"Logbuch eines Fußballprofis" Lasst uns schadenfroh und munter sein!

Die wöchentliche Kolumne des Rostocker Bundesligaspielers Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Wieso mir die Partie in Mönchengladbach so viel Freude gemacht hat.


Arie van Lent: Der Deutsch-Niederländer war nicht der blindeste Gladbacher im Spiel gegen Rostock
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Arie van Lent: Der Deutsch-Niederländer war nicht der blindeste Gladbacher im Spiel gegen Rostock

Ich bin kein wirklich boshafter Mensch. Ich lache nur über Torheiten anderer Leute, wenn es nicht mehr zu vermeiden ist. Und auch nur dann, wenn ich nicht der Einzige bin, der sich über das Missgeschick eines Mitmenschen amüsiert. Es gibt aber auch bei mir Ausnahmen.

Am Samstag bei unserem Gastspiel in Mönchengladbach war es wieder einmal soweit. Wie Sie ja vielleicht wissen, hat sich unser Co-Trainer Juri Schlünz bereit erklärt, unsere Mannschaft bis zur erfolgreichen Suche eines neuen Chefcoaches zu betreuen.

Diese Situation ist weder für Herrn Schlünz noch für das Team eine neue Erfahrung. Schon im vergangenen Jahr nach der Entlassung des damals verantwortlichen Trainers Andreas Zachhuber übernahm Schlünz für zwei Spiele das Kommando. Das etwas Verwunderliche und für mich fast schon Unerklärliche ist die Tatsache, dass wir wie auch schon im September 2000 unter Schlünz ein Spiel gewonnen haben, das normalerweise mit mindestens drei Toren Differenz hätte verloren gehen müssen.

Chancen im Sekundentakt vergeben

Vor 15 Monaten waren es die Spieler von Bayer 04 Leverkusen, die Torchancen gleich dutzendfach in der Partie gegen uns versiebten. Am vergangenen Wochenende übertrafen die Gladbacher das letztjährige Spiel um Längen. Besonders auffällig war es während der zweiten Halbzeit, als meine Kollegen und ich uns hinter unserem Tor warmliefen.

Mehrfach standen Gladbacher Angreifer in mehr als aussichtsreicher Position vor unserem Torwart. Aber entweder hielt Matthias Schober dank großartiger Reflexe seinen Kasten sauber oder einer meiner Mitspieler rettete auf der Torlinie. Meistens war es jedoch der Fall, dass die Gladbacher erst gar nicht unser Tor trafen.

Lauthals lachen

Eine Situation erheiterte uns besonders. Der Ball wurde von einem Profi der Borussia sehr präzise in den Strafraum befördert. Ein Gladbacher stand ungefähr drei Meter vor dem leeren Tor, und, Sie ahnen es schon, meine Damen und Herren, er hat es wirklich geschafft, diesen Ball nicht im Kasten unterzubringen. Der Unglücksrabe - ich sage nicht, wer es war, schließlich bin ich kein herzloser Fiesling - lag wie vom Blitz getroffen am Boden, und für einige hunderstel Sekunden waren auch meine Kollegen und ich wie versteinert.

Es war bestimmt eine Mischung aus Erleichterung, Verwunderung über so viel Glück beziehungsweise Pech, die uns nur Augenblicke später lauthals lachen ließ. Noch Minuten nach dieser Szene stand uns das eingefrorene Lächeln im Gesicht. Wohl auch deswegen, weil wir uns sicher waren, diese Partie auf dem Gladbacher Bökelberg unmöglich verlieren zu können.



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