Leverkusens Kevin Volland Torjäger ohne Lobby

Leverkusens Kevin Volland war 2019 nach Timo Werner der deutsche Bundesligaspieler mit den meisten Torbeteiligungen. Bundestrainer Löw setzt trotzdem nicht auf ihn. Wie geht er damit um?
Das Jahr von Volland: 2019 war der Angreifer in 34 Spielen an 30 Toren direkt beteiligt

Das Jahr von Volland: 2019 war der Angreifer in 34 Spielen an 30 Toren direkt beteiligt

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Ende Dezember, wenn die Tage kurz sind und die Bundesliga Winterpause macht, kann es passieren, dass Kevin Volland fremdgeht. Volland ist Fußballer, man kennt ihn als Torjäger von Bayer Leverkusen, mancher Fan erinnert sich auch noch an seine Zeit bei der Nationalmannschaft. Doch in den letzten Tagen eines Jahres tut er manchmal das, was womöglich auch sein Beruf hätte werden können: er spielt Eishockey.

"Ich glaube, ich wäre zumindest kein ganz Schlechter geworden", sagt Volland, dessen Papa Andreas einst Eishockeynationalspieler war. Als Kind stand Volland ständig auf dem Eis, doch irgendwann musste er sich entscheiden: Eishockey oder Fußball. Mit 14 machte Volland ein Probetraining beim FC Bayern München und wechselte dann doch lieber zu 1860 München. Er war ein Spätstarter - und vielleicht hatte er es deshalb besonders eilig: Zweitligadebüt mit 18, Wechsel zu Hoffenheim mit 19 und vier Jahre später nach Leverkusen. Da war er schon Nationalspieler, galt als eines der größten Offensivtalente Deutschlands.

Eishockey ist für Volland heute nur noch ein Hobby. Einmal im Jahr, wenn er zu Besuch ist in Marktoberdorf, einer Kleinstadt im Ostallgäu, trommelt er die alten Kumpels zusammen, der Papa ist oft dabei, auch Bruder Robin. Dann mieten sie eine Eisfläche und spielen. Auf ein Tor, nur zum Spaß.

Als Volland, 27, davon erzählt, scheint über Leverkusen die Sonne, das Thermometer zeigt 16 Grad an. Volland trägt eine blaue Cordhose und einen dicken Winterpullover, man kann von diesem Wetter nur überrascht werden. Es ist ein Dienstag im Dezember, eine Woche vor Heiligabend und drei Tage nach der Derbyniederlage gegen den 1. FC Köln. Von besinnlicher Weihnachtsstimmung ist in Leverkusen an diesem Tag nichts zu spüren.

Das Derby, sagt Volland, hätten sie nicht verlieren dürfen. "Nach so einem Spiel ist bei allen die Enttäuschung groß, auch bei den Fans. Das ist verständlich." Er weiß in diesem Moment noch nicht, dass Leverkusen vor Weihnachten auch gegen Hertha BSC verlieren und anschließend gegen Mainz 05 gewinnen wird. Es ist das letzte Spiel im Kalenderjahr 2019, in dem Leverkusen hinter dem FC Bayern München, RB Leipzig und Borussia Dortmund die viertmeisten Punkte in der Bundesliga geholt hat.

Nur Werner war noch besser

2019, das war das Jahr, in dem Leverkusen unter dem Trainer Peter Bosz eine positive Entwicklung genommen hat, und es war das Jahr des Kevin Volland. Das zeigen die Statistiken: Er war in der Bundesliga in dieser Zeit in 34 Spielen an 30 Treffern direkt beteiligt (13 Tore, 17 Vorlagen). Von allen deutschen Bundesligaspielern hat nur Timo Werner (34 Scorerpunkte) eine bessere Quote. Bundestrainer Joachim Löw setzt trotzdem nicht auf Volland.

Er wisse sehr gut, was Volland könne und was nicht, hat Löw im Herbst gesagt. Offenbar überwiegen beim Bundestrainer die Zweifel. Nominiert hat er Volland schon lange nicht mehr, sein zehntes und bislang letztes Länderspiel hat der Leverkusener im November 2016 gegen Italien gemacht. Wenige Monate zuvor war er von Hoffenheim zu Bayer gewechselt, es lief anfangs gar nicht gut: Volland schoss in dieser Saison nur sechs Tore, am Ende wäre Leverkusen beinahe abgestiegen.

Heute ist er Vizekapitän und im 4-3-3 von Trainer Bosz als zentraler Angreifer gesetzt. Es ist seine beste Rolle: Volland ist gut darin, den Ball mit dem Rücken zum Tor festzumachen und ihn dann im richtigen Augenblick in die Schnittstelle der gegnerischen Abwehr zu spielen. Vor seinem linken Fuß fürchten sich Bundesligatorhüter.

Doch auch jetzt, wo er statistisch gesehen beinahe in jedem Spiel an einem Tor beteiligt ist, spielt er bei der Nationalmannschaft keine Rolle. Man könnte meinen, Volland sei ein Torjäger ohne Lobby.

Über die Nationalmannschaft spricht Volland ungern

Volland ist ein freundlicher Mensch, man kann sich mit ihm gut unterhalten. Wenn er von seiner Kindheit erzählt, dann sagt er, er habe immer "Hummeln im Hintern" gehabt. Und weil ihm immer nur Fußball irgendwann zu langweilig war, hat sich Volland vor einigen Jahren das Gitarrespielen beigebracht. Sein Lieblingslied: "November Rain" von Guns N' Roses.

Nur über die Nationalmannschaft spricht Volland nicht gern. Nein, sagt er, ein Gespräch mit dem Bundestrainer über die Gründe seiner Nichtberücksichtigung habe es nicht gegeben: "Entweder man ist dabei, oder man ist nicht dabei." Volland sagt aber auch: "Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich habe es aber in der Vergangenheit schon oft gesagt: Wenn das letzte Länderspiel so lange zurückliegt, dann schaut man nicht mehr ständig aufs Handy und wartet auf eine Einladung."

Natürlich haben zuletzt auch wieder viele Leute bei Leverkusens Trainer Bosz nachgefragt, ob er verstehen könne, warum Volland nicht zum Kreis der Nationalmannschaft gehöre. Einmal hat Bosz einen Moment nachgedacht, er hat die Stirn in Falten gelegt, und dann hat er gesagt: "Was nicht ist, kann ja noch werden."