Liga-Überraschung Wolfsburg Magaths meisterlicher Werkzeugkoffer

Aus dem Windschatten zum Titel? Der VfL Wolfsburg hat sich fast unbemerkt in die Spitzengruppe der Bundesliga gesiegt. Für die Millionentruppe kann es sogar zur Meisterschaft reichen. Denn die Parallelen mit einem Ex-Champion sind verblüffend.
Von Christoph Biermann

Wenn es in dieser Bundesligasaison an irgendwas nicht gemangelt hat, sind es Kandidaten auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Zunächst waren nur Schalke 04 und Werder Bremen als Herausforderer des Titelverteidigers FC Bayern vorgesehen, dann stieß Hoffenheim sensationell an die Tabellenspitze vor und wurde sogar Herbstmeister. Bayer Leverkusen machte zwischendurch auch den Eindruck, als könnte es ganz vorne mitmischen, und dann kamen Hertha BSC und der Hamburger SV. So viel Auswahl an möglichen Meistern war schon lange nicht mehr.

Und seit Sonntagabend ist noch eine Mannschaft dazugestoßen, die bislang von der Konkurrenz übersehen worden - und sich das auch weiterhin so wünschen würde: der VfL Wolfsburg. Deren Trainer Felix Magath war nach dem 3:1-Sieg beim Hamburger SV so angestrengt damit beschäftigt, ein unschuldiges Gesicht zu machen, dass ihm die Wortwahl etwas verrutschte. "Wir haben noch nicht die Qualität, um uns mit um die deutsche Meisterschaft zu schlagen", sagte er.

Aber genau diesen Mangel an Schlagkraft könnte man auch bezweifeln.

Magath hat als Trainer-Manager in den vergangenen anderthalb Jahren so gewaltig viel Volkswagen-Geld ausgeben dürfen, dass er inzwischen eine ganze Menge richtig guter Spieler beisammen hat. Mit dem Bosnier Dzeko und dem Brasilianer Grafite, die auch in Hamburg die Tore erzielten, hat Wolfsburg das aktuell beste Stürmerduo der Bundesliga. Gemeinsam haben sie 25 Tore erzielt, was zwar unter den 29 Treffern von Ibisevic/Ba bei der TSG Hoffenheim liegt, aber dort ist das Team durch die schwere Verletzung von Ibisevic bekanntlich gesprengt. Besonders wirkungsvoll sind die beiden Wolfsburger Stürmer, weil sie sich in der Spielanlage klar genug unterscheiden, um richtig gut zusammenzupassen. Der wuchtig anarchische Grafite und der elegante Dzeko, der auch ein guter Vorlagengeber ist, sind Hammer und Bohrer im Wolfsburger Spiel.

Doch Magaths Werkzeugkasten, für den er am Transfermarkt 60 Millionen Euro mehr ausgeben konnte als er einnehmen musste, enthält noch etliche Präzisionswerkzeuge mehr. Der Brasilianer Josue ist zurzeit einer der stärksten defensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga und der Bosnier Zvezdjan Misimovic ihr bester Vorbereiter. Drumherum wechselt das Personal oft, weil der Konkurrenzkampf im gut besetzten Kader bemerkenswert hoch ist und von Magath auch in Schwung gehalten wird.

Sorgen sollte sich die Konkurrenz auch deshalb machen, weil die Wolfsburger wieder zum Beginn des letzten Saisondrittels in Schwung kommen. Auch in der vergangenen Saison machte die Mannschaft nämlich nach der Winterpause einen gewaltigen Sprung nach vorne. 20 Punkte holte sie in der Hinrunde, in der Rückrunde waren es 34, und der VfL schaffte es noch in den Uefa-Cup. Nun kündigt sich von besserer Ausgangsposition ein ähnlicher Durchmarsch nach vorne an. Die Mannschaft von Magath ist die beste nach der Winterpause und siegte gegen zwei Spitzenreiter auch mit Signalwirkung. Der Erfolg über Hertha BSC vor einer Woche mochte noch glücklich gewesen sein, der Sieg beim HSV war bereits verblüffend souverän.

Überhaupt war das Gerede von der angeblichen Auswärtsschwäche des VfL Wolfsburg zum Teil eine Fehlwahrnehmung, die mit einer fast schon bizarren Laune in der Spielplangestaltung zu tun hatte. So empfing Wolfsburg in der Hinrunde von den derzeit ersten neun Teams der Tabelle nur zwei daheim. Vereinfacht gesagt: sie spielten gegen die Teams der zweite Tabellenhälfte daheim und reiste zu den Spitzenmannschaften. In der Rückrunde ist das nun umgekehrt, und das macht die Wolfsburger Chance auf den Titel noch größer. Denn noch müssen der FC Bayern, Hoffenheim oder Leverkusen nach Wolfsburg, während es für den VfL nach Gladbach, Cottbus oder Bielefeld auf Reisen geht.

Im Moment ist der VfL Wolfsburg noch vier Punkte von der Tabellenspitze entfernt, und seine Situation erinnert ein wenig an die des VfB Stuttgart, der 2007 aus dem Windschatten anderer Bewerber kam und völlig überraschend den Titel gewann. Selbstverständlich will Magath von diesem Vergleich nichts hören, und erzählt, dass seine Mannschaft noch im Aufbau sei. Doch genau das waren die Stuttgarter damals auch.

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