Logbuch eines Fußballprofis Abgeklemmt von der Nabelschnur

Die Kolumne des Rostocker Bundesligaprofis Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Die geheimnisvolle Auswärtsbilanz der Hansa - was dahinter steckt oder warum man Weihnachten besser zu Mutti fährt.


Der SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist (r.) im Zweikampf mit Bochums Sebastian Schindzielorz: Tief in ihrem Herzen lieben sie uns doch...
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Der SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist (r.) im Zweikampf mit Bochums Sebastian Schindzielorz: Tief in ihrem Herzen lieben sie uns doch...

Nur zur Erinnerung: In der vergangenen Bundesligasaison haben wir mit Hansa Rostock genau ein Auswärtsspiel gewonnen. Zur Verblüffung der so genannten Fußballexperten stehen nach dem neunten Spieltag schon drei Siege auf fremden Plätzen auf unserer Habenseite. Da ist es nur logisch, dass ich exklusiv für Sie, liebe Leser, den wahren Grund unserer mysteriösen Auswärtsstärke erkläre.

Jeder von Ihnen kann sich ganz bestimmt noch an seine pränatale Phase erinnern?! Sie liegen eingebettet im warmen Fruchtwasser und fühlen sich sicher und geborgen im Leibe Ihrer Mutter. So ist es normalerweise für uns Berufskicker, wenn wir ein Heimspiel haben. Unser Stadion ist eine Bastion, die uns Geborgenheit, Stärke, Zuversicht, Siegeswillen und Nahrung durch unsere Fans gibt. Die Parallelen zum Mutterleib sind unverkennbar, oder?

Durch die Restaurierung des Ostseestadions ist uns praktisch die "Nabelschnur" für eine lange Zeit abgeklemmt worden. Man schaut auf eine Baustelle, welche nur spärlich mit Menschen besetzt ist. Wo man sonst mit offenen Armen vom gesamten Rund des Stadions in Sicherheit gewogen wird, stehen jetzt riesige Betonträgerelemente und lassen uns ihre emotionale Kälte durch umbarmherziges Schweigen spüren. Wie soll man da bloß die Heimspiele gewinnen??

Kommt man hingegen in ein fremdes Stadion, so kehrt nach nur kurzer Zeit das so wichtige Urvertrauen zurück. Wird man auch manchmal von den auswärtigen Anhängern beschimpft und verspottet, kein Problem! Es kommt einem nur wie eine kleine Meinungsverschiedenheit mit den Eltern vor. Tief in ihrem Herzen lieben sie uns doch, sonst würden sie doch nicht sechsmal am Tag anrufen, nur um zu fragen, ob man an Weihnachten denn auch nach Hause kommt.

So lässt es sich, wie Sie nun bestimmt verstehen werden, für uns in der Ferne, wo wir zwar für kurze Zeit fremd sind, aber durch ein komplettes Stadion wieder die mütterliche Liebe spüren, momentan leichter aufspielen. Was lernen wir daraus? Ganz klar, und das war auch noch nie anders: Mamas sind doch die Besten.



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