Lienen-Interview "Ich werde mich nicht verbiegen"

In Gladbach durfte Ewald Lienen nicht lange arbeiten. Der Erfolg blieb aus, er musste gehen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Bundesligacoach über seinen spektakulären Rauswurf, Friedensdemos, nassforsche TV-Moderatoren sowie sein nimmermüdes Eintreten für Anstand und Moral.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Lienen, haben Sie sich schon vom Stress in Mönchengladbach erholt?

Ewald Lienen: Danke, mir geht es sehr gut. Ich habe die Zeit sinnvoll genutzt, ausgespannt, die Familie besucht und alte Kontakte aufgefrischt. Eben Dinge, die man sonst nicht machen kann. Ich habe großen Abstand zu der ganzen Sache bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nach Ihrer Entlassung in einem Fernseh-Interview ausführlich Stellung bezogen. Würden Sie so etwas noch einmal machen?

Lienen: Ja, das würde ich wieder tun. Das, was passiert ist, musste ich in irgendeiner Form äußern. Ich musste etwas sagen. Auch wenn einige meinten, ich hätte mir damit keinen Gefallen getan. Wie mit uns Trainern mittlerweile verfahren wird, nimmt Formen an, dass wir nicht mehr einfach den Mund halten sollten.

SPIEGEL ONLINE: Was ärgert Sie besonders am Umgang mit den Trainern?

Lienen: Es wird alles auf Punkte und Tabellenplatz reduziert. Der Trainer muss für alles herhalten. Wir schauen zu und lassen das mit uns machen. Wenn du drei- oder viermal verlierst, bist du ein schlechter Trainer. Wenn das so weitergeht, sind wir bald nur noch Manövriermasse, und jeder darf auf den Trainer eintreten, wie er möchte. Leute, die Jahrzehnte im Geschäft sind, müssen sich von Vereinen nicht alles gefallen lassen. Wir müssen uns auch nicht vor irgendwelchen Jungmoderatoren rechtfertigen, die sich erdreisten, gemäß dem Zeitgeist, mit bestimmten Fragen, die Reputation eines Bundesligatrainers zu unterminieren. Diese Respektlosigkeit ist unerträglich und bald schon peinlich.

SPIEGEL ONLINE: Hören wir da wieder den alten Medienschreck?

Ewald Lienen: "Gegen Skrupellosigkeiten muss man sich zur Wehr setzen"
REUTERS

Ewald Lienen: "Gegen Skrupellosigkeiten muss man sich zur Wehr setzen"

Lienen: Das ist eine verkürzte Sichtweise. Es gab sicherlich Zeiten, in denen ich zu bissig war. Ich war nicht immer pflegeleicht im Umgang mit den Medien, das war aber auch nie meine Aufgabe. Oft bringt man Beispiele aus absoluten Stressphasen. Beim 1. FC Köln wurde ich ein halbes Jahr lang täglich aufs Übelste beschimpft. Ich fahre lieber aus der Haut und bleibe mir selbst treu, als alles in mich hinein zu fressen und ein Magengeschwür zu bekommen. Auch wenn mich einige danach für verrückt halten. Gegen Skrupellosigkeiten und Hetzjagden muss man sich zur Wehr setzen.

SPIEGEL ONLINE: Gehört es nicht zum Beruf eines Trainers dazu, kritisiert zu werden?

Lienen: Natürlich, aber wenn ein Trainer sich über bestimmte Medien beschwert oder Kritik äußert, wird er zum Feindbild. Mittlerweile scheint es so, dass diejenigen, die die Meldungen produzieren, wichtiger werden, als die, die für die Nachrichten sorgen. Ich weiß, wer ich bin und was ich kann. Ich weiß aber auch, wie Teile unserer Medienlandschaft funktionieren. Der Verfall von Sitten und Moral ist mehr als offensichtlich. Ich war immer jemand, der auf eben solche Werte gepocht hat. Das werde ich auch beibehalten, weil es für mich zum Menschsein dazu gehört. Da lasse ich mich auch gerne als "Moralapostel" und "Prediger" titulieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist Verweigerung, gar Schweigen die Lösung?

Ewald Lienen: "Ich gehe keinen Handel mit der Boulevardpresse ein"
DDP

Ewald Lienen: "Ich gehe keinen Handel mit der Boulevardpresse ein"

Lienen: Wenn ich respektvoll und vernünftig behandelt werde, bin ich jederzeit bereit, ganz offen Auskunft zu geben. Dass mir eine gewisse Form von Journalismus einfach nicht gefällt, wissen die Leute, die es wissen müssen. Die Kritik an meiner Person kommt aus einer ganz bestimmten Richtung. Ich gehe keinen Handel mit der Boulevardpresse ein, nach dem Motto: "Sie sagen mir heute schon Ihre Aufstellung für morgen und ich behandele Sie dafür fair". Das geht mit mir nicht. Ich muss noch in den Spiegel schauen können, ohne dass mir schlecht wird.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen wird nachgesagt, ein Disziplinfanatiker zu sein. Sehen Sie sich selbst auch so?

Lienen: Fußball funktioniert nicht ohne Disziplin - und kein Trainer sieht das anders. Ich kann nicht als Profisportler bis 3 Uhr morgens in der Disco tanzen, wenn ich zwei Tage später ein Spiel habe. Jeder der etwas anderes erzählt, kennt sich mit der Materie nicht aus. Natürlich entwickelt man sich als Trainer. Anfangs habe ich Phasen gehabt, in denen ich meine Spieler zu sehr mit Vorgaben konfrontiert habe, etwa gesunde Ernährung, vernünftige Lebensweise und was weiß ich nicht alles. Wenn ich heute Obst in die Kabine stellen lasse, können Sie dabei zusehen, wie plötzlich der Korb leerer wird. Ich halte ja den Spielern nicht den Mund auf und stopfe denen die Vitamine rein. In Gladbach habe ich genau einmal einen Experten über richtige Ernährung sprechen lassen. Die Spieler, die meine Ratschläge angenommen haben, sind meist die, die über eine gewisse Intelligenz verfügen.

SPIEGEL ONLINE: Kann Ihre Fürsorge nicht auch als Bevormundung gesehen werden?

Lienen: Wenn ein Mittelfeldspieler zwei Packungen Zigaretten am Tag raucht und nach 50 Minuten raus muss, da er nicht mehr laufen kann, muss es erlaubt sein zu fragen, ob der Spieler richtig lebt. Ich muss mich bei Misserfolg dann aber noch entschuldigen, dass ich das angesprochen habe und angeblich jemanden bevormunde. Das ist doch völlig lächerlich.

SPIEGEL ONLINE: Werden Spieler heute zu sehr aus der Verantwortung genommen?

Ewald Lienen: "Beim 1. FC Köln wurde ich ein halbes Jahr lang täglich aufs Übelste beschimpft"
DPA

Ewald Lienen: "Beim 1. FC Köln wurde ich ein halbes Jahr lang täglich aufs Übelste beschimpft"

Lienen: Ja, ich kann mich nicht erinnern, dass Spieler mal bei Misserfolg entlassen wurden. Rechtlich gesehen ist es genauso einfach oder schwer, einen Spieler zu entlassen wie einen Trainer. Wenn das die Situation wäre, könnten Sie davon ausgehen, dass manche Spieler sich anders verhalten würden. Andere Leute stehen um 5 Uhr morgens auf, um einer vergleichsweise schlecht bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Und manche Spieler gehen mit ihrem Beruf eher nachlässig um. Die Profis werden völlig aus ihrer Verantwortung herausgenommen. Das Spiel läuft so: Am Ende trifft es den Trainer. Fertig.

SPIEGEL ONLINE: Bereits in Ihrer aktiven Zeit als Spieler haben Sie sich politisch engagiert. Sie eckten oft an. Wie viel vom Spieler und Menschen Ewald Lienen steckt im Trainer?

Lienen: Als Spieler habe ich immer meine Meinung öffentlich geäußert. Das mache ich heute nur noch in bestimmten Situationen. Im übrigen stehe ich auch heute noch zu allen Äußerungen. Für den Frieden zu plädieren, halte ich weiterhin für eine gute Sache. Es ist aber nicht so, dass ich krampfhaft mein Weltbild durchsetzen muss. Doch wenn der Trainer Lienen nicht viel vom Menschen Lienen enthalten würde, könnte ich diesen Beruf nicht ausüben. Man kann nur erfolgreich arbeiten, wenn der Trainer authentisch ist. Er muss rüberbringen, was ihn ausmacht. So habe ich es bisher gehandhabt und werde es auch weiterhin tun. Ich werde mich nicht verbiegen. Das entspricht nicht meinem Charakter. Wenn man Ansichten über Bord werfen muss, um erfolgreich mit einer Mannschaft arbeiten zu können, ist es nicht mehr mein Job.

SPIEGEL ONLINE: Einfacher haben Sie es mit dieser Einstellung nicht.

Lienen: Ich liebe den Fußball und gehe mit Leidenschaft an den Beruf heran. Dass Werte eingehalten werden, setze ich auch durch. Ich will nicht, dass meine Mannschaft ein Blutspur hinter sich herzieht, nur um drei Punkte einzufahren. Solche Spieler stelle ich nicht auf. Da muss sich der Spieler ändern. Hart in die Zweikämpfe zu gehen, muss sein, aber korrektes und respektvolles Verhalten dem Gegner, dem Schiedsrichter und dem Zuschauer gegenüber sind Pflicht.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchem Club werden Sie sich künftig für Ihre Ansichten stark machen?

Lienen: Anfragen gibt es immer, aber ich lasse das alles auf mich zukommen. Ich nehme mir einfach noch ein wenig Zeit, denn ich habe zuletzt immer den Fehler gemacht, dass ich zu schnell wieder in einen neuen Job hineingegangen bin.

Das Interview führte Kay Auster



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