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21. August 2000, 17:47 Uhr

Logbuch eines Fußballprofis

Mein königsblaues Desaster

Von

Die Kolumne des Rostocker Fußballprofis Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE: Nach 35 Minuten gegen Schalke ausgewechselt, danach blieb mir nur noch ein Müllcontainer als Deckung.

Als Asamoah (l.) für Schalke das Spielfeld betrat, hatte der SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter schon etwas länger Pause
DPA

Als Asamoah (l.) für Schalke das Spielfeld betrat, hatte der SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter schon etwas länger Pause

Ich hatte schon bessere Wochenenden. Zuerst berichtete mir meine Freundin am Freitagabend, sie habe unseren Wagen ein zweites Mal so heftig gegen den Bürgersteig gesetzt, dass erneut ein Reifen geplatzt sei. Am Samstagvormittag dann fiel unsere inzwischen fünf Monate alte Tochter aus dem gemeinsamen Bett auf den Holzfußboden und schlug mit dem Kopf auf. Zum Glück ohne nennenswerte Schäden.

Ja, und dann folgte das, wovor man sich in seiner Rolle als Fußballprofi wohl am meisten fürchtet. Man - in diesem Fall ich - wird auf Grund einer völlig desolaten Vorstellung in einem Bundesligaspiel bereits nach 35 Minuten ausgewechselt. Aber der Reihe nach.

Eigentlich ging ich gelöst und unverkrampft ins Match, und die ersten 15 Minuten liefen eigentlich auch ganz normal. Allerdings nur bis zur Schalker Führung. Von da an ging bei uns und erst recht bei mir gar nichts mehr. Ich war es denn auch, der den "Königsblauen" mit einem Fehlpass im Mittelfeld das 2:0 ermöglichte und unsere Siegchancen minimierte.

Nachdem ich noch zwei Freistöße aus aussichtsreicher Position ungefähr zehn Meter neben beziehungsweise über das Tor gedroschen hatte, nahm mich unser Trainer aus dem Spiel. Andreas Z. hatte wohl genug von mir gesehen.

Was ich in diesem Moment gefühlt und gedacht habe? Das darf doch nicht wahr sein! So etwas ist dir ja noch nie passiert! Mein Gott, lass mich schnell einschlafen! Mir ist schlecht! Und: Wie komme ich am schnellsten aus dem Stadion?

Nachdem ich eine halbe Stunde so alleine in der Kabine verbracht hatte, verzog sich das in meinem Hirn eingenistete Vakuum, und meine innere Stimme riet mir, wenigstens noch den Rest des Dramas aus einer entlegenen Nische des Stadions zu verfolgen.

Nach Spielschluss verkroch ich mich hinter einem Müllcontainer und überlegte, was ich den wartenden Journalisten wohl zu diesem Spiel zu sagen hätte. Ich hatte nicht viel zu sagen, und so zeigten sie Erbarmen und ließen mich von dannen ziehen.

Als Profi bin ich mir natürlich im Klaren darüber, wie die Medien berichten werden. Und dass ich nach so einer Leistung berechtigterweise nicht ungeschoren davonkommen werde. Aber die Schnelllebigkeit des Geschäfts macht mir Mut und Hoffnung. Auf dass ich die Schmach von Schalke schnell vergessen lassen machen kann.

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