Liverpools "The Kop" Tribüne mit Tradition

Heute Abend tritt der FC Liverpool in der Champions League auswärts bei Galatasaray Istanbul an. Dass Fußball kein Kampf auf Leben und Tod, sondern viel mehr ist, kann man aber besonders bei den Heimspielen der "Reds" erleben. Vor allem eine Tribüne gilt längst als legendär.


Welches denn der magischste aller magischen Abende auf dieser Tribüne gewesen sei, darüber streiten sich die Gelehrten. War es der legendäre Halbfinalsieg gegen Inter Mailand im Europapokal der Landesmeister 1965, wie ältere Liverpooler meinen? Oder der dramatische Viertelfinaltriumph gegen AS St. Etienne 1977? Eine der zahllosen Schlachten gegen die englischen Rivalen in Meisterschaft und FA-Cup? Oder doch das Champions-League-Halbfinale gegen den FC Chelsea im Frühjahr 2005, also zu einem Zeitpunkt, als "The Kop" nach Ansicht von Traditionalisten nicht mehr wirklich "The Kop", weil längst Teil einer reinen Sitzplatzarena war?

Tribüne The Kop in Liverpool: Stahlkonstruktion mit Strahlkraft
Getty Images / Clive Brunskill/Allsport

Tribüne The Kop in Liverpool: Stahlkonstruktion mit Strahlkraft

In jener Nacht aber entwickelte die berühmte Tribüne noch einmal ihr altes Charisma, die Massen wurden nicht nur zum zwölften, sondern auch noch zum dreizehnten und vierzehnten Mann. Am Ende war das Starensemble aus London völlig eingeschüchtert und der FC Liverpool stand zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder im Finale des einstigen Landesmeisterpokals, das er dann ja auch gewann. Natürlich wird von diesem Triumph vor allem die furiose Aufholjagd im Endspiel gegen den AC Mailand in Erinnerung bleiben, doch wäre es ohne den ohrenbetäubenden Lärm des "Kop" im Halbfinale vermutlich gar nicht zu diesem Spiel gekommen. Derart beeindruckend fiel die Unterstützung aus, dass selbst der milden Gefühlen gegenüber dem Gegner unverdächtige Chelsea-Coach José Mourinho anschließend den Liverpool-Fans applaudierte.

Die Geschichte des "Kop" geht zurück bis ins Jahr 1906. Nachdem der FC Liverpool seine zweite Meisterschaft gewonnen hatte, beschlossen Präsident John Houlding und Geschäftsführer John McKenna den Bau einer neuen, größeren Tribüne hinter einem der beiden Tore. Es entstand eine Stahlkonstruktion für 20.000 Zuschauer, die vom Liverpooler Sportjournalisten Ernest Edwards "The Spion Kop" getauft wurde. Der Name ist eine Erinnerung an die Spion-Kop-Schlacht auf einem südafrikanischen Hügel im Rahmen der Burenkriege, bei der auch viele junge Liverpooler ihr Leben verloren. Zwar war der FC Liverpool weder der erste noch ist er der einzige englische Verein mit einem "Kop Stand" (weitere gibt es etwa in Birmingham, Leeds und Sheffield), doch kein anderer wurde annähernd so berühmt wie der an der Anfield Road.

Dabei war die Tribüne zunächst alles andere als ein gemütliches Wohnzimmer. Man genoss zwar von der Rückseite der offenen Stahlkonstruktion bei gutem Wetter einen traumhaften Blick über die Stadt, doch hatte diese architektonische Eigenheit auch einen gewaltigen Nachteil; wenn nämlich der Wind den Regen vom Mersey River hereinwehte. Und in Liverpool regnet es ja nicht gerade selten. Deshalb freute es die Fans, dass sie im Jahr 1928 ein Dach über dem Kopf bekamen. Danach war "The Kop" die größte überdachte Tribüne Europas.

Vor der gewaltigen Konstruktion wurde im Übrigen nicht nur Fußball gespielt. Vor allem in den 30ern war die Anfield Road ein beliebter Veranstaltungsort für Boxkämpfe, so kämpfte hier unter anderem der Lokalmatador Nel Tarleton gegen einen gewissen Freddie Miller um die Weltmeisterschaft im Federgewicht. Auch der Liverpool Marathon bog seinerzeit oft vor dem "Kop" auf die Zielgerade ein. Berühmt wurde das Stadion wie auch seine legendäre Tribüne allerdings durch den Fußball und die ebenso glorreiche wie gefühlsbetonte Geschichte des FC Liverpool. So viele Erfolge: fünf Landesmeister- bzw. Champions-League-Pokale, drei Uefa-Pokale, 18 englische Meisterschaften, sieben FA-Cups. So viele legendäre Gestalten von Kevin Keegan bis Kenny Dalglish, eine ganze Armee von Idolen, angeführt von Trainer Bill Shankly, dem Erfinder des notorischsten Fußball-Bonmots überhaupt: "Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger als das!" Shankly pflegte eine geradezu religiöse Beziehung zur Tribüne hinter dem Tor, viele Fotos zeigen seinen entrückten Blick in Richtung der Fans.

Mit Shankly begann 1959 die Zeit der großen Gefühle. Spätestens ab den 60ern wurde auf dem "Kop" gesungen, zunächst vor allem die Hits der Beatles, rasch aber wurde Gerry Marsdens "You’ll never walk alone" zu ihrer Hymne. Ein Song, der wie kein zweiter als emotionaler Anker taugt, vor allem in schweren Zeiten. Sie haben ihn gesungen, als Bill Shankly 1981 gestorben ist, sie haben ihn nach der Heysel-Tragödie 1985 (39 Tote) gesungen, und sie haben ihn wieder gesungen, als 1989 fast 100 der ihren bei der Katastrophe von Hillsborough ums Leben gekommen sind.

Im Grunde aber hat dieses Unglück die Geschichte von "The Kop" in gewisser Weise beendet. Als der sogenannte "Taylor Report" reine Sitzplatzstadien zum Maß aller Dinge erhob, war es 1994 auch um die berühmteste englische Stehplatztribüne geschehen. Die Atmosphäre, so heißt es, sei danach nie mehr dieselbe gewesen. Bis im Frühjahr 2005 der FC Chelsea nach Liverpool kam.



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