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Löws Entscheidung der K-Frage Kapitän auf letzter Fahrt

Offiziell bleibt Michael Ballack der Spielführer der DFB-Nationalelf. Tatsächlich werden die Entscheidungen im Team längst von den Jüngeren gefällt. Ballack wird mit dieser Maßnahme lediglich der langsame Abschied aus der Mannschaft ermöglicht.

In der Politik wird jemand, der sich zwar noch im Amt befindet, dessen Abschied aber feststeht, eine "lame duck", eine lahme Ente, genannt. Seit Mittwoch ist Michael Ballack die lahme Ente der Nationalmannschaft. Der Leverkusener Spieler darf zwar nach dem Beschluss von Bundestrainer Joachim Löw die Kapitänsbinde behalten. Aber die Autorität, die Ballack bis zu seiner Verletzung im Mai in der Mannschaft innehatte, ist unwiederbringlich dahin. Der wahre Kapitän bleibt Philipp Lahm.

Ein formschwacher Ballack, vom Bundestrainer für nicht tauglich erachtet, die Nationalelf gegen Belgien (3. September) und Aserbaidschan (7.September) zu verstärken - es müsste schon ein mittleres Fußballwunder geschehen, damit der fast 34-Jährige nur annähernd wieder den Rang einnehmen kann, den er jahrelang in der Nationalmannschaft besaß: ein zumindest in der Öffentlichkeit unangefochtener Führungsspieler, der natürliche Mannschaftskapitän, einer, an dem Kritik zu üben sich verbietet. Heute muss Ballack, der für jeden sichtbar unter den Nachwirkungen des bösen Fouls von Kevin-Prince Boateng leidet, schon bangen, in seinem Club für die Stammformation nominiert zu werden.

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Ballack oder Lahm: Kapitänsfrage ist entschieden

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Wenn Ballack seine Form in den kommenden Tagen und Wochen nicht deutlich steigert, dann dürfte Bayer-Trainer Jupp Heynckes angesichts der Stärke des Leverkusener Kaders irgendwann nicht darum herumkommen, ihn im Verein auf die Bank zu setzen. Welche Motivation dann noch ein Bundestrainer haben sollte, Ballack für die anspruchsvolle EM-Qualifikation zu berufen, kann man sich ausmalen.

Alle Honneurs pflichtschuldigst abgearbeitet

Löw hat am Mittwoch Ballacks Verdienste um die Nationalelf hervorgehoben, er hat betont, der Spieler habe "Großartiges geleistet", er hat seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass "Michael Ballack wieder in die Form kommen wird, die wir alle von ihm kennen". Löw hat all die Ehrbekundigungen routiniert abgearbeitet, die einem 98-fachen Nationalspieler gebühren. Zu den Kernsätzen dieser Pressekonferenz gehörten sie nicht.

Der Bundestrainer hat andere Sätze gesagt, die weit wichtiger sind und auf die Zukunft hindeuten. Für die lange Dauer einer EM-Qualifikation "braucht man einen größeren Kader, weil sich ja auch immer mal Spieler verletzen", hat Löw gesagt und dass "in solchen Fällen mal der eine, mal der andere spielt". Er weiß, dass Bastian Schweinsteiger oder Sami Khedira, die im Moment auf der Ballack-Position im defensiven Mittelfeld deutlich stärker sind, auch mal verletzt absagen müssen. In solchen Fällen ist es gut, Ballack zur Verfügung zu wissen. Sofern dieser dazu bereit ist, eine Reservistenrolle zu akzeptieren.

Erstmals in seiner Nationalmannschaftskarriere ist Ballack auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen eines Bundestrainers ausgesetzt. Löw kann sich dabei sicher sein, Fußballdeutschland hinter sich zu wissen, wenn er zunächst auf Ballack verzichtet. Das WM-Turnier in Südafrika hat die Stimmungslage im Land vollständig verändert. Ballack, der vorher der Leitwolf war, wird jetzt von vielen als störend für die Harmonie der Mannschaft wahrgenommen. Kein Nationalspieler seit Lothar Matthäus hat einen solchen Absturz in der Wertschätzung genommen - ohne dass er viel dazu getan hätte. Er war lediglich verletzt und fehlte, als es darauf ankam.

"Der Philipp" weiß um seine Führungsrolle im Team

Philipp Lahm, den Löw "den Philipp" nennt, während er bei dessen Rivalen stets vom "Michael Ballack" spricht, habe die Entscheidung in der K-Frage "absolut akzeptiert", sagte der Bundestrainer. Was keine übermenschliche Leistung ist. Lahm weiß, dass ihm nicht nur die Zukunft als Kapitän sicher ist. Schon in der Gegenwart bildet er gemeinsam mit Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose oder Per Mertesacker das Kraft- und Entscheidungszentrum der Mannschaft. Spieler wie Mesut Özil, Thomas Müller oder Khedira werden im Zweifelsfall den Rat dieser Spieler einholen, selbst wenn Ballack derjenige ist, der das Team vorneweg aufs Feld führt und die Wimpel tauscht.

Löws Maßnahme, Ballack die Kapitänsbinde anzutragen, ist denn auch in erster Linie ein Gnadenakt des Trainers, eine Maßnahme, Ballack noch das 100. Länderspiel seiner Karriere zu ermöglichen - das Jubiläum wird er wahrscheinlich allerdings erst im kommenden Jahr begehen können. Zurzeit ist es kaum vorstellbar, dass Löw den "Capitano" für den nächsten Doppelspieltag der EM-Qualifikation Anfang Oktober berufen wird. Für ein solches Experiment steht vor allem bei der Partie gegen die Türkei am 8. Oktober zu viel auf dem Spiel.

Seine einzige Hoffnung könnte Sami Khedira sein. Schweinsteiger bringt derzeit dermaßen konstant Bestleistungen, dass Ballack an ihm nicht mehr vorbeikommen wird. Wenn Khedira jedoch an der Aufgabe, sich bei seinem neuen Club Real Madrid durchzusetzen, scheitert und wie zuletzt Christoph Metzelder auf der Ersatzbank versauert - dann würde im defensiven Mittelfeld wieder eine Planstelle frei, die ein einigermaßen wiederhergestellter Ballack ausüben könnte.

Der Bundestrainer hat allerdings schon einmal klargemacht, dass er an Khedira glaubt. Dieser mache ihm zurzeit einen "absolut zufriedenen, fast glücklichen Eindruck". Ebenso wie Real-Kollege Mesut Özil sei er "fußballerisch so gut, dass er jederzeit bei Real spielen kann". Löw gab sich "sicher, dass sich Khedira und Özil bei Real durchsetzen".

Statt ehrfürchtiger Achtung, wie sie der Führungsspieler Michael Ballack über die Jahre erfahren hat, schlägt ihm derzeit ein öffentliches Gefühl entgegen, das er bisher höchstens aufgrund seiner zahlreichen verpassten Titel erleben musste: Mitleid. Viele mögen es ihm angesichts dieses für ihn so komplett missglückten Sommers wünschen, dass er in der Nationalmannschaft noch einmal die Position früherer Tage erreichen könnte, Ansprüche stellen kann er jedoch nicht mehr. Auch dafür hat Löw am Mittwoch den passenden Satz parat gehabt: "Die Spieler können Wünsche äußern, die Bedingungen stelle ich als Trainer."

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