Lok Leipzig Von der Kreisliga ins Guinness-Buch

Der VfB Leipzig war 1903 erster deutscher Fußball-Meister – und hundert Jahre später Pleite. Nach der Insolvenz hat sich der Verein neu gegründet und rollt unter seinem DDR-Namen 1. FC Lok die Kreisliga auf. Morgen will der Club das Leipziger Zentralstadion füllen. Mit 10.000 Menschen, einem Hollywoodstar – und viel Ostalgie.

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Schauspieler Möller: Zu Gast in der Kreisliga
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Schauspieler Möller: Zu Gast in der Kreisliga

Leipzig - Jetzt also auch noch Ralf Möller. "Aus dem Circus Maximus in das Leipziger Zentralstadion", jubilierte gestern die lokale Ausgabe der "Bild"-Zeitung, "vor dem Elftliga-Punktspiel des 1. FC Lok gegen Eintracht Großdeuben II wird um 13.30 Uhr Hollywood-Star Ralf Möller, 45, auf den Platz gehen!" Der muskelbepackte "Gladiator"-Darsteller zu Gast in der dritten Kreisliga - spätestens jetzt müsste auch dem letzten bewusst sein, dass es Steffen Kubald ernst meint.

Der Präsident des 1. FC Lokomotive Leipzig hat in den vergangenen Monaten eine beispiellose Marketing-Maschine angeworfen, die dem Elftligisten zu ungewohnter Aufmerksamkeit verhalf. Nach der Insolvenz des VfB Leipzig, 1903 erster Deutscher Fußballmeister, suchte Kubald per Zeitungsannonce Spieler für die erste Elf des neu gegründeten 1. FC Lokomotive Leipzig (der bereits zwischen 1966 und 1991 diesen Namen trug); zum Probetraining kamen angeblich 50 Freiwillige.

Ex-Profi Scholz (im Trikot von Werder Bremen): Magnet für die Anhänger
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Ex-Profi Scholz (im Trikot von Werder Bremen): Magnet für die Anhänger

Mit Henning Frenzel ging es weiter. Der 62-Jährige, in den Siebzigern einer der besten Torjäger der DDR, wurde von Kubald und Lok-Trainer Rainer Lisiewicz, 55, überredet, noch mal die Fußballschuhe anzuziehen. Das Comeback des Altstars wurde zum Ereignis, 3461 Zuschauer sahen im Bruno-Plache-Stadion ein 20:0 gegen Paunsdorf - und ein Tor des "Sturmtanks, der aus dem Jungbrunnen gestiegen ist" ("Mitteldeutsche Zeitung").

Mittlerweile hat Lok Leipzig fünf Spiele absolviert - und steht mit 15 Punkten sowie 59 geschossenen Toren souverän auf Platz 1. Im Schnitt sahen statt wie erwartet 300 mehr als 4500 Zuschauer die meist zweistelligen Siege gegen die Kreisliga-Konkurrenz. Und dank der unverhofften Euphorie um den Europapokalfinalisten von 1987 (0:1 gegen Ajax Amsterdam) hat das kongeniale Duo Kubald/ Lisiewicz jetzt zum finalen Schlag ausgeholt: Lok-Führer und Trainer wollen das Leipziger Zentralstadion füllen. Helfen soll dabei wieder einmal die Erinnerung an bessere Zeiten - diesmal in Gestalt von Heiko Scholz.

Scholz, 38, ist im Hauptberuf Co-Trainer von Zweitligist MSV Duisburg. Nebenbei ist er seit seiner Zeit in Leipzig eine Ikone. Der Mann mit der markanten Lockenfrisur hatte es zwar auch bei seinen Stationen in Leverkusen, Bremen oder Köln zum Publikumsliebling gebracht, doch in Probstheida ist "Scholle" Kult. Und Magnet für die Anhänger. Eine nicht ganz unwichtige Eigenschaft, denn Scholz' Einsatz im Lok-Trikot sollen am Samstag mehr als 10.000 Zuschauer ins Zentralstadion locken - und dem Verein neben dem eingeplanten Kantersieg wenn möglich auch gleich noch den Einzug ins Guinness-Buch der Rekorde bringen.

Leipziger Zentralstadion: "Circus Maximus"
DDP

Leipziger Zentralstadion: "Circus Maximus"

Um den Erfolg noch wahrscheinlicher zu machen, hat Kubald neben Scholz und Möller vorsichtshalber auch noch via "Bild" den Schlagerbarden Frank Schöbel und "viele viele weitere Überraschungen" angekündigt. Danach soll erstmal Schluss sein, sagt der umtriebige Präsident, "das ist das höchste Highlight in diesem Jahr". Denn der Verein hat andere Probleme, als in einigen Spielen Altstars auflaufen zu lassen oder neue Zuschauerrekorde aufzustellen: Der 1. FC Lokomotive Leipzig soll so schnell wie möglich wieder nach oben.

Erste Fusionsgespräche mit dem Fünftligisten Hausdorf sind zwar gescheitert, doch laut Kubald habe man noch "zwei Varianten in der Hinterhand", um innerhalb eines Jahres gleich mehrere Ligen zu überspringen. Damit wäre der Club dann sogar Kandidat für das ständige Mietrecht im Zentralstadion. "Wenn der Verein ausreichend Zuschauer mitbringt, ist er jederzeit willkommen", sagt dazu die Stadion-Betreibergesellschaft. Bisher spielt in der WM-Arena der verhasste Nachbar, Sachsen Leipzig. In der vierten Liga.



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