Liga-Bad-Boy Kruse "Als ich aufs Feld lief, hatte ich schon Schaum vorm Mund"

Er wurde als Zuhälter beschimpft und stieß einen Schiedsrichter zu Boden: Der ehemalige Hertha-Profi Axel Kruse galt als Bad Boy der Bundesliga. Im Interview mit dem Fußball-Magazin "11 FREUNDE" spricht der Angreifer über Wut, Fettnäpfchen und den coolen Christoph Daum.

Bundesliga-Profi Kruse: "Mein Ruf war hinüber"
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Bundesliga-Profi Kruse: "Mein Ruf war hinüber"


Frage: Herr Kruse, ZDF-Reporter Thomas Wark hat im März 1993 während der Live-Übertragung des DFB-Pokalhalbfinales zwischen Ihrem damaligen Club Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen gesagt: "Der Kruse hat in Rostock mehrere Pferdchen laufen." Am Wochenende danach verhöhnte Sie das Publikum in Saarbrücken als "Zuhälter". Was haben Sie darüber gedacht?

Kruse: Eine saudämliche Geschichte. Seit meiner Kindheit bin ich ein großer Boxfan, zu dieser Zeit habe ich nie einen wichtigen Kampf verpasst. Damals tummelte sich am Ring vom reichen Geschäftsmann bis zum Zuhälter eben alles, was Rang, Namen oder Geld hatte. Und ich saß eben gerne in den vorderen Reihen. Deshalb hatte ich auch Kontakt zu der einen oder anderen Kiezgröße. Aber wie Wark auf die Idee kam, ich würde selbst Geschäfte im Milieu durchziehen, weiß ich bis heute nicht. Später hat er sich dafür im "Sportstudio" entschuldigt. Aber mein Ruf war trotzdem hinüber.

Frage: Sie sind im Juli 1989 aus der DDR nach Westdeutschland geflohen. Mussten Sie, was das Verhältnis zwischen Journalisten und Fußballern betrifft, erst noch aufgeklärt werden?

Kruse: Vielleicht. Als ich 1989 in den Westen kam, war ich ein junger Typ mit großer Klappe. Und folgerichtig bin ich in jedes Fettnäpfchen getreten, das mir vor die Füße geschoben wurde.

Frage: Die Zeitungen tauften Sie wegen Ihrer Ausbrüche auf dem Platz "Amok-Kruse", Sie galten als Bad Boy.

Kruse: Ulf Kirsten hat mal gesagt: "Wenn keiner ruft: 'Kirsten, du Arschloch', weiß ich genau, dass ich schlecht gespielt habe." So sehe ich das auch. Ich habe kein Problem damit, wenn mich das ganze Stadion beschimpft, das empfinde ich eher als eine Form der Anerkennung. Immerhin wirst du wahrgenommen, scheinbar stellst du für die Fans des Gegners eine Bedrohung dar. Das ist doch eine wunderbare Motivation.

Frage: Am 25. August 1993 sahen Sie im Pokalspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern die Rote Karte. Was ist damals passiert?

Kruse: Ich war gerade erst zum VfB Stuttgart gewechselt, und die Partie gegen Kaiserslautern war mein erstes Heimspiel für den neuen Club. Ich war hoch motiviert, spielte aber miserabel. Zur Pause lagen wir 0:2 zurück. In der Kabine stand plötzlich Trainer Christoph Daum vor mir. Er starrte mich an wie ein Irrer: "Kruse. Du hast doch immer so eine große Klappe. Und jetzt spielst du hier wie die letzte Pfeife!" Als ich wieder aufs Feld lief, hatte ich schon Schaum vorm Mund, dann schoss ich auch noch das 1:2. Die Folge: noch mehr Schaum. Dann flog eine Flanke von Andreas Buck in den gegnerischen Strafraum und traf Lauterns Libero Miroslav Kadlec. Ich weiß bis heute nicht, ob Kadlec den Ball mit der Hand berührt hat, aber damals war ich sicher: Elfmeter für uns!

Frage: Doch Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers pfiff nicht.

Kruse: Ich rannte auf ihn zu, fing an zu schimpfen und packte ihn am Arm. Er versuchte sich loszureißen, stolperte aber dabei, drehte sich zweimal um die eigene Achse und fiel hin wie der Osterhase. Heute würde ich sagen: Schiri-Schwalbe. Damals flog ich vom Platz und kassierte die Rekordstrafe von zehn Spielen Sperre. Als ich in die Kabine kam, habe ich erst recht gewildert, schmiss Flaschen und trat Schränke ein. Erst nach dem Duschen hatte ich mich wieder im Griff. Mir war klar, dass das Konsequenzen haben würde, und ich fühlte mich furchtbar. Das Wochenende nach dem Spiel habe ich bei einem Kumpel in Stuttgart-Degerloch verbracht, und als ich am Montag zum Training kam, war mir klar: Ich höre auf. Ich bin zu Christoph Daum gegangen und habe gesagt: "Zerreiße meinen Vertrag. Ich will nicht mehr."

Frage: Wie hat Daum reagiert?

Kruse: Äußerst cool. Ich solle nicht jammern, die harte Strafe akzeptieren und einfach noch mehr trainieren. Er hat mich wieder aufgebaut und damit meine Karriere gerettet.

Frage: Einer der Verantwortlichen vom 1. FC Kaiserslautern soll damals gesagt haben: "Einer wie Kruse würde bei uns kein Spiel mehr machen." Haben Sie die harten Reaktionen überrascht?

Kruse: Ich lag bereits am Boden, und diese Leute haben noch auf mich eingetreten. Typen, die so etwas machen, sind in meinen Augen sehr schwache Menschen.

Frage: Wie reagierten Ihre Mitspieler beim VfB?

Kruse: Einige fanden es lustig, aber ein paar werden sich gedacht haben: Oh Gott, jetzt spielt dieser Geistesgestörte bei uns! Aber grundsätzlich unterscheiden sich Fußballer ja nicht vom Rest der Bevölkerung.

Frage: Das heißt?

Kruse: Es gibt nur ganz wenige Menschen auf der Welt, die in der Lage sind, ihrem Gegenüber die Meinung ehrlich ins Gesicht zu sagen. Im Fußball ist das genauso.

Frage: Die Fans haben Sie allerdings bedingungslos verehrt. Können Sie sich an ein passendes Beispiel erinnern?

Kruse: In der Hertha-Aufstiegssaison 1996/1997 hatten wir am 24. Spieltag den 1. FC Kaiserslautern vor 75.000 Zuschauern zu Gast im Olympiastadion. Als ich nach 25 Minuten das 1:0 schoss, schrie das ganze Stadion: "AXELLL KRUUUUSEEE!" Und ein Jahr später spielte mein alter Verein VfB Stuttgart bei uns in Berlin. Wieder hörte ich die "Kruuuse"-Rufe. Aber nicht von den Hertha-Fans, sondern von den Stuttgartern! Die gegnerischen Fans feierten mich - für einen Fußballer gibt es keine größere Anerkennung.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews: Wie eine Begegnung mit der Staatssicherheit Kruse zur Flucht aus der DDR animierte, warum er sauer über die Grenzöffnung war und wieso er Hansa Rostock in der Bundesliga hielt.

Das Interview führte Alex Raack



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