Logbuch eines Fußballprofis Wenn das Frischfleisch kommt

Die wöchentliche Kolumne von Fußballprofi Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Heute: die erste Begegnung mit den neuen Arbeitskollegen.


Hansas Neue vor der Schlacht am kalten Büffet: Co-Trainer Wolfgang Funkel, Delano Hill, Marco Weißhaupt, Mathias Schober, Ronald Maul und Trainer Friedhelm Funkel (v.l.n.r.)
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Hansas Neue vor der Schlacht am kalten Büffet: Co-Trainer Wolfgang Funkel, Delano Hill, Marco Weißhaupt, Mathias Schober, Ronald Maul und Trainer Friedhelm Funkel (v.l.n.r.)

Vorsichtig und zurückhaltend betreten sie die Umkleidekabine. Einer nach dem anderen kommen sie auf mich zu. Schnell schütteln sie meine Hand. Es wird deutlich, wie sehr sie hoffen, dass diese Situation bald vorüber ist. Denn ich bin nicht der Einzige, dessen Hand sie schütteln müssen. Sie sind: die Neuen.

Es ist genau dieser Ausdruck des Neu-Seins, den man auf ihren Gesichtern ablesen kann. Ehrlich gesagt, genieße ich jedes Mal den Augenblick, wenn ein "Neuer" an mich herantritt, um sich mit einem Handschlag bei mir vorzustellen. Denn sie kennen mich nicht, und das macht dieses Zeremoniell so reizvoll: Ich kann bestimmen, wie ich ihnen entgegentreten will.

Es ist ein interessantes Spiel

Mit einem Lächeln kann ich den Moment für sie halbwegs angenehm gestalten. Mit einem gefrorenen Blick hingegen kann ich eine Distanz schaffen, die klarmacht, dass nur für einen von uns die Luft hier zum Atmen reichen wird. Es ist ein interessantes Spiel, das man als neuer Spieler eigentlich nie gewinnen kann.

Ist man nämlich einfach nur freundlich und offen, so kann es passieren, dass einen die neuen Kollegen als Schleimer abstempeln. Ist man distanziert und kühl, gilt man als arrogant und wird auch nicht unbedingt nett empfangen.

Bloß keinen schlechten Eindruck hinterlassen

Das ganze Elend eines neuen Arbeitskollegen offenbart sich mir immer bei gemeinsamen Veranstaltungen, wie etwa dem Einnehmen der Mahlzeiten: Um ja nicht unpünktlich zu erscheinen und womöglich gleich am ersten Tag einen schlechten Eindruck zu hinterlassen, stehen sie schon zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit am Büffet.

Ich bin der Einzige, der sich dann zufällig mit ihnen im Raum befindet. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie sich mein neuer Mitspieler auf- und abgehend fragt, ob er vielleicht auf die anderen warten soll, bevor er sich den Teller belädt. Wendet er sich nach ergebnislosen, endlos lang scheinenden Minuten endlich hilfesuchend an mich, rate ich ihm freundlich, sich ruhig schon einmal zu bedienen.

Seine ganze Hilflosigkeit

Trifft dann irgendwann der Rest der Mannschaft ein, erntet der Neue verständnislose Blicke ob seiner ungenügenden Kinderstube. Natürlich hatte er in seiner ganzen Hilflosigkeit nicht bemerkt, dass mein Teller selbstverständlich noch unbefleckt vor mir stand.

Sie denken jetzt vielleicht, ich bin gemein und hinterhältig. Bin ich aber gar nicht. Ich gebe nur meine eigenen Erfahrungen weiter. Und außerdem gehört das zu einer guten "psychologischen Kriegsführung". Der Konkurrenzkampf findet eben nicht nur auf dem Fußballfeld statt.



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