Legendäre Nordclubs Weltmeister vom "Pöbel"-Club

Schön war die Zeit, als die Fans in Hamburg sprichwörtlich ihr letztes Geld für Barmbek-Uhlenhorst ausgaben. Und wer weiß, ob Deutschland ohne einen prominenten Akteur von BU 1990 Weltmeister geworden wäre? Auch der SC Concordia brachte einen Nationalspieler hervor.

Von Folke Havekost


Freitagabend. Flutlichtspiel. Marienthal. 520 Besucher sind gekommen, als der SC Concordia im gutsituierten Teil von Hamburg-Wandsbek den SV Lurup empfängt. Für die Kassierer noch kein Champagner-Abend, aber in der vielfältigen Fußballlandschaft an Alster und Elbe ein Zuschauerzuspruch, der deutlich über dem Durchschnitt liegt.



"Hier existiert Fußballbesessenheit und großes Engagement in einem überschaubaren Verein, das hat mir sofort gefallen", erzählt Herbert Kühl, der seit über drei Jahrzehnten Concorde ist und jüngst zum dritten Ehrenpräsidenten des Vereins bestimmt wurde. Als Trainer hat er Werder Bremens späteres Kopfballungeheuer Frank Neubarth ("Bei uns war er noch recht kopfballschwach") in den Herrenbereich geführt. Damals war Concordia Hamburgs Nummer drei, doch die ganz große Zeit auf Augenhöhe mit den norddeutschen Spitzenclubs war da schon vorbei.

In den fünfziger Jahren säumten teilweise fünfstellige Besucherzahlen das Stadion Marienthal, das als eines der ersten eine Flutlichtanlage bekam. Im DFB-Pokal wurden Borussia Dortmund und der Karlsruher SC geschlagen, in der Liga verloren der HSV und St. Pauli bei den Concorden, die mit Kurt Hinsch, den alle nur "Malik" nannten, einen charismatischen Torjäger in ihren Reihen hatten. 1947 schenkte er dem KSV Holstein in Kiel beim 6:3-Sieg gleich fünf Treffer ein. Gern wird auch erzählt, dass der hochgewachsene Hinsch (Kühl: "Fantastische Schusstechnik, ein phänomenaler Fußballer") nicht nur die gegnerischen Torhüter in Angst und Schrecken versetzte, sondern auch die eigene männliche Anhängerschaft – freilich unbegründet – fürchten ließ, er könne ihren schwärmerischen Gattinen mehr erklären als nur die Abseitsregel.

Leicht abseitsverdächtig trifft Alexander Krohn an diesem Freitagabend in der 90. Minute zum 1:0-Sieg gegen Lurup. "Cordi", wie der Verein kurz genannt wird, hat die Tabellenführung verteidigt, für den Aufstieg in die Oberliga reicht es am Saisonende jedoch nicht. Dafür kann sich der Start in die Spielzeit 2006/2007 sehen lassen: Nach zwei Partien stehen die Concorden mit 12:0 Toren und 6 Punkten nur aufgrund eines Nachholspiels gegen Barmbek-Uhlenhorst nicht an der Tabellenspitze.

Dörfel war der Spaß vergangen

"Hi-ha-hu – Cordi und BU", steht auf sehr bunten Schals geschrieben, auf denen sich das Rot-Schwarz der Wandsbeker mit dem Blau-Gelb des HSV Barmbek-Uhlenhorst trifft. Traditionsvereine halten zusammen, lautet die Botschaft der Fan-Freundschaft zwischen den Zeilen. BU, Heimatclub von Weltmeister Andreas Brehme, war 1975 der einzige Hamburger Verein neben dem HSV und dem FC St. Pauli, der jemals den Sprung in den Profifußball schaffte.

Sogar der einstige HSV-Flankengott Charly Dörfel half im Herbst seiner Karriere mit, um die Barmbeker in die Zweite Bundesliga Nord zu hieven. Das Vergnügen dort war allerdings von kurzer Dauer. Mit 20:56 Punkten stieg BU nach nur einem Jahr ab. Den spektakulärsten der wenigen Erfolge sahen gerade 3500 Zuschauer: ein 1:0 über Borussia Dortmund durch einen Treffer von Dietrich Siemering.

Der Ausflug ins Profigeschäft belastete die Vereinskassen, so dass zur Abwendung des Konkurses sogar eine Benefiz-Schallplatte auf den Markt geworfen wurde. Den größten Hit auf dem begehrten Stück Vinyl sang ein gewisser Tony: "Mein letztes Geld geb ich für Fußball aus / für Barmbek-Uhlenhorst, das ist mein Verein" – eine programmatische Aussage, die auch heute noch von den Anhängern geschmettert wird.

Die nennen sich selbstironisch "Barmbeker Pöbel" und untermalen ihre Eigenbezeichnung mit bisweilen wenig diplomatischen Unmutsäußerungen zu Aktionen des Gegners oder Entscheidungen des Schiedsrichters. In der abeglaufenen Saison erstaunte der BU-Anhang bei einem Verbandsliga-Spiel, indem er die von Fußballflair fast vollständig freie Leichtathletik-Anlage am Hammer Park durch das improvisierte Hissen einer blau-gelben Flagge an der Haupttribüne unversehens mit Atmosphäre versah.

Der eigene Platz hat so etwas nicht nötig, am Wochenende gewann BU dort sein Verbandsligaspiel gegen Uetersen 1:0 und hat damit vier Punkte aus den ersten beiden Begegnungen geholt. Die "Spielstätte" wirkt auf Außenstehende wie ein "Schrottplatz mit Stadion im Hinterhof", beschreibt Fußball-Feldforscher Hardy Grüne das BU-Areal, dem die Heimfans in Anlehnung an den FC Liverpool ihren eigenen Namen verpasst haben: "Barmbek Anfield".



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.