Lena Oberdorf vom VfL Wolfsburg Hier spricht die Zukunft des deutschen Fußballs

Wolfsburgs neue Spielerin Lena Oberdorf ist ein Ausnahmetalent. Die 18-Jährige spricht über ihre rasante Entwicklung, den Champions-League-Neustart - und frauenfeindliche Sprüche auf dem Platz.
Ein Interview von Jan Göbel und Marcus Krämer
Neu im VfL-Dress, hier vor der WM 2019 zu sehen: Lena Oberdorf verstärkt den deutschen Meister und Pokalsieger

Neu im VfL-Dress, hier vor der WM 2019 zu sehen: Lena Oberdorf verstärkt den deutschen Meister und Pokalsieger

Foto: Catherine Ivill / FIFA via Getty Images

SPIEGEL: Frau Oberdorf, Sie sind mit 18 Jahren zum deutschen Serienmeister nach Wolfsburg gewechselt, und man liest, der VfL habe für Sie eine für den Fußball der Frauen "ungewöhnlich hohe" Ablöse bezahlt. Setzt Sie so etwas unter Druck?

Oberdorf: Das wusste ich gar nicht, ich kenne die Höhe auch nicht. Deswegen spüre ich jetzt auch keinen Druck.

SPIEGEL: Im Fußball ist es so, dass meist Stillschweigen über Ablösen vereinbart wird. Bei den Männern kommen sie oft doch raus, aber bei den Fußballerinnen erfährt man praktisch nichts über Summen. Mit Ihrem Transfer hätte doch mal ein Zeichen gesetzt werden können - nach dem Motto: Fußballerinnen kosten auch Geld!

Oberdorf: Aber dann würde ich jetzt Druck spüren. Ich bin ganz froh, dass sie nicht veröffentlicht worden ist. Außerdem finde ich es sympathisch, dass man im Frauenfußball nicht nur über Geld redet. Wir sind Menschen, und Ablösesummen sind doch unbedeutend. Klar ist, Ablösesummen sind im Frauenfußball nicht gang und gäbe, aber sie gehören auch dazu.

Zur Person Lena Oberdorf
Foto: Catherine Ivill / FIFA via Getty Images

Lena Oberdorf, 18 Jahre, wurde 2019 die jüngste deutsche WM-Spielerin der Geschichte. Inzwischen steht sie bei 13 Länderspielen (zwei Treffer), zudem ist sie Preisträgerin der Fritz-Walter-Medaille für die beste Nachwuchsspielerin 2020. In der Bundesliga kam Oberdorf 2018 erstmals für die SGS Essen zum Einsatz, inzwischen spielt sie beim VfL Wolfsburg (Je nach Erfolg, soll es sich bei Oberdorfs Ablöse um eine sechsstellige Summe handeln. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht.). Bisher kam Oberdorf vor allem in der Defensive zum Einsatz, in Zukunft könnte sie sich auch die Rolle der Spielmacherin vorstellen.

SPIEGEL: Die Champions League wird am Freitag fortgesetzt und Sie dürfen für Ihren neuen Verein direkt auflaufen. Zumindest theoretisch, das Team ist ziemlich eingespielt. Wem wollen Sie den Stammplatz streitig machen?

Oberdorf: An so etwas denke ich noch gar nicht. In Wolfsburg ist es üblich, dass viel rotiert wird. Vier Tage nach dem Champions-League-Finale am 30. August startet die Bundesliga schon wieder. Es geht nicht darum, jemandem den Platz streitig zu machen. Ich warte einfach auf meine Gelegenheit. Gut ist sicherlich, dass ich viele Positionen spielen kann: in der Innenverteidigung oder auf der Sechs vor der Abwehr. Ich könnte mir auch vorstellen, auf der Zehn zu spielen. Hauptsache im Zentrum.

SPIEGEL: Das klingt insgesamt aber zurückhaltend für eine Fußballerin, die schon 13 Länderspiele bestritten und eine WM hinter sich hat, die bereits als Abwehrchefin der deutschen Nationalmannschaft bezeichnet worden ist.

Oberdorf: Diese Zahlen interessieren mich gar nicht. Und als Abwehrchefin sehe ich mich auch nicht. Eine Abwehr besteht aus vier Spielerinnen, ich bin eine davon. Es ist besser, wenn jede Verantwortung übernimmt.

SPIEGEL: Das Finalturnier der Champions League findet in Bilbao und San Sebastián statt. Die Covid-19-Zahlen in der Region gehen hoch, Deutschland hat Spanien als Risikogebiet ausgewiesen. Wie gehen Sie mit der Entwicklung um?

Oberdorf könnte ihr erstes Pflichtspiel für den VfL Wolfsburg in der Champions League bestreiten

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Foto:

Peter Hartenfelser / imago images

Oberdorf: Wir unterhalten uns in der Kabine darüber. Es ist schade, dass die Zahlen nun wieder hochgehen, auch für das Turnier. Es gibt aber Hygieneregeln, regelmäßige Tests für uns, und wir werden in einem Hotel auf unserer eigenen Etage leben. Wir dürfen nicht mit Angst nach Spanien reisen.

SPIEGEL: Beim Finalturnier ist auch noch der FC Bayern vertreten. Der Klub hat gerade viele junge Nationalspielerinnen verpflichtet. Warum nicht auch Sie?

Oberdorf: Ich habe nur davon gehört, dass Bayern Interesse hatte. Ich fand Wolfsburg aber auch sympathischer. Es passt auch sehr gut zu mir, wie hier Fußball gespielt wird. Wolfsburg ist sehr dominant, wenn wir früher mit meinem Ex-Verein Essen gegen sie gespielt haben, hatte man ungefähr zehn Prozent Ballbesitz.

SPIEGEL: Was genau ist an Wolfsburg sympathischer als an München?

Oberdorf: Jeder will mal nach München, zumindest als Touri. Dort zu wohnen, kann aber hektisch sein. Ich denke nicht, dass ich es bei dem Verkehr in fünf Minuten zum Training schaffe. Mir ist es wichtig, in einem Umfeld mit kurzen Wegen zu sein. Hier in Wolfsburg wohnen wir fast alle eng beisammen, ich bin in fünf Minuten bei Sara Doorsoun. Ich brauche diese Nähe, um mich wohlzufühlen.

Birgit Prinz abgelöst: Gegen China wurde Oberdorf mit 17 Jahren, fünf Monaten und 20 Tagen zur jüngsten deutschen WM-Spielerin

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Foto: Maja Hitij / Getty Images

SPIEGEL: Mit Ihren 18 Jahren spielen Sie jetzt im ältesten Team der Liga - der Altersschnitt der Wolfsburgerinnen lag bisher bei knapp 27 Jahren. Wie macht sich der Unterschied bemerkbar?

Oberdorf: Ach, deshalb haben sie mich geholt, um den Altersschnitt zu senken! Nein, ich habe das Glück, dass ich trotz meines Alters schon relativ weit bin. Das haben meine Eltern gut gemacht. Ganz ehrlich? Im Kopf sind die Spielerinnen hier manchmal auch noch wie Kinder.

SPIEGEL: Nervt es Sie, ständig auf Ihr Alter angesprochen zu werden?

Oberdorf: Ich finde es ganz gut, immer wieder danach gefragt zu werden. So bleibt es im Gedächtnis. Viele Medien vergessen schon mal, dass ich erst 18 Jahre alt bin. Aber ich bin auch kein Küken mehr.

SPIEGEL: In Deutschland wird viel über die Zukunft des Frauenfußballs diskutiert. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Oberdorf: Der Weg ist gut, das Ziel aber noch nicht erreicht. Da geht noch viel mehr. Wenn die Männer ein Länderspiel haben, hängt an jedem Pylon ein Werbeplakat. Wenn wir ein Topspiel haben, hängt es nur an einem von zehn. Da gibt es noch viel Arbeit.

SPIEGEL: Wen sehen Sie da besonders in der Pflicht?

Oberdorf: Uns Spielerinnen zuerst. Wir müssen unsere Reichweite in den sozialen Medien noch viel mehr nutzen, um den Sport in den Vordergrund zu stellen. Sicherlich können der DFB und die Vereine auch noch viel verbessern, wenn ich an die Vermarktung denke. Wobei hier in Wolfsburg die Frauenabteilung schon sehr bekannt ist - selbst ich als Neuzugang werde häufig auf der Straße erkannt.

SPIEGEL: Können Sie sich für die Zukunft vorstellen, eine starke Stimme Ihres Sports zu sein?

Oberdorf: Mit 18 wird man noch nicht so ernst genommen. Aber später kann ich meine Bekanntheit als Fußballerin sicherlich nutzen.

Letztes Spiel mit der SGS Essen - ausgerechnet gegen Wolfsburg: Im Pokalfinale unterlag Oberdorf erst im Elfmeterschießen mit ihrem Ex-Klub

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Foto: Lars Baron / Getty Images

SPIEGEL: Sie sympathisieren mit dem FC Schalke. Ärgert es Sie, dass dort - und auch beim großen Rivalen Borussia Dortmund - nicht auf professionellen Frauenfußball gesetzt wird?

Oberdorf: Auf jeden Fall, auch wenn ich nicht sofort da hinwechseln würde. Es ist wichtig, dass solche Vereine auf Frauenfußball setzen. Es macht aus internationaler Sicht auch einen Unterschied, ob ich als Spielerin eine Anfrage von Schalke 04 oder von der SGS Essen bekomme. Ein Derby zwischen Dortmund und Schalke würde auch viel mehr Zuschauer ansprechen.

SPIEGEL: Schalke setzt nun im Breitensport auf Frauenfußball - Startschuss ist in der Kreisliga B.

Oberdorf: Immer diese Ausreden.

SPIEGEL: Ist Breitensport eine Ausrede?

Oberdorf: Wenn schon, dann auch richtig - mit dem Ziel, in der Bundesliga zu spielen. Andere Vereine zeigen doch, dass das geht.

Die Paarungen der Champions League; Spiele mit deutscher Beteiligung live bei Sport1; Titelverteidiger ist Olympique Lyon

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SPIEGEL: In den Niederlanden hat es eine kleine Revolution gegeben: Die Fußballerin Ellen Fokkema wird künftig für eine Männermannschaft in der siebten Liga auflaufen. Finden Sie so ein Modell reizvoll?

Oberdorf: Ja, das tue ich. Ich habe selbst sehr lange mit Jungs zusammengespielt und davon profitiert - bin robuster geworden, durchsetzungsfähiger. Ich hätte auch noch mehr Zeit in einer Jungenmannschaft verbracht, wäre das möglich gewesen. Die Frage ist aber, ob eine Spielerin den Männern auch weiterhelfen kann. Hält sie das körperlich aus? Bei mir kam irgendwann der Punkt, an dem Konflikte aufgetreten sind, das muss gar nicht sportlicher Natur sein, sondern es kann auch sein, dass man keine gemeinsamen Gesprächsthemen mehr findet. Als in der Kabine plötzlich nur noch Deutschrap Thema war, konnte ich anfangs gar nicht mehr mitreden.

SPIEGEL: Wir beim SPIEGEL erhalten immer wieder Leserbriefe, dass Fußball Männersache sei, Frauen seien dafür einfach nicht gut genug. Wurden Sie schon einmal mit Hass konfrontiert?

Oberdorf: Es gibt eine Geschichte, an die ich mich erinnern kann. In der B-Jugend hat mal ein Junge auf dem Fußballplatz zu mir gesagt: "Was willst du hier? Geh in die Küche." Ich habe mir dann nur gedacht, das klären wir jetzt auf dem Platz. Der Typ hat keinen Zweikampf mehr gewonnen. Das war meine Antwort.