Teure Fußballtransfers Mit Wahnsinn hat das nichts zu tun

Nie war ein deutscher Fußballer teurer als Schalkes Leroy Sané, der jetzt nach Manchester wechselt. Schon sind wieder Klagen über zu hohe Ablösesummen zu hören. Was für eine Doppelmoral.

Leroy Sané (l.) und Paul Pogba
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Leroy Sané (l.) und Paul Pogba

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Leroy Sané verlässt Schalke 04 und wechselt zu Manchester City. Offenbar zahlt der englische Spitzenklub, neuer Arbeitgeber von Josep Guardiola, eine Ablöse von mindestens 50 Millionen Euro für den deutschen Nationalspieler. Damit ist Sané der teuerste deutsche Spieler der Fußballgeschichte.

Man kann jetzt wetten, wie lange es dauert, bis dieser Wechsel als Symptom aus dem Ruder gelaufener Transfersummen verhandelt wird. Als City vor einem Jahr Kevin de Bruyne vom VfL Wolfsburg verpflichtete, war die Empörung in deutschen Medien groß. Als Perversion bezeichnete Stern.de den Wechsel für eine Ablöse von 75 Millionen Euro. Manchester City sei "das Symbol für einen vollkommen ausgearteten Geld-Wahnsinn".

An diese Rhetorik wurde man gerade wieder erinnert, als der Dortmunder Trainer Thomas Tuchel klagte: "Der Markt ist verrückt. Die Preise sind außer Kontrolle. Das ist nicht gesund."

Tuchel sprach wohlgemerkt im Rahmen einer Marketingreise seines Vereins in China. Er trat dort als Angestellter eines der elf umsatzstärksten Klubs der Welt auf, der gerade mehr als 110 Millionen Euro auf dem Transfermarkt investiert hat. Dennoch durfte Tuchel auf Lob in vielen Medien zählen. Die Transferausgaben des BVB, so Bild.de, stellten "ein gesundes Verhältnis" dar.

Eigentlich will man nur die Premier League kritisieren

Damit sind wir beim wahren Subtext der Litanei über zu hohe Transferausgaben. Beklagt werden nämlich fast immer die Ausgaben der Premier League, in der die Klubs finanzkräftiger sind als fast alle deutschen Vereine. Während zuverlässig jeder größere englische Spielereinkauf als irrsinnig angeprangert wird, gelten die Geschäfte der reichsten Bundesligaklubs als begrüßenswert.

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Leroy Sané und Co.: Das sind die teuersten deutschen Profis

Tuchel hat in China auch gesagt: "Die Show ist für die Menschen, für die normalen Menschen. Die Kinder. Es ist zu viel Geld im Umlauf." Was will er damit sagen: dass Kinder 30 Millionen Euro Ablöse für André Schürrle unmittelbar nachvollziehen können, 110 Millionen für Paul Pogba aber nicht? Bis wohin reicht das Vorstellungsvermögen von "normalen Menschen"?

Tatsächlich ist es absurd, sich über die Höhe von Ablösesummen für Fußballer zu beklagen. Kein Mensch ist 80 Millionen Euro wert, heißt es gerne. Stimmt. Es ist aber auch kein Mensch 500.000 Euro wert. Menschen haben keinen Wert an sich. Die Ablösesummen reflektieren die mit den Verpflichtungen verbundenen Gewinnerwartungen von Klubs.

Angebot und Nachfrage, nicht Vernunft oder Wahnsinn

Diese Gewinnerwartungen sind von Liga zu Liga unterschiedlich, deshalb zahlt Manchester City mehr Geld als Darmstadt 98. Darmstadt 98 zahlt aber auch mehr Geld als Partisani Tirana. 14 von 20 Premier-League-Klubs machen Gewinn, völlig absurd sind die englischen Preise also zumindest in der Masse nicht, sie sind nur höher als in anderen Ländern.

Wie viel ein Profi auf dem europäischen Markt wert ist, bestimmt sich im Wesentlichen nach Angebot und Nachfrage. Wenn das irrational ist, dann ist es der Profifußball als ganzer.

Dass auch Liverpools deutscher Trainer Jürgen Klopp ins Jammern über hohe Transfersummen einstimmte und behauptete, er würde aufhören, wenn das Geld alleine über Titel entschiede, ist vor diesem Hintergrund kein Ausdruck von Weisheit oder Bodenständigkeit. Solche Aussagen sind von einem Coach, der in diesem Jahr schon 80 Millionen Euro für Zugänge ausgeben durfte, nur eins: Doppelmoral.



insgesamt 134 Beiträge
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Seite 1
larryunderwood 01.08.2016
1. Stimmt
ich sag zu den Menschen in meiner Umgebung auch immer wieder das die Vereine in den meisten Fällen von Menschen mit Finanz Verständnis geführt werden somit werden denke ich viele betriebswirtschaftlich sinnvolle deals gemacht ... auch wenn die erstmal grotesk aussehen.
Fellini82 01.08.2016
2. Keine Doppelmoral
Sehe keine Doppelmoral in der Tatsache, die aktuellen Preise anzuprangern, sie aber teilweise trotzdem zu bezahlen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die hohen Preise ergeben sich ja vor allem aus der finanziellen Stärke Premier League.
ge1234 01.08.2016
3. Der Wahnsinn sind...
... nicht die extremen Ablösesummen für Weltklassespieler wie CR7, Messi oder jetzt Pogba, sondern der wahre Wahnsinn sind 30 Mio für Spieler wie Schürrle, 45 Mio. für Xhaka, 75 Mio. für de Bruyne etc. pp. M.E. wurde dabei aus deutscher Sicht die Büchse der Pandora mit den 41 Mio. für Firmino geöffnet.
dr.joe.66 01.08.2016
4. Hochbezahlte Show-Profis
Das Problem ist, dass die meisten von uns gerne eine Top-Fußball-Show wollen, bei der die Spieler aber Jungs von nebenan sind, damit wir uns alle wohlfühlen können. Und während ein Schimanski eine fiktive Person mit hohem Sympathie-Wert war bzw. ist, hat sich niemand wirklich für die Gage von Götz George interessiert. Fußballer sind aber reale Personen. Und deshalb beißt sich hier der Wunsch nach normalen Jungs von nebenan und der Millionen-Gage, die die Topstars eben verdienen. Eigentlich ist es ganz einfach: Wer diese Gehälter und Ablöse-Summen nicht möchte, darf Profi-Fußball nicht mehr konsumieren. Dazu benötigt es aber die Einsicht, dass Begriffe wie "Echte Liebe" oder "mia san mia" Teil der Show sind, mit der viel Geld verdient wird. 14 von 20 englischen Clubs schreiben Gewinne. Gut für sie, da sie Wirtschaftsunternehmen sind. Sie haben es geschafft, ihr Produkt so gut zu vermarkten, dass die TV-Einnahmen deutlich höher sind als die der Bundesliga. Dieser Vermarktungserfolg hat übrigens nur bedingt Bezug zur fußballerischen Qualität. Fragen Sie mal die Isländer :-)
argonaut-10 01.08.2016
5. stimmt
genau so ist es. Ob die Jungs allerdings damit umgehen können oder ob sie dabei schlechter oder besser werden, ob es ihrer Entwicklung zuträglich ist... das muss jeder selbst rausfinden.
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