"Logbuch eines Fußballprofis" Ein Schuss aus dem Hinterhalt

Die wöchentliche Kolumne des Rostocker Bundesligaspielers Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Warum das Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin wie ein schlechter Western erschien.


Cowboys vor dem Schmerz über den ausgebliebenen Torerfolg
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Cowboys vor dem Schmerz über den ausgebliebenen Torerfolg

Der Tag ist grau und nasskalt. Seit 15 Uhr schon strahlen die Flutlichter, und bei einem kurzen Blick durchs Ostsee-Stadion bin ich überrascht, wie viele Menschen an so einem trostlosen Tag Lust haben, sich ein Fußballspiel anzuschauen. Eigentlich ist so ein Wetter wie geschaffen für Partien aus dem Bundesliga-Niemandsland, das inzwischen ja schon hinter Platz neun der Tabelle beginnt.

Und wir sind, wie so oft während meiner Zeit in Rostock, auch mal wieder mit dabei. Zwei Punkte trennen uns von einem Abstiegsplatz, seit Wochen spekuliert die Presse über die Entlassung unseres Trainers Friedhelm Funkel. Und ganz ehrlich fällt es mir auch schwer, mich an unseren letzten Heimsieg zurückzuerinnern.

Um in dieser Tristesse wenigstens für ein bisschen positive Stimmung unter den Zuschauern und uns zu sorgen - allein aus diesem Grund hätte heute ruhig einmal die Sonne scheinen können. Das Spiel gegen die Hertha ist jedoch kaum angelaufen, da beginnt sich ein Schleier der Lethargie über die Zuschauerränge zu legen.

Mit ausgetrockneter Kehle um Hilfe winseln

Die Stimmung im Stadion erinnert mich an das Bild vom angeschossenen Cowboy, der, wie man es aus einem schlechten Western kennt, durch den Wüstensand robbt und mit ausgetrockneter Kehle um Hilfe winselt. Immer wenn der Cowboy meint, er könne es vielleicht doch noch schaffen, und sich mit letzter Kraft für ein paar Sekunden aufrafft, lässt der Schmerz ihn erneut zu Boden sinken und die Rettung unerreichbar fern erscheinen.

So ungefähr verhalten sich auch unsere Anhänger am Samstagnachmittag: Segelt ein Stürmer an einem Flankenball vorbei oder - schlimmer noch - vergibt eine hundertprozentige Torchance, folgt ein kurzer Aufschrei, ein vom Leid gezeichneter Blick, und der enttäuschte Fan bleibt mit seinem Schmerz über den ausgebliebenen Torerfolg allein zurück.

Die Frage im Western ist ja immer: Wie lange hält der Cowboy noch durch? Wann kommt die sanitätskundige Maid, um sich des schmerzenden Schulterdurchschusses anzunehmen? Wann endlich trifft einer meiner Mannschaftskameraden ins Tor und erlöst den Cowboy von seinen Qualen? Ich höre hoffnungsvolle laute Schreie aus der Menge - was ist geschehen? Elfmeter! Für uns! Die Rettung? Jetzt nur noch verwandeln und die restliche Zeit ohne Gegentor überstehen.

Nur noch wenige Schritte bis ans rettende Lager

Tatsächlich, der Cowboy bäumt sich auf, schafft es aufzustehen, und es sind nur noch wenige Schritte von der Wüste bis ans rettende Lager. Lächelnd und siegesgewiss beschleunigt der Cowboy seine Schritte, aber im Überschwang seiner Gefühle unterschätzt er die Schwere seiner Verletzung.

Plötzlich fällt er hart zurück in den Wüstensand. Ein gemeiner Schuss aus dem Hinterhalt hat ihm die Beine weggerissen. Da liegt er nun zusammengekauert mit schmerzverzerrtem Gesicht und will nicht glauben, dass er es nicht geschafft hat. Das Spiel ist aus!

Wir können nicht glauben, dass wir sieben Minuten vor Ende der Begegnung noch den Ausgleichstreffer kassiert haben. Zusammengekauert sitzt die Mannschaft auf dem nassen Rasen. Wir haben es wieder nicht geschafft.



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