"Logbuch eines Fußballprofis" Aus! Wärts! Sieg!

Die wöchentliche Kolumne des Rostocker Bundesligaspielers Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Unser 1:0-Erfolg in Hamburg.


Beierle und Di Salvo freuen sich über den Siegtreffer
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Beierle und Di Salvo freuen sich über den Siegtreffer

Pausenlos fliegt der Ball durch unseren Strafraum, der Ausgleichstreffer für den HSV scheint nur noch wenige Augenblicke entfernt, ich stehe an der Außenlinie hinter unserem Tor und unterhalte mich mit einem meiner Mitspieler.

Gerade loten wir unsere Einwechselchancen aus, und ich versichere meinem Kollegen, einem Defensivspezialisten, dass er, sollten wir weiterhin unseren knappen Vorsprung verteidigen, ganz bestimmt noch mitspielen darf. Eigentlich habe ich gar keine Zweifel, dass wir unser dünnes 1:0 über die Zeit bringen werden. Der HSV spielt ziemlich einfallslos.

Die Hamburger Fans scheint im Übrigen das gleiche Gefühl wie uns Ersatzspieler zu beschleichen. Bei jeder weiteren vergebenen Torchance fliegen Geldstücke, Feuerzeuge und Schokoriegel an unseren Köpfen vorbei aufs Spielfeld. Sobald ich mich umdrehe, um herauszufinden, aus welcher Ecke die Gegenstände geworfen werden, werde ich beschimpft und mit den bundesligaüblichen Fangesten für Spieler der gegnerischen Mannschaft belegt.

Auch das Rahmenprogramm ist sehenswert

Das Anrennen der Hamburger Profis auf unser Tor ist inzwischen noch zäher geworden, der Frust über ihren Misserfolg entlädt sich jetzt auch in Aggressivität, unsportliche Szenen folgen: Nach einem harmlosen Foul wird einer meiner Kameraden mit beiden Händen von seinem Gegenspieler gewürgt. Ich bin sprachlos, aber weil diese Situation so unglaublich grotesk ist, muss ich sogar fast ein wenig schmunzeln; kurz darauf wird ein am Boden liegender Mannschaftskollege von einem HSV-Spieler aus zehn Zentimetern Entfernung in einer Lautstärke angeschrieen und beschimpft, dass man sich wirklich ernsthafte Sorgen um seine Hörfähigkeit machen muss.

Überhaupt ist der Unterhaltungswert an diesem Sonntagabend in Hamburg recht hoch. Nicht nur, dass wir zumindest in der ersten Halbzeit recht ansehnlichen Fußball bieten und verdient in Führung liegen. Nein, auch das Rahmenprogramm ist sehenswert. Eine Viertelstunde vor Spielende läuft plötzlich ein grün gekleideter HSV-Fan auf den Rasen und umhalst Sergej Barbarez wie ein Klammeräffchen. Selbst als die Ordnungskräfte den Anhänglichen abführen, gelingt es ihm immerhin noch einmal, sich über die Bandenwerbung in Richtung Spielfeld zu rollen. Das finden dann sogar die eigentlich weniger zu Scherzen aufgelegten HSV-Fans in meinem Rücken amüsant.

Wochenlang nicht duschen

Es sind nur noch wenige Minuten zu spielen, als meine Prophezeiung wahr wird. Mein Kollege, der Defensivspezialist, wird eingewechselt, und ich trotte mit den anderen Nichteingewechselten zurück zur Trainerbank.

Dort herrscht, den Sieg vor Augen, jetzt wirkliche Unruhe. Unaufhörlich wird der Schiedsrichter von allen Seiten zum Abpfeifen animiert. Ein letztes Mal drischt ein Hamburger Spieler den Ball in unsere Hälfte, und ein letztes Mal bleibt dieser Versuch - zu unserem Glück - vom Erfolg verschont. Die mitgereisten Rostocker Fans jubeln, und wahrscheinlich wird dieser Fußballsonntag zumindest für einen HSV-Fan trotz Niederlage unvergesslich bleiben - wahrscheinlich wird der Junge wochenlang nicht duschen.



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