Champions-League-Siegerin Lieke Martens »Das ist wirklich guter Fußball«

Lieke Martens hat mit dem FC Barcelona die Champions League gewonnen – als Niederländerin im Klub von Johan Cruyff. Hier spricht sie über unfaire Vergleiche und gemischte Teams in ihrer Heimat.
Ein Interview von Florian Haupt, Barcelona
Lieke Martens: »Ich war von klein auf Fan des FC Barcelona, bin als Mädchen immer in Barça-Trikots herumgelaufen«

Lieke Martens: »Ich war von klein auf Fan des FC Barcelona, bin als Mädchen immer in Barça-Trikots herumgelaufen«

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David Ramos / UEFA / Getty Images

Der FC Barcelona ist der erste Verein, bei dem nach den Männern auch die Frauen die Champions League gewonnen haben. Die Spielerinnen erreichten beim 4:0 gegen den FC Chelsea das höchste Finalergebnis der Geschichte des Wettbewerbs. Einer der Stars ist die niederländische Flügelstürmerin Lieke Martens, Weltfußballerin und Europameisterin von 2017. Nun konzentriert sich die 28-Jährige auf das Finish in der spanischen Liga, wo Barça mit 27 Siegen aus 27 Spielen und einer Tordifferenz von 136:5 vor einem historischen Durchmarsch steht.

SPIEGEL: Der Erfinder des modernen FC Barcelona war ein Niederländer, Johan Cruyff. Unter ihm als Trainer schoss der Niederländer Ronald Koeman 1992 das Tor zum ersten Champions-League-Sieg der Klubgeschichte. Nun kommen Sie, leiten die frühe Führung ein und bereiten einen weiteren Treffer vor. War das Vorsehung?

Martens: Naja, du weißt vorher, dass in einem Finale viel passieren kann, aber ich war voller Selbstvertrauen, das ganze Team war voller Selbstvertrauen. Man konnte spüren, dass wir sofort auf den Knopf drücken wollten, um Chelsea gleich zu zeigen: Es gibt nur ein Team, das hier ist, um zu gewinnen – und das sind wir.

SPIEGEL: Diese Entschlossenheit war seit Wochen zu sehen. Dabei verloren Sie noch 2019 das Finale 1:4 gegen Lyon und beendeten die spanische Liga in jenem Jahr zum vierten Mal nacheinander nicht als Meister.

Martens: Als ich vor vier Jahren kam, galt die Champions League als ein Ziel. Ich sah die Möglichkeit, aber natürlich braucht das Zeit. Ich zum Beispiel habe viel gelernt hier. Jede einzelne Spielerin ist besser geworden. Und dann erreichst du irgendwann den Punkt, wo alle so gut sind, dass sich alles auszahlt. Es ist fantastisch, Teil davon zu sein.

Der FC Barcelona mit Lieke Martens (r.) entscheidet das Champions-League-Finale bereits bis zur Pause mit vier Toren

Der FC Barcelona mit Lieke Martens (r.) entscheidet das Champions-League-Finale bereits bis zur Pause mit vier Toren

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MICHAEL ERICHSEN / imago images/Bildbyran

SPIEGEL: Was war der Schlüssel der Veränderung?

Martens: Die Ambitionen des Klubs. Ich habe an sie geglaubt, auch wenn viele Leute bei meinem Wechsel sagten: »Warum gehst du nach Barcelona?« Natürlich, Barcelona war ein großer Klub, aber damals gab es noch größere Klubs im Frauenfußball.

SPIEGEL: Spielte auch die besondere Beziehung zwischen den Niederlanden und Barcelona eine Rolle?

Martens: Schon. Ich war von klein auf Fan des FC Barcelona, bin als Mädchen immer in Barça-Trikots herumgelaufen. Bereits als ich hier unterschrieben habe, ging also ein Traum in Erfüllung. Aber als Spielerin hast du vor allem Ambitionen. Mir war klar, dass wir nicht sofort alles gewinnen würden. Es ist ein Prozess, und genau das mag ich. 80, 85 Prozent des Teams sind immer noch die gleichen wie vor vier Jahren. Die Basis sind Spanierinnen, und es wurden nur ein paar Spielerinnen ausgetauscht. So lernten wir einander immer besser kennen und die Qualitäten der anderen immer besser einzusetzen.

SPIEGEL: Am vorläufigen Ende dieses Prozesses gewinnen Sie nicht nur die Champions League, sondern spielen auch schönen Fußball, in dem sich Barça-Anhänger wiedererkennen. Mehr wiedererkennen, so sagen es viele, als in dem aktuellen der Männer.

Martens: Als ich kam, wusste ich natürlich, welche Art Fußball hier gespielt wird. Derselbe wie in der niederländischen Nationalmannschaft. Ein Stil, der mir liegt. Schauen Sie sich die Tore im Finale an, besonders das dritte: Das ist wirklich guter Fußball. Es ist so schön, dass wir ihn auch unter höchstem Druck wieder umgesetzt haben.

SPIEGEL: Im TV sah man danach Bilder von der Siegerehrung: Sie schmachten den Pokal an wie einen geliebten Menschen und geben ihm dann einen großen Kuss.

Martens: Kompliment an den Kameramann, wie er das eingefangen hat. Ich wusste gar nicht, dass ich den Pokal so angeschaut habe. Ich war wohl einfach so glücklich, ihn zu sehen. Das Video und die Erinnerung möchte ich für immer aufheben. Wie Sie sehen können, ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen, das waren pure Emotionen.

SPIEGEL: Fühlte es sich noch besser an, weil hinter Ihnen auch schwierige Zeiten liegen? 2019 und 2020 wurden sie von Verletzungen geplagt, konnten lange nicht spielen, und noch in dieser Saison saßen Sie bisweilen nur auf der Bank.

Martens: Wir haben viele Matches, jedes Mädchen war mal draußen. Aber klar, gegen Manchester City (in den beiden Viertelfinal-Spielen, d. Red.) hätte ich gern von Beginn an gespielt, und habe es nicht, da bist du natürlich enttäuscht. Aber gegen Paris Saint-Germain bekam ich dann wieder meine Chance und habe gezeigt, was ich bringen kann (mit beiden Toren beim 2:1 im Rückspiel sicherte Martens den Finaleinzug, Anm. d. Red.).

Lieke Martens musste beim FC Barcelona lange verletzt aussetzen, ist nun aber wieder sehr wichtig für das Team

Lieke Martens musste beim FC Barcelona lange verletzt aussetzen, ist nun aber wieder sehr wichtig für das Team

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Eric Alonso / Getty Images

SPIEGEL: In den letzten Tagen waren Sie und Ihr Team das Stadtgespräch in Barcelona und verdrängten sogar die Männer und ihr verpatztes Ligafinish aus den Schlagzeilen. Der Frauenfußball steht im Scheinwerferlicht wie nie zuvor.

Martens: Wenn ich mich in ein Café setze, kommen die Leute gratulieren. Meine Nachbarn haben kleine Zettelbotschaften an meine Tür gehängt: dass sie sehr stolz sind, meine Nachbarn zu sein. Das ist alles toll, und ich denke, dass wir es auch verdient haben. Wir haben harte Arbeit reingesteckt, noch härtere nach dem verlorenen Finale 2019, weil wir gesehen haben, dass wir noch mehr tun müssen. Sogar in einer Pandemie, als wir monatelang nicht spielen konnte, sind wir nun so stark zurückgekommen.

SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass der Frauenfußball nicht nur in Barcelona, sondern generell auf seinem bisherigen Höhepunkt angekommen ist?

Martens: Ich denke ja, aber wir sollten immer höher und höher streben. Hier ist es, was der Klub brauchte und was er verdient, weil er viel für den Frauenfußball getan hat: uns alle Möglichkeiten gegeben, uns gleich behandelt wie alle anderen auch.

»Das ist nicht fair. Im Tennis oder anderen Sportarten machen wir das auch nicht. Warum immer noch im Fußball?«

SPIEGEL: Dieses Jahr standen vier der bei den Männern gewachsenen Großklubs im Halbfinale: Barça, Chelsea, PSG, Bayern. Der Trend ist klar?

Martens: Es ist eine Übergangsphase, denn lange wollten viele große Klubs nicht in Frauenfußball investieren, und einige Jahre später tun sie es doch. Weil alle es tun, weil alle daran glauben. Dem Frauenfußball tun diese Marken, diese großen Klubs sehr gut. Solange man Frauenfußball nicht mit Männerfußball vergleicht.

SPIEGEL: Warum sollte man nicht?

Martens: Viele Leute machen es, und dann kommt doch immer: Das Spiel ist nicht so schnell, die Männer sind stärker. Das ist nicht fair. Im Tennis oder anderen Sportarten machen wir das auch nicht. Warum immer noch im Fußball? Wer unsere Spiele sieht, wer etwa unsere erste Halbzeit im Finale sah, der hat einfach eine gute Zeit beim Fußballschauen.

SPIEGEL: Man könnte den Vergleich auch andersherum anstellen: Im Frauenfußball gibt es weniger Schwalben, Schnöseleien, Diskussionen mit der Schiedsrichterin. Wird er diese Natürlichkeit auch bewahren können, wenn jetzt immer mehr Geld ins Spiel kommt?

Martens: Ich glaube schon. Klar, ich weiß nicht, was die nächste Generation tun wird. Aber wir jedenfalls wollen so natürlich sein, offener im Umgang, freundlich mit den Leuten, und wir wollen weiter so bleiben, wenn das Level jetzt immer höher wird.

Auch im Trikot von Oranje erfolgreich: Lieke Martens (l.)

Auch im Trikot von Oranje erfolgreich: Lieke Martens (l.)

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Catherine Ivill / FIFA / Getty Images

SPIEGEL: Der niederländische Verband hat vorige Woche angekündigt, dass ab nächster Saison gemischte Teams im gesamten Amateurfußball erlaubt sind. Ein weiterer Schritt?

Martens: Das ist cool. Wer das machen will, soll es tun können, und dann kommt vielleicht der Punkt, an dem nicht mehr verglichen wird. Ich habe bis ins Alter von 16 mit den Jungs gespielt und es genossen. Aber…

SPIEGEL: Sie spielen lieber bei den Frauen?

Martens: Ich mag den Frauen-Talk (lacht). Gefällt mir mehr als die Männergespräche. Aber wer weiß, vielleicht werden ein paar Frauen in Zukunft auch das mögen.

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