Bemerkenswerte Rede auf Fifa-Kongress Norwegische Fußballpräsidentin Klaveness stört die Infantino-Show

Auf dem Fifa-Kongress in Doha lobte Präsident Gianni Infantino einmal mehr WM-Gastgeber Katar und vermied im Zusammenhang mit der Ukraine das Wort »Krieg«. Eine Frau zeigte ihm seine Grenzen auf.
Die Präsidentin des norwegischen Fußballverbands Lise Klaveness auf dem Fifa-Kongress im katarischen Doha

Die Präsidentin des norwegischen Fußballverbands Lise Klaveness auf dem Fifa-Kongress im katarischen Doha

Foto: Hassan Ammar / AP

Die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness hat den Kongress des Fußball-Weltverbandes Fifa zu Veränderungen im Umgang mit Menschenrechten und Diversität aufgefordert. »Die Fifa muss als Vorbild agieren«, sagte Klaveness, 40, während der Vollversammlung in Doha. Jeder Mensch müsse »mit demselben Respekt« behandelt werden. Die WM 2022 in Katar sei im Jahr 2010 unter »inakzeptablen Umständen und mit inakzeptablen Konsequenzen« an das Emirat vergeben worden. Der WM-Gastgeber steht seit Jahren wegen der Menschenrechtslage und den Bedingungen für ausländische Arbeiter in der Kritik.

»Die Fifa hat diese Dinge angesprochen, aber es ist noch ein langer Weg«, sagte Klaveness, in deren Verband im vergangenen Jahr über einen Boykott der WM diskutiert worden war. »Die Fifa muss alle Maßnahmen ergreifen, um Veränderungen herbeizuführen.« Klaveness nannte die Rechte der LGBT+-Gemeinde – also unter anderem für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle, sowie Menschenrechte, Diversität und Antidiskriminierung als Beispiele.

An Fifa-Präsident Gianni Infantino schien der Aufruf abzuprallen. Er rief zwar zum Frieden auf, vermied es allerdings, den russischen Angriffskrieg auch als solchen zu benennen. »Suchen Sie den Dialog selbst mit Ihrem schlimmsten Feind. Der Fußball wird für Sie da sein, um gemeinsam für den Frieden zu arbeiten«, sagte er voller Pathos – und lobte ebenso eindringlich den umstrittenen Gastgeber der WM (21. November bis 18. Dezember) in diesem Jahr. »Katar ist vielleicht ein kleines Land, aber das Herz von Katar ist so groß, dass es die ganze Welt willkommen heißt«, schwärmte Infantino.

WM-Organisationschef Hassan al-Thawadi reagierte verstimmt. »Frau Präsidentin kommt in unser Land und hat nicht versucht, uns zu kontaktieren und hat nicht versucht, einen Dialog zu starten«, sagte er. Er verwies darauf, dass internationale Organisationen wie Gewerkschaften dem Land Fortschritte attestiert hatten. »Wir waren immer offen für einen Dialog. Es geht um Diskussionen. Wir haben immer offene Türen gepflegt, die Türen sind offen für alle, bevor sie ein Urteil fällen.«

Lob vom DFB, mehr nicht

Der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf wählte dagegen eine passive Rolle, auch wenn der die Klaveness-Rede im Anschluss lobte. »Ich finde es gut, dass die Diskussion offen auf der Bühne stattfindet und dass man sich mit diesen Fragen auseinandersetzt. Das kann man so machen«, sagte der 61-Jährige.

Er selbst wolle während seiner Reise nach Doha Termine mit Experten wahrnehmen, sagte Neuendorf weiter: »Ich will erst mal Gespräche führen und versuche, mich frei zu informieren. Das ist genauso wichtig. Wir tauchen nicht ab bei dem Thema, sondern schauen, dass wir uns erst selbst ein seriöses Bild von der Lage beschaffen.« Dies sei sein eigener »Anspruch«, mit Kritik an Infantino hielt er sich jedoch zurück.

Videobotschaft von ukrainischem Verbandspräsidenten

Um die vermeintlichen Fortschritte zu dokumentieren, wurde zusätzlich noch ein fast zehnminütiges Video gezeigt. »Ohne die Projektionsfläche dieser WM hätten alle Veränderungen nicht stattgefunden«, sagte Infantino. Und ohnehin werde das Winterturnier die »beste WM aller Zeiten«, eine »große Show« und zudem »zur besten Jahreszeit gespielt«, ergänzte er.

Auf die Videobotschaft des ukrainischen Verbandspräsidenten Andrij Pawelko ging Infantino nicht ein. »Wir möchten keinen Luftalarm hören, wir wollen wieder Fangesänge. Wir wollen wieder volle Stadien statt zerbombter Städte – das sind unsere Ziele«, sagte Pawelko in seiner Videobotschaft und erhielt vergleichsweise verhaltenen Applaus im Saal. Vielleicht könne der Fußball dabei helfen, »diesen furchtbaren Krieg irgendwann hinter uns zu lassen«.

Scharfe Kritik von Menschenrechtlern

Scharfe Kritik hatte es bereits zuvor von Menschenrechtlern gegeben. Infantino verhalte sich »wie ein Propagandaschau-Sprecher der katarischen Regierung«, sagte Wenzel Michalski von Human Rights Watch bei Sky. Erst in dieser Woche hatte Amnesty International erneut auf Missstände in dem schwerreichen Emirat hingewiesen.

vgl/sid