf und errichtete dort den Victoria-Sportplatz Hoheluft, wo später sogar Länderspiele stattfanden. 1907 war Victoria mit 264 Mitgliedern nach dem Karlsruher FV der zweitgrößte Verein im DFB.

Reinecke hat die große Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als Schüler erlebt: "Da saß ich auf der Tribüne und habe mich heiser geschrien. Montags im Schulchor konnte ich meist nicht mehr singen." Zuletzt hatte Reinecke 1975 Grund zum Feiern, als "Vicky" Zweiter der deutschen Meisterschaft der Amateure wurde. Die Elf um Walter Stursberg, Hänschen Schwartz und Horst Lindner scheiterte erst im Endspiel mit 0:3 gegen den VfR Bürstadt (Hessen).

In den 1970er Jahren startete an der Hoheluft die Profi-Karriere von Keeper Walter Junghans: 1976 wurde er Jugend-Nationalspieler und ging bald darauf zu Bayern München. Wenige Jahre später ging der Stern von Stefan Effenberg auf, der 1986 zu Borussia Mönchengladbach wechselte.

Die Jäger von der Griegstraße

Eine Klasse höher als der Lokalrivale kickt Altona 93. In der abgelaufenen Oberliga-Saison bejubeln im Schnitt 550 Zuschauer die Tore der Schwarz-Weiß-Roten auf dem Traditionsgeläuf Adolf-Jäger-Kampfbahn. An der Vereinsspitze steht mit Dirk Barthel ein Armaturen-Fabrikant, stets kräftig bemüht, den alten Glanz des "AFC" wieder aufzupolieren. Mal ist es eine Werbekampagne der renommierten Agentur Nordpol, die biedere Amateurkicker als mondäne Stars vor dem Hintergrund verschwenderischen Luxus' in weißen Anzügen ablichten ließ. Die Motive wurden in Hamburg großflächig plakatiert und sorgten für mehr Aufsehen als die Fußballkünste der Altonaer.

Mal ist es der ambitionierte Umbau des Stadions. "Wenn wir uns sportlich weiterentwickeln wollen, ist ein Ausbau einfach notwendig", sagte Barthel bereits im Februar 2005, drei Jahre nach Planungsbeginn. Doch passiert ist bislang nichts. Langjährige Vereinsfunktionäre wie Jürgen Kuntze-Braack sind ohnehin skeptisch: "Was nützen die schönsten Ideen, wenn sie nicht umgesetzt werden." Auch den offiziell angestrebten Aufstieg in die Regionalliga hält der pensionierte Versicherungsmakler für eine Illusion: "Sportlich und finanziell ist das nicht zu wuppen. Potente Sponsoren fehlen." Immerhin: Altona 93 ist schuldenfrei.

Mag auch das Geld für höhere Ansprüche fehlen, mit einem Pfund kann Altona 93 reichlich wuchern: Tradition. Der Club gehörte zu den Pionieren im deutschen Ligafußball und beherbergte im Jahr 1903 das Endspiel um die erste Deutsche Fußballmeisterschaft. Adolf Jäger, das erste deutsche Fußball-Idol, machte den schwarz-weiß-roten Dress über die Reichsgrenzen hinaus bekannt. Nach ihm ist auch das Stadion - die Adolf-Jäger-Kampfbahn - in der Griegstraße benannt.

Neben dem einst "größten Genie des deutschen Fußballsports" (damaliger Reichstrainer Otto Nerz) brachte der AFC mit Karl Hanssen und Hans Wentorf zwei weitere Nationalspieler hervor. Bis zu Beginn der 1960er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war der 1893 gegründete Club – mit Ausnahme von vier Spielzeiten – erstklassig. Auf der Erfolgsliste stehen je zwei Halbfinal-Teilnahmen an der Deutschen Meisterschaft (1903, 1909) und am DFB-Pokal (1955, 1964). Den Sprung auf das Treppchen verpasste der Verein aber ebenso wie den in die Bundesliga.

Von dem 1968 erfolgten Absturz in die Drittklassigkeit hat sich der AFC nicht mehr erholt. Zeitweise war der einst so stolze Club sogar nur fünftklassig und stand kurz vor dem Bankrott. Erst 2002 ging es wieder nach oben. "Jetzt sind wir die Nummer drei in Hamburg – dabei wird's wohl bleiben", sagt Kuntze-Braack, der Realist. "An dem FC St. Pauli werden wir wohl nie vorbeiziehen." Nicht nur aus finanziellen und sportlichen Gründen, wie Kuntze-Braack meint: "Die werden von der Presse hofiert wie kein anderer Club."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.