Logbuch eines Fußballprofis Der Fußball ist eine Baustelle

Die Kolumne des Rostocker Bundesligaprofis Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Teil 4: Verpasste Chancen, Leere im Kopf und schlaflose Nächte.

28.2.2000 - Nun ist es so weit. Der geplante Umbau des Ostseestadions hat begonnen. Wir haben jetzt bei jedem Heimspiel die Möglichkeit, die Neugestaltung des Stadions, dessen Fertigstellung für August 2001 geplant ist, zu verfolgen. Wie bereits am Freitag gegen den SC Freiburg.

Gegen die "Breisgaubrasilianer" gab es in der Hinrunde eine deutliche 0:5-Niederlage. Vor dem Spiel lautete unser Motto dementsprechend: absolute Wiedergutmachung. Nur wie? Diese Frage stellen wir uns innerhalb der Mannschaft seit der anscheinend nicht mehr enden wollenden Unentschiedenserie. In den letzten zwölf Bundesligaspielen haben wir uns acht Mal die Punkte mit dem Gegner geteilt, damit muss jetzt Schluss sein - wir wollen nicht mehr teilen!

Auch Freiburg ist ein unmittelbarer Konkurrent im Abstiegskampf, daher wäre ein Erfolgserlebnis von aller größter Bedeutung, in den Medien wird von einem sogenannten "6 - Punktespiel" geredet. Vielleicht werden deshalb auch während der gesamten Trainingswoche verstärkt Zweikampfsituationen geübt. Nach dem Unentschieden in Ulm kann es darüber hinaus gut sein, dass der Trainer bezüglich der Mannschaftsaufstellung einige Veränderungen vornimmt.

Als Fußballer entwickelt man schnell ein feines Gespür für bestimmte Prozesse - mein Gefühl sagt mir für das Freiburgspiel einen Platz auf unserer beheizten Auswechselbank voraus.

Selbstverständlich versuchen Journalisten und Kamerateams in einer nicht so erfolgreichen Zeit eine "gewisse Unruhe" innerhalb des Teams auszumachen. Eine "gewisse Unruhe" ist aber bei uns momentan wirklich nicht vorhanden. Natürlich ist die Stimmung angespannter als noch zum Rückrundenauftakt, aber ich habe keinesfalls den Eindruck, dass der zunehmende Druck sich negativ auf die Mannschaft auswirkt.

In der Besprechung zwei Stunden vor Spielbeginn bestätigt sich meine Vorahnung. Der Trainer hat ein paar Umstellungen vorgenommen, von denen auch ich betroffen bin. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als das Spiel erst einmal von draußen zu verfolgen. Ich versuche die Entscheidung "professionell" hinzunehmen, was mir nicht leicht fällt, denn schon als kleiner Junge war es das Schlimmste für mich, nicht Fußballspielen zu dürfen.

Ich erlebe den Anpfiff diesmal also sitzend, in eine Decke verpackt, viel "entspannter" als sonst auf dem Feld - wobei ich die kuschelige Decke aber liebend gerne gegen einen Platz auf dem Feld getauscht hätte.

Da die Bauarbeiten in der Nordkurve begonnen wurden, fehlt uns jetzt der dort üblicherweise postierte Fanblock, der uns immer am lautesten anfeuert. Und gerade heute hätten wir diese Unterstützung sehr gut gebrauchen können, denn die Stille der Baustelle scheint vor allem unsere Mannschaft zu irritieren. Bis auf ein paar Angriffe ist die erste Halbzeit wenig spannungsvoll.

In der Pause teilt mir unser Co-Trainer Juri Schlünz mit, dass ich zur zweiten Halbzeit eingewechselt werde. Währenddessen richtet der Trainer in der Kabine einige deutliche Worte an die Elf.

Hochmotiviert gehen wir unsere Aufgabe zu Beginn der zweiten Halbzeit an. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff zahlt sich unser gesteigertes Engagement mit der 1:0-Führung durch Peter Wibran aus. Das Tor beflügelt uns, wir wollen unbedingt ein zweites erzielen. Die größte Möglichkeit dazu habe ich selber auf dem Fuß: Nach einem guten Zuspiel von Magnus Arvidsson stehe ich alleine vor dem Freiburger Tor - zu meinem Entsetzen schieße ich den Ball gut und gerne vier Meter neben das Gehäuse.

Eine völlige Leere breitet sich in meinem Kopf aus. Ich versuche zwar weiterhin mein Spiel in den Griff zu bekommen, es unterlaufen mir jedoch ein paar haarsträubende Fehler. Ich hoffe nur noch, dass irgendjemand, vielleicht ja sogar ich selbst, den Fauxpas ausbügelt und das erlösende zweite Tor schießt. Doch diesmal kommt es ganz bitter: In der 74. Minute fällt der Ausgleich durch ein Eigentor unseres Manndeckers Olaf Holetschek.

Wir drängen zwar weiter auf den Siegtreffer, aber der Ball will um keinen Preis erneut in das Freiburger Tor. Das Spiel endet 1:1, und ich fühle mich ziemlich verantwortlich. Die verpasste Torchance verfolgt mich auf Schritt und Tritt.

Ich bekomme nur noch die berechtigte Kritik des Trainers auf der Pressekonferenz mit und verlasse das Stadion anschließend, so schnell es geht. Das bewahrt mich allerdings nicht davor, dass meine verpasste Torchance mir bis in der frühen Morgen noch mindestens zwanzigmal begegnet und mir den Schlaf raubt. Am Samstagvormittag trainieren wir noch einmal. Dann haben wir das Wochenende über frei. Doch die Ereignisse vom Freitagabend drücken immer noch auf meine Stimmung.

Ich warte sehnlichst auf den Moment, in dem mich die verpasste Torchance nicht mehr verfolgt, und hoffe, dass wir gegen 1860 München am nächsten Samstag endlich einen Sieg nach Hause fahren.