Lothar Matthäus Bodycheck beim ersten Training

Während Freundin Maren sich um die Inneneinrichtung des Appartements in Manhattan kümmerte, trat die Neuerwerbung aus München zu einer ersten Übungsstunde an. Der Rummel auf dem Trainingsgelände war größer als zuletzt bei den Heimspielen der MetroStars.

Von Dominique Gradenwitz


Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Matthäus mit Adolfo Valencia
DPA

Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Matthäus mit Adolfo Valencia

New York - Der Himmel meinte es nicht gut mit Lothar Matthäus. Kaum angekommen in seiner neuen Heimat, zogen gemeine Wolken auf und weinten bitterlich. Doch als Mann von Welt ließ sich die Lichtgestalt teutonischen Fußball-Handwerks nicht beirren; nach siegreichem Kampf mit dem Jetlag wandelte er erst mal an zwei freien Tagen auf den Spuren zahlreicher Landsleute: 5th Avenue, Chinatown, World Trade Center; und zur Körperertüchtigung gab’s noch einen lockeren Auslauf im Central Park, begutachtet von einer interessierten Journalistenschar.

Doch dann war Schluss mit dem Müßiggang: Am Montag erschien er pflichtbewusst und pünktlich um 9 Uhr 30 zu seinem neuen Job, zum Training auf einem Universitätssportplatz in New Jersey. Sicherlich nicht so luxuriös wie in München. Doch einen knallhart nachfragenden Reporter konnte Matthäus beruhigen: "Es gibt Warmwasser".

Vor dem Duschen standen aber erst einmal die üblichen Übungen auf dem Trainingsplan - mit Teamkollegen, die eigentlich frei gehabt hätten, jetzt aber freiwillig eine Sportler-Welcome-Party feierten: es wurde gedehnt, gelockert und in Intervallen gelaufen, Pulsmessen inklusive; schließlich gibt's auch noch ein Spielchen, dass es für die zahlreichen professionellen Zaungäste aus aller Welt eine wahre Freude ist. Lothar führt gleich als Abwehrchef Regie und wird anschließend von Trainer Zambrano standesgemäß zum Kapitän ernannt. Die vorschnelle Beförderung lehnte der 38-Jährige jedoch in ungewohnter Bescheidenheit ab: "Ich übernehme gerne Verantwortung, aber dazu brauche ich die Binde nicht. Die Aufgabe soll jemand übernehmen, der schon länger hier ist."

Objekt der Begierde: Lothar Matthäus umringt von Journalisten
DPA

Objekt der Begierde: Lothar Matthäus umringt von Journalisten

Auffallend: der Medienrummel hat sich über das Wochenende eher verstärkt. Vor allem weit mehr Amerikaner sind erschienen als auf der Begrüßungs-Pressekonferenz am Freitag. Sie zeigen sich nach dem Training dann mächtig von der Ellenbogenmentalität ihrer deutschen Kollegen beeindruckt: die stürzen sich so gekonnt auf den Mann des Tages, dass durch einen gewaltigen Menschenwall aus Fotografen, Kameraleuten, Hörfunk- und TV-Reportern für die einheimischen Kollegen vorerst kein Durchkommen mehr ist.

Die Frage des Tages: Ist das Team der MetroStars stark genug, um wirklich Meister werden zu können? Geduldige Antwort des Maestros: “Nach so einem ersten Training kann ich darüber überhaupt nichts sagen. Da müssen wir erst mal zwei, drei Spiele machen, dann erst kann ich das richtig beurteilen.”

Besonders erfreut zeigt sich Lothar über die neben Adolfo Valencia zweite Neuerwerbung eines guten Bekannten aus alten Bundesligatagen, Thomas Dooley. "Der wird mir sicherlich mit der Sprache noch mächtig helfen können". Dabei geht Matthäus diesmal keinem verbalen Zweikampf aus dem Wege und steht bei Fragen der einheimischen Reporter wacker seinen Mann - auf englisch! Und da die Sprache des Fußballs bekanntlich international ist, haben auch seine neuen Teamkameraden nach der ersten Trainingseinheit verstanden, dass der Rekordspieler aus Deutschland eine wichtige Verstärkung sein wird, und wissen nur das Beste über ihn zu berichten. "Dank Lothar können wir sicherlich um den Titel mitspielen", meint etwa der US-Nationalspieler Tab Ramos, der schon in zwei Länderspielen gegen ihn angetreten ist, und fährt fort: "Ich bin mir nicht sicher, ob er mich erkannt hat. Aber er hat zumindest ganz großartig so getan, als ob - und er hat immerhin gegen unglaublich viele Spieler gespielt, die kann man sich ja nicht alle merken."

Während der Fragerunden steht Public Relations Mann John Neves am Rande des teilweise hektischen Treibens und strahlt leise vor sich hin: so viele Journalisten. Für seine Metrostars! Und sogar Fans, die sich hier an dieses entlegene Fleckchen begeben haben und dafür mit einem Autogramm des deutschen Superstars belohnt werden. Für den sind am Wochenende über 150 E-mails eingetroffen, alles Glückwünsche und Willkommensgrüße. Das Trikot mit der Nr. 10 ist bereits das gefragteste im Fan-Shop. Und das große Festessen für Fans und Spieler am nächsten Freitag ist auch schon ausverkauft. Die Saisonpremiere am 26. März in Miami wird live im Fernsehen übertragen - MetroStars-Fußballherz, was willst du mehr? Ach ja, da wäre was: einen Sieg.

Bis dahin ist für Lothar aber noch Wohnungseinrichten mit Freundin Maren angesagt - und Bummeln durch eine Stadt, auf deren Straßen er sich endlich einmal unbeobachtet fühlen kann.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.