Logbuch eines Fußballprofis Rendezvous mit "Quälix"

Die Kolumne des Rostocker Fußballprofis Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE, Teil 7: Kein "Tatort" im Waldstadion, das Wiedersehen mit dem alten Rittmeister, Erinnerungen an "Schmerzlake" und der verdiente Lohn für bedingungslosen Einsatz.


"Alles, nur keine Niederlage": SPIEGEL ONLINE-Kolumnist Christian Brand (r.) beim Kopfballduell mit Rolf Christel Guié-Mien
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"Alles, nur keine Niederlage": SPIEGEL ONLINE-Kolumnist Christian Brand (r.) beim Kopfballduell mit Rolf Christel Guié-Mien

19.3.2000 - Unser Auftrag für diese Woche lautet Eintracht Frankfurt. Als ich im vergangenen Oktober nach Rostock kam, war die Eintracht mein erster Gegner und wie man so sagt, hatte ich einen Einstand nach Maß. Mir gelang ein Tor und wir hatten das Spiel recht deutlich dominiert und verdient gewonnen. So gesehen eigentlich gar kein schlechtes Omen, wenn, ja wenn da nicht der Trainerwechsel von Jörg Berger auf Felix Magath stattgefunden hätte.

Ich hatte bei Werder Bremen das "Vergnügen", unter Herrn Magath ein halbes Jahr miterleben zu dürfen, was es heißt, den Tageswechsel in erster Linie am Zustand der totalen Erschöpfung bis hin zu dem Gedanken an die bevorstehende nicht minder erschöpfende nächste Trainingseinheit festzumachen.

Schon als ich den Frankfurter "Quälix" von weitem erspähe, ist sie wieder da, diese totale Erschöpfung. Ich sehe mich mit meinen früheren Bremer Mannschaftskollegen durch den Wald rennen, angeführt von einem, in der weichen Pferdespur scheinbar federnden, marathonerfahrenen Felix M.. Weiter schwelge ich in schmerzvoller Erinnerung an die siebzig Diagonalläufe im italienischen Wintertrainingslager und den niemals enden wollenden, mit zwei Medizinbällen bepackten, Berganläufen im niedersächsischen Herzlake. Bei "Magatherfahrenen Kickern" auch als "Schmerzlake" bekannt. Der Anpfiff des Schiedsrichters reisst mich aus meinem Tagtraum(a) und mir ist klar, dass die Frankfurter zumindest konditionell topfit sein werden.

Es ist mal wieder ein "6-Punktespiel". Verlieren wir, sind wir mit Frankfurt punktgleich. Unsere Devise lautet dementsprechend: alles, nur keine Niederlage. Andreas Zachhuber beordert mich erneut auf die von mir wenig geliebte linke Außenbahn, wo mein heutiger Gegenspieler Thomas Zampach versucht, mir das Leben möglichst schwer zu machen. Was ihm aber in der ersten Halbzeit zum Glück nicht sooft gelingt. Dafür aber einigen anderen Eintrachtlern.

In den ersten zwanzig Minuten brennt es, wie man so schön sagt, in unserem Strafraum "lichterloh" und nur der schlechten Chancenauswertung der Hessen ist es zu verdanken, dass wir nicht unaufholbar in Rückstand liegen. Trotzdem habe ich heute mehr Freude am Spiel als noch am vergangenen Sonntag gegen Dortmund, was mit der einfachen Tatsache zu erklären ist, dass mich meine Mannschaftskameraden vermehrt mit ins Spielgeschehen einbeziehen.

Während ein paar Spielsequenzen denke ich an einen alten "Tatortkrimi" aus den frühen Achtzigern, indem ein paar Szenen in einem Fußballstadion spielen. Ich kann allerdings überhaupt keinen Zusammenhang zu diesem Spiel herstellen, denn so spannend ist es dann wiederum auch nicht, was hier auf dem Platz passiert.

In der Halbzeitpause müssen wir uns ein paar deutliche Worte des Trainers anhören, was dazu führt, dass wir uns in den zweiten 45 Minuten mehr Spielanteile sichern können. Die Eintracht wirkt nun nicht mehr ganz so frisch ( wen wundert's ?). Ein Tor gelingt keiner der beiden Mannschaften, jedoch ist die Freude an dieser Punkteteilung aufgrund der heutigen Devise (s.o.) weitaus größer als bei den früheren Unentschieden.

Die Stimmung gleicht eher einem Sieg. Wir sind zwar alle mit den Kräften am Ende, aber die Gewissheit, den alten Dreipunkteabstand gewahrt zu haben, versetzt sowohl Trainer, Manager, Mannschaft als auch mitgereiste Teile des Präsidiums in leichte Euphorie. Eigentlich stand für Samstag und Sonntag Training auf dem Programm. Ob unserer kämpferischen Leistung verkündet Herr Zachhuber im Bus, dass am Sonntag trainingsfrei ist.

Apropos frei. Ich weiß zwar nicht, wie der Trainingsplan der Frankfurter aussieht, bin mir aber ziemlich sicher, dass das Wort "trainingsfrei" in der nächsten Woche nicht sooft im Vokabular des Herrn Magath vorkommen wird.



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