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Pyrotechnik: Zündstoff mit Nebenwirkungen

Foto: Jochen Lübke/ dpa

Leuchtfeuer im Stadion Ultras starten Pyrotechnik-Offensive

Die Gespräche hatten vielversprechend begonnen, doch dann brachen DFB und DFL den Dialog mit der Initiative "Pyrotechnik legalisieren" ab. Nun fühlt sich die Fan-Szene betrogen -  und sucht ihr Heil im verstärkten Einsatz von bengalischem Feuer.

Felix Brych wollte seine Uhr ablesen. Doch roter Nebel ließ dies kaum zu. Also musste der Bundesliga-Schiedsrichter der Partie zwischen Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln am vergangenen Wochenende fast fünf Minuten mit dem Anstoßpfiff warten. Die Kölner Ultras hatten zahlreiche Rauchbomben und Leuchtraketen gezündet.

Mit diesem Problem war Brych am Wochenende nicht alleine. Auch in Nürnberg fackelten Stuttgarter Fans minutenlang Leuchtstäbe ab. Genauso wie Bayern-Ultras beim Spiel in Hannover.

In allen Fällen wurden nach dem Feuerwerk Protestplakate hochgehalten, die fast durchweg eine Botschaft transportierten: "Pyrotechnik legalisieren". Solche Plakate sah man schon vor einigen Wochen bei den Derbys zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen sowie Bayer Leverkusen und dem 1. FC Köln, bei denen rund hundert bengalische Feuer gezündet worden waren. Sie sind eine direkte Provokation für die Polizei und die Ordnungsdienste, haben aber einen noch wichtigeren Adressaten: den Deutschen Fußball-Bund (DFB).

Die einschlägigen Ultra-Gruppen des VfB Stuttgart, des 1. FC Köln, von Hannover 96, Bayern München und Werder Bremen sind nämlich allesamt Unterstützer der Initiative "Pyrotechnik legalisieren - Emotionen respektieren". Neben ihnen beteiligen sich derzeit mehr als 160 weitere Ultra-Gruppen und damit Tausende Menschen an diesem problematischen Protest: "Wir wollen zeigen, dass Pyrotechnik völlig sicher und kontrolliert ablaufen kann", sagt Jannis Busse SPIEGEL ONLINE. Der Sprecher der Initiative weist darauf hin, dass die Ultra-Szene in den kommenden Wochen "wohl größere Pyrotechnik-Choreos fahren wird, um damit zu demonstrieren, dass man weder sich selbst noch andere mit Pyrotechnik verletzt".

Der Streit eskaliert

Dabei zeigen zahlreiche Beispiele, dass der Einsatz von Leuchtmitteln in Menschenmengen äußerst gefährlich sein kann. Das Abbrennen von Pyrotechnik kann zu schweren Verbrennungen führen und ist in deutschen Fußballstadien strikt untersagt. Für Ultras ist der Einsatz jedoch ein seit vielen Jahren übliches Anfeuerungselement. Deshalb galt die Situation zwischen den Verbänden und den Ultras lange Zeit als festgefahren. Mittlerweile erreicht sie jedoch eine neue Abneigungsstufe. Denn die Ultras kündigten an, ihre Pyrotechnik im großen Stil weiter einzusetzen.

Grund dafür ist ein vermeintlich gebrochenes Versprechen. Die Verbände und die Fan-Initiative sollen sich im Frühjahr darauf geeinigt haben, dass es zu Verhandlungen über mögliche Pilotprojekte zur Legalisierung des kontrollierten Einsatzes von Leuchtelementen im Stadion kommen würde - unter einer Bedingung. An den ersten drei Erstliga- und an den ersten fünf Zweitliga-Spieltagen dürfe keine Pyrotechnik in den Stadien eingesetzt werden. Durch das Zugeständnis entspannte sich das prekäre Verhältnis zwischen den Ultras und den Verbänden, über mehrere Monate gab es einen Dialog.

Doch nun, nachdem die Ultras die Bedingung als erfüllt ansehen, wollen die Verbände nichts mehr davon wissen. "Es ist eine Frechheit, dass der DFB behauptet, es hätte dieses Versprechen nicht gegeben. Wir haben es im April vom damaligen DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn und DFL-Fan-Vertreter Thomas Schneider erhalten. Jetzt heißt es, die beiden seien nicht befugt gewesen, irgendwelche Versprechen abzugeben. Warum hat man sie aber dann in die Verhandlungen mit uns geschickt? Man hat uns durch die Gespräche vorgeführt und verarscht", sagt Busse. Zudem wurde den Fan-Vertretern in einer internen Sitzung am 1. September mitgeteilt, dass Pyrotechnik auch zukünftig ausnahmslos verboten bleiben wird. "In der Beurteilung unseres Anliegens haben wir gesehen, dass sich die Verbände inhaltlich überhaupt nicht mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Für uns läuft die Initiative jetzt ohne Dialog mit dem DFB und der DFL weiter", sagt Busse.

Stellungnahme des DFB bleibt aus

Der DFB wollte sich trotz mehrmaliger Anfrage von SPIEGEL ONLINE dazu nicht äußern. Stattdessen verwies man auf eine Pressemitteilung, aus der hervorgeht, dass die Ultras das ihrerseits gegebene Versprechen nicht eingehalten haben. Im Zeitraum des Moratoriums sollen 21 Einsätze von Pyrotechnik, von denen neun Einsätze Unterstützern der Initiative zugerechnet werden, gezählt worden sein. Wo diese neun Fälle passiert sein sollen und ob es sich dabei tatsächlich um Vertreter der Initiative handelte - darauf gibt der DFB keine Antworten. Zudem stellt sich die Frage: Sind neun Fälle bei 1.247.804 Stadionbesuchern an den ersten drei Spieltagen wirklich von Gewicht?

Insbesondere im Vergleich zu den vergangenen Wochen, in denen in den Spielorten von Frankfurt, Leverkusen, Stuttgart, Dortmund, Hannover, Hamburg und Bremen sowie in vielen Stadien unterklassiger Ligen kräftig gezündelt wurde. DFB und DFL haben dabei keineswegs den Eindruck gemacht, als ob sie Herr über die Pyrotechnik sind.

Dies hängt auch damit zusammen, dass die Ultras die teilweise nur kugelschreibergroßen Leuchtraketen problemlos ins Stadion schmuggeln können. In dieser Saison war es für die Polizei zuletzt häufig nur bedingt möglich, Personen aus den riesigen, undurchsichtigen Leuchtfeuer-Meeren zu identifizieren. Dadurch wird die in den vergangenen Jahren immer schärfer gewordene Strafverfolgung gegen Pyrotechnik-Benutzer fast unmöglich. "Die Erfahrungen haben gezeigt: Je mehr man reglementiert, desto mehr wird auf der Tribüne gezündelt", sagt Busse. Hannover überlegt deshalb, die Kosten aus Strafen durch höhere Eintrittspreise aufzufangen.

Der Konflikt zwischen den Verbänden, der Polizei und den Ultras scheint mittlerweile zu eskalieren. Das Problem daran: Er wird in Fußballstadien ausgetragen, in denen auch Tausende Unbeteiligte anwesend sind.

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