Messis Rekordvertrag veröffentlicht Der entblößte Fußballkönig

Mitten in Barças Schuldenkrise wird der historische Rekordvertrag von Lionel Messi an die Presse lanciert. Es könnte der finale Anstoß zur Trennung im Sommer sein.
Von Florian Haupt, Barcelona
Lionel Messi: Der 550-Millionen-Mann

Lionel Messi: Der 550-Millionen-Mann

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Supa / ZUMA Wire / imago images

Wie viel ist so ein Tor wert? So lautete die Frage des Abends in Barcelona. Man wird sie so und so ähnlich in nächster Zeit noch öfter hören, jetzt, wo das Gehalt von Lionel Messi bis auf den letzten Cent dokumentiert ist. Am Tag der Enthüllung zwirbelte der sechsfache Weltfußballer beim 2:1 gegen Athletic Bilbao einen wunderbaren Freistoß ins Netz. Sein FC Barcelona stieg damit auf Platz zwei in der Tabelle, zwar zehn Punkte hinter dem unfehlbaren Atlético Madrid. Aber immerhin: die beste Barça-Nachricht seit Langem.

Wie viel also? 72,15 Millionen Euro jährliches Fixgehalt plus etliche Prämien, Treueboni (77,93 Mio.) und »Signing Fees« (115,22 Mio.)? Die am Sonntag von der Zeitung »El Mundo«  veröffentlichten Ziffern ergeben die Maximalsumme von 555.237.619 Euro für vier Jahre – das mit Abstand höchste Salär der Weltsportgeschichte. Auf den vollen Betrag kann Messi wegen einiger verpasster Titel nicht mehr kommen, über 500 Millionen hat er sich aber schon gesichert. Wobei hinzugefügt werden muss, dass die letzte Tranche wegen der Finanzprobleme des Vereins größtenteils gestundet wurde.

Die gigantischen Zahlen kommen nicht aus heiterem Himmel. Schon Anfang 2018 legte der SPIEGEL auf Basis der »Football Leaks« dar, wie Messi bei Barça mittlerweile über 100 Millionen Euro jährlich verdiente. Doch der Aufruhr ist diesmal ungleich größer. Weil der Presse das vertrauliche Dokument von einer Vertragsseite zugespielt worden sein muss, also wahrscheinlich aus dem FC Barcelona heraus. Und weil Messi jetzt noch einen gewichtigen Grund mehr haben könnte, das Weite zu suchen aus Barças Dauerkrise.

Nichts verstört den reservierten Argentinier mehr als der öffentliche Pranger. Bis vor einem Jahr das epochale Barça-Chaos begann, hatte er erst einmal über einen Abschied vom Klub nachgedacht: Als er wegen Steuerhinterziehung angezeigt, prozessiert und schließlich verurteilt wurde. »Damals hatte ich überlegt zu gehen«, sagte er im Herbst 2019 dem Radiosender Rac1. »Ich fühlte mich sehr schlecht behandelt.«

»Der pharaonische Vertrag von Messi, der Barça ruiniert«

Man kann sich also vorstellen, wie die Publikation seines Arbeitsvertrags bei ihm angekommen ist. Der Fußballkönig steht entblößt da: als gierig, ja unverschämt. Denn der Moment der Enthüllung drängt ja eine Assoziation mit Barças Schuldenkrise geradezu auf. Die Zeiten haben sich geändert, seit Messis Berater-Vater Jorge 2017 eine bereits getroffene Übereinkunft noch mal aufbessern ließ, weil der Verein inzwischen 222 Millionen Euro aus dem Abgang von Neymar in die Kassen gespült bekommen hatte. Heute stehen die Katalanen mit 1,173 Milliarden in der Kreide, wie vergangene Woche ihr Geschäftsbericht einräumte. 731 Millionen davon sind kurzfristige Schulden.

Und so lieferte »El Mundo« die steile These zur Recherche gleich in großen Lettern mit: »Der pharaonische Vertrag von Messi, der Barça ruiniert«, betitelte die Madrider Zeitung ihre Sonntagsausgabe unter der Monsterzahl von 555.237.619.

Das Ende? Messi schwieg am Sonntag, wie es seine Gewohnheit ist. Als er vorigen Sommer aus sportlichem Frust zu kündigen versuchte, war viel von Manchester City die Rede. Jetzt lernt er angeblich Französisch, weil Paris Saint-Germain die Favoritenrolle innehaben soll. Bekommt Barças künftiger Präsident, der nach Verschiebung wegen der Covid-Restriktionen erst am 7. März gewählt werden kann, überhaupt noch eine Chance, ihn zu halten?

Sorgen kurz vergessen: Messi traf gegen Bilbao

Sorgen kurz vergessen: Messi traf gegen Bilbao

Foto: ALBERT GEA / REUTERS

Das Timing – normalerweise wäre vorigen Sonntag votiert worden – macht die Frage umso brisanter, von wem und warum der Vertrag an die Öffentlichkeit gelangte. Nach Medieninformationen aus dem Messi-Lager unterstellt man dort, dass nur fünf Leute im Klub die Papiere kannten: Der im Herbst zurückgetretene Ex-Präsident Josep Maria Bartomeu, Exekutivdirektor Òscar Grau – die Unterzeichnenden für den Verein –, dazu der Präsident der aktuell amtierenden Übergangskommission, Carles Tusquets, sowie zwei weitere Personen. Gegen dieses Quintett erwäge Messi wegen der Weitergabe von vertraulichen Inhalten nun zu klagen. Gegen »El Mundo« sowieso.

Barcelona kündigt rechtliche Schritte an

Rechtsschritte bereits angekündigt hat Barça. Am Sonntag verneinte der Klub »kategorisch jedwede Verantwortung« für die Veröffentlichung und versicherte Messi »absolute Unterstützung gegen jeden Versuch, sein Image zu diskreditieren.«

Das von Barça selbst steht schon länger auf Tiefstwert. Tag für Tag erwachen die Anhänger mit neuen Unerklärlichkeiten aus dem Intrigenstadl ihres Vereins. Ins Zwielicht rückt dabei zunehmend Verwalter Tusquets, der – so Kritiker – die Schulden und Corona-Pandemie als Vorwände nutze, um die Wahlen hinauszuzögern und selbst Politik zu betreiben.

Am Freitag landete ein interner Bericht von Sportdirektor Ramón Planes an Tusquets beim Fernsehsender TV3. Darin werden Spieler wie Samuel Umtiti zum Verkauf empfohlen. Über den Innenverteidiger heißt es, er sei wegen seiner Verletzungsanfälligkeit nicht mehr groß zu gebrauchen. Damit hat der Klub nun eigenhändig den Marktwert eines Spielers torpediert, den er abzugeben hofft – wer gibt solche Informationen in Umlauf? Planes bestreitet es. Tusquets wiederum versucht seit Tagen, die sofortige Verpflichtung des Innenverteidigers Eric García von Manchester City durchzusetzen. Planes' Bestandsaufnahme liefert die Argumente dafür. Angesichts der leeren Kassen verweigern zwei der drei Präsidentschaftskandidaten jedoch die Zustimmung zu einem Transfer; zumal García im Sommer gratis zu haben sein wird.

»Messi bringt viel mehr, als er kostet.«

Wahlfavorit Joan Laporta

Bereits im Dezember hatte Tusquets kundgetan, er persönlich hätte Messi gehen lassen. Tatsächlich stünden dann jetzt rund 75 Millionen Euro weniger Ausgaben plus gegebenenfalls die Einnahme einer Ablöse zu Buche. Aber vielleicht auch noch mehr Schulden? Experten schätzen Messis Beitrag auf mindestens 20 Prozent der Klubumsätze von zuletzt 855 Millionen Euro jährlich. Denn ob bei Sponsoren oder Testspielgegnern, immer gibt es zwei Tarife: mit Messi oder ohne Messi.

»Messi hat uns nicht ruiniert«

»Messi bringt viel mehr, als er kostet«, sagt Wahlfavorit Joan Laporta. Sein Rivale Víctor Font antwortete auf die »Mundo«-Schlagzeile: »Messi hat uns nicht ruiniert. Im Gegenteil.«

Dass die Schuld am gemeinsamen Abstieg der letzten Jahre bei einem unfähigen Klubmanagement lag, aber keinesfalls bei Messi, ist in Barcelona praktisch Common Sense. Allerdings trieb auch Messis häufige Forderung nach einem »Siegerprojekt« seine devoten Chefs dazu, jede Vernunft auf dem Transfermarkt aufzugeben. Und sorgte der Schneeballeffekt seines Luxussalärs für die marktfremde Überbezahlung weiterer Profis.

Das Ergebnis könnte sich Anfang Februar 2021 kaum delikater darstellen. Der Klub ist pleite, Messi brüskiert und Ronald Koeman muss in Abwesenheit eines Präsidenten den Vereinssprecher geben. »Wenn das jemand aus dem Klub lanciert hat, darf er hier keine Zukunft haben«, so der Trainer: »Dahinter stecken böse Absichten.«

Als Messis Freistoß gegen Bilbao ins Netz flog, kommentierte der Radiosender Cadena Ser ironisch: »Dieser Typ ist eine Ruine.« Es war sein 650. Tor für den FC Barcelona.

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