Leverkusens Absturz Rudi ratlos

Bayer Leverkusen droht der Absturz: Die Pleite in Stuttgart war das fünfte Spiel in Folge ohne Sieg, der einstige Titelkandidat muss nun sogar um die Teilnahme am Europacup bangen. Was die Pleiteserie so kurios macht: Das Team spielt bei all dem Schlammassel auch noch gut.

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Von , Stuttgart


Wenn es ein Bild gab, das zum misslungenen Tag von Bayer 04 Leverkusen passte, war es die Szene von der Abfahrt des Mannschaftsbusses. Im Rückwärtsgang bewegte sich die Karosse von der Stelle, an allen vier Ecken blinkten Warnleuchten. Die schaltet man gewöhnlich im Falle eines Unglücks ein, oder wenn man andere Verkehrsteilnehmer warnen will. Spöttisch könnte man nach der 1:2-Niederlage in Stuttgart vermuten, Bayer wolle Mannschaften weiter hinten in der Tabelle warnen, weil man sich ihnen aus "falscher Richtung" nähert.

Gewinnt Borussia Dortmund am Sonntag gegen Hoffenheim (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), fällt Leverkusen in der Tabelle auf Rang fünf zurück. Bayer war einst Tabellenführer, Meisterschaftskandidat, nun hat der Club auch noch Rang drei und damit die Qualifikation für die Champions League verloren. Statt wenigstens noch einmal zum Verfolger des Duos an der Tabellenspitze aufzusteigen, wurde Leverkusen am 31. Spieltag endgültig zum Notfall. Drei Spieltage vor Schluss ein Alarmzeichen.

Kopfschüttelnd eilte Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler aus dem Stuttgarter Stadion. Ein paar Meter hinter ihm kam Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, nahm sich am schweigsamen Völler ein Beispiel und sagte kein Wort. Der Frust angesichts der Talfahrt der vergangenen Wochen saß tief.

Was hätten die beiden auch erklären sollen? Dass Leverkusen halt Leverkusen ist, eine Mannschaft, die nie wirklich etwas gewinnt? Nicht mal, wenn sie, wie in dieser Saison, 25 Spiele am Stück nicht verloren hat? Man könnte in der Tat glauben, Leverkusen wolle das ewige "Vizekusen"-Dilemma auch 2010 wieder aufführen.

Leverkusen: Ein Team im konstanten Rückwärtsgang

In den vergangenen neun Spielen gelang Bayer nur ein einziger Sieg ( 4:2 daheim gegen den HSV), seit fünf Partien gab es keine drei Punkte mehr. Aus dem einst so souveränen Tabellenführer ist ein Team im konstanten Rückwärtsgang geworden. Und das Unerklärliche dabei ist: Leverkusen spielt bei all dem Schlammassel auch noch gut.

"Wir können unser Ziel immer noch erreichen", sagte Jupp Heynckes, als gelte es, laut in den dunklen Keller zu pfeifen. Der Leverkusener Trainer musste im Gegensatz zu Völler und Holzhäuser qua Amt sprechen. Sätze wie "Abgerechnet wird zum Schluss" und "Wir sind nach wie vor zuversichtlich" purzelten zwischen seinen schmalen Lippen heraus. Sein Gesicht sah jedoch weniger erfreut aus, als es seine Statements vermuten ließen. Ein Platz im internationalen Geschäft sei von Saisonbeginn an das Ziel gewesen, mehr nicht, sagte Heynckes. Doch er sagte auch: "Wir haben viel investiert, sind aber nicht belohnt worden. Das ist bitter."

Es fiel nicht nur dem Bayer-Coach schwer, gegen die Krise anzureden, auch er befand sich ja mittendrin. Leverkusen war zwar bisher "die beste Mannschaft in Stuttgart", wie VfB-Manager Horst Heldt sagte; aber die Ergebnisse sprechen eben eine andere Sprache.

"Es läuft in die falsche Richtung", sagte Bayers Stürmer Eren Derdiyok, und ergänzte: "Jetzt haben wir noch drei Finalspiele. Bei zwei Heimsiegen sieht alles wieder ganz anders aus." Nach diesem Satz seufzte der Schweizer. Ratlos Schultern hoch, ratlos Schultern runter: Wie Derdiyok vollführten alle Leverkusener diese Übung. Dabei hatte es zunächst gar nicht nach einer Pleite in Stuttgart ausgesehen.

Bayer-Trainer Heynckes wie ein Therapeut

Als Stefan Kießling in der 13. Minute die Führung erzielte, hatte der VfB eine gute Chance durch Timo Gebhart vergeben (3.) und Leverkusen schien auf dem besten Weg, keine Zweifel aufkommen zu lassen, wer hier gewinnen würde. Für Toni Kroos, den frustrierten Derdiyok ("Wir spielen trotzdem guten Fußball") und Kießling gab es Möglichkeiten zu Hauff.

Selbst nachdem Tranquillo Barnetta in der 19. Minute die Gelb-Rote Karte gesehen hatte und Bayer nur noch zu zehnt spielte, blieben die Gäste dominant. Der Schweizer musste nach einem ungeschickten und überflüssigen Foul gegen Ciprian Marica gehen. Gegen zehn Leverkusener glich Stuttgart durch Cacau aus (29.). Es war ein schmeichelhaftes 1:1. Nach der Pause zog sich das dezimierte Leverkusen oft zurück und musste in der 85. Minute schließlich das 1:2 durch Cacau hinnehmen.

"Mit einem Punkt hätten wir leben können", sagte Derdiyok. Nach dem K.o lagen die meisten der unerwartet Gescheiterten fassungslos auf dem Rasen. "Wir haben eine junge Mannschaft, die nicht so viel Erfahrung hat", sagte Trainer Heynckes und wirkte wie ein Therapeut. War Bayer in der ersten Hälfte noch das eindeutig bessere Team, drehte der VfB die Partie in der Schlussphase.

Am Ende jubelte Cacau wie ein Triumphator vor den Stuttgarter Fans. "Es ist wichtig, dass wir nächste Saison in der Europa League spielen", sagte der Nationalspieler zum Sprung seines Clubs auf Rang sechs. Vier Punkte und zwei Plätze trennen den VfB und Bayer noch. Vor fünf Spieltagen waren es noch 18 Zähler und sechs Ränge.

insgesamt 3 Beiträge
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shokaku 18.04.2010
1. Tja
Statt "Vizekusen" hätte sich der Verein wohl besser "Loserkusen" oder "Neverkusen" als Marke sicher sollen. Das wäre flexibler einsetzbar. Für Vizekusen müsste man ja Zweiter werden, und da sieht es ja nicht mehr nach aus. Ist jetzt aber nicht sooo überraschend. Auf der Zielgeraden geht Bayer doch regelmässig die Puste aus, wie auch dem HSV.
Mülheimer, 18.04.2010
2. Wieso Vizekusen?
Zitat von sysopBayer Leverkusen droht der Absturz: Die Pleite in Stuttgart war das fünfte Spiel in Folge ohne Sieg, der einstige Titelkandidat muss nun sogar um die Teilnahme am Europacup bangen. Was die Pleiteserie so kurios macht: Das Team spielt bei all dem Schlammassel auch noch gut. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,689631,00.html
"Man könnte in der Tat glauben, Leverkusen wolle das ewige "Vizekusen"-Dilemma auch 2010 wieder aufführen." Wie soll das denn funktionieren? Dazu müssten die ja noch zweiter werden. Die Leverkusener können doch froh sein, dass die Hamburger verloren haben.
un-Diplomat 18.04.2010
3. zu junge Mannschaften
zu jung: dieses Argument muss man den Trainern doch glauben, aber möglichst ersparen. Aus der Not (warum?) eine Tugend zu machen, funktioniert halt nicht auf Dauer (schon eine einzige Saison ist dafür schon zu lang). BayM und WBrem als langjährig national Erfolgreiche, sowie Barca, ManU, Real, Milan u.a., bemühen den Altersdurchschnitt ihrer Mannschaft eigentlich nie. Nur bei vereinzelten Spielern verweisen sie positiv auf deren Jugend. Für eine "zu junge Mannschaft" ist immer (!!) das Management verantwortlich. Bei BLev sind Rudi Völlers Defizite (von Holzhäuser nicht zu reden) schon langjährig und werden es bleiben. "Tante Käthe", welch respektvoller Name für einen "Sportdirektor" - Hoeneß und Allofs sind Strategen und wenn Magath nun endlich "seinen" Verein gefunden hat, haben wir in der BuLi dann 3 Vereine, die so geführt werden, dass deren Trainer sich nicht auf Unerfahrenheit des gesamten Spielerkaders herausreden müssen bzw. können. Respekt, Herr Heynckes, Sie sollten den Managerposten zusätzlich übernehmen (Holzhäuser weg, Rudi Fan-Betreuer). "Vizekusen" ist eine Diffamierung, denn die einst von sich selbsternannten unabsteigbaren Bochumer - besser mit Koller als Anderen - wären fähig und auch glücklich über eine Titulierung wie "Bochum 15.". Hoffenheims Rangnick sollte nicht medial zerlegt werden. Er könnte bei den Strukturen dort dauerhaft zu den BayM-Verfolgern aufschliessen. Also rosige Zeiten trotz WM. ChampLig ist Zugabe. Zu Kuranyi: ohne Laktat-Test unter Jogis Aufsicht in die NM geht nun mal gar nicht. So ein wenig ähnelt sich der Sprachklang der Schwaben und Sachsen ja, aber die Denkweise von Sammer und Rost (z.Zt. Hamburg) keinesfalls. Herr Sammer, Sie sind der Sportdirektor des DFB!
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