Manchesters Pokal-Blamage Van Gaal, die Abrissbirne

Louis van Gaal ist zu Manchester United gekommen, um ein neues Team aufzubauen. Wie nötig das ist, zeigt die desaströse 4:0-Pokalniederlage gegen einen Drittligisten. Der Startrainer bittet um Zeit und kauft ein.

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Eigentlich könnten die Dinge für Louis van Gaal nicht besser laufen. Das große Manchester United wird von einem dahergelaufenen Drittligisten namens Milton Keynes Dons 4:0 im englischen Pokal gedemütigt, in der Liga hat man in zwei Spielen gegen die Mittelmaß-Teams von Swansea und Sunderland gerade einmal einen mickrigen Punkt ergattert. United liegt am Boden.

Perfekte Bedingungen für den Umbau-Experten Louis van Gaal. Es gibt jetzt wohl niemanden mehr, der dem neuen Trainer noch im Wege steht, wenn er ankündigt, die Mannschaft komplett neu zusammenzustellen. Die Frage ist nur: Werden sie in Old Trafford die nötige Geduld haben?

Woanders sind sie ja dafür belohnt worden. In Alkmaar, wo van Gaal den Ehrendivisionär AZ innerhalb von zwei Jahren zum Meister machte. In München, wo van Gaal Altstars rauswarf, die Talente Thomas Müller und Holger Badstuber zu Stamm- und Nationalspielern machte, Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld sesshaft werden ließ - und wo er letztlich nur an sich selbst und seinem überzogenen Selbstbild scheiterte. Noch heute schwärmen sie an der Säbener Straße von dem Fachmann van Gaal - wenn nur der Mensch nicht gewesen wäre.

So tief gesunken war der FC Bayern nie

Die Aufgabe in Manchester, die sich der 63-Jährige vorgenommen hat, ist zweifellos eine noch größere als in München. So tief gesunken wie United derzeit war der FC Bayern auch in seinen schwersten Tagen unter Coach Jürgen Klinsmann nicht. Der englische Über-Verein, der größte der Welt nach Real Madrid, bekommt vier Treffer von einem zwei Klassen tiefer spielenden Verein. Milton Keynes ist eine englische Retortenstadt, die bisher nur in Anspruch nehmen konnte, das längste Einkaufszentrum der Welt zu besitzen. Jetzt haben die Amateurkicker ihren Platz in der englischen Fußballgeschichte sicher. Und für den letzten United-Fan ist jetzt klar: So kann es nicht weitergehen.

Das Team wirkt nach der Ära Alex Ferguson und dem unglücklichen Zwischenspiel unter Coach David Moyes wie ausgesaugt, seiner Kraft, seiner Kreativität, seines Selbstbewusstseins beraubt, unausgegoren in der Kaderzusammenstellung. Die alten Recken, die jahrelang unter Ferguson den Laden zusammenhielten, sind nicht mehr da: Ryan Giggs, Rio Ferdinand, Paul Scholes, Nemanja Vidic, Patrice Evra. Alle haben ihre Karriere beendet oder den Verein verlassen.

Wahrscheinlich war schon Moyes ein Opfer dieses mentalen Aderlasses durch den Abschied des ununterbrochen arbeitenden Kraftwerks Alex Ferguson. Ferguson hat dieses Team geformt, er war das Team über so viele Jahre. Seit er weg ist, wirkt die Mannschaft von Manchester United wie eine Hülle.

Umbau kann "ein ganzes Jahr dauern"

"Für die Fans mag es nach so einem Saisonstart schwer sein, an meine Philosophie zu glauben", sagte van Gaal nach dem Pokal-Desaster vom Dienstag, aber es bleibt ihnen derzeit nichts anderes übrig. Van Gaal macht jedenfalls klar, was sein Job ist: "Ich bin hier, um ein neues Team zu bauen, und das baut man nicht innerhalb eines Monats." Es könne vielmehr "ein ganzes Jahr dauern".

Durch seine Verpflichtungen als niederländischer Bondscoach bei der Weltmeisterschaft in Brasilien ist van Gaal erst spät in die Saisonvorbereitung eingestiegen. Wo die Konkurrenz ihre Kaderplanung schon weitgehend abgeschlossen hat, herrscht bei United in den Schlusstagen der Transferperiode jetzt hektischste Betriebsamkeit. Der 75-Millionen-Euro-Deal, Argentiniens Star Angel di Maria aus Madrid wegzulotsen, wird daher auch noch nicht der letzte Einkauf van Gaals gewesen sein.

Als seine Verpflichtung als United-Trainer im Mai bekannt wurde, war schnell von einer imaginären "Shopping List" die Rede, auf der von Toni Kroos über Arjen Robben und Thomas Müller ungefähr jeder zweite Bayern-Spieler auftauchte. Danach herrschte lange, vielleicht zu lange Ruhe bei den Transferbemühungen des Clubs. Was sich nun rächt.

Es sind mittlerweile andere Namen, die mit United in Verbindung gebracht werden: Der Chilene Arturo Vidal, bei Juventus Turin unter Vertrag, soll in den nächsten Tagen unterschreiben, van Gaals Landsleute Nigel de Jong (AC Mailand) und Daley Blind von Ajax Amsterdam sollen ebenfalls dem Ruf ihres ehemaligen Nationaltrainers folgen. Kaum vorstellbar, dass van Gaal nicht schon während der WM anbahnende Gespräche mit den beiden geführt hat. Umso erstaunlicher, dass die Transfers immer noch in der Schwebe hängen.

Di Maria, Vidal, Blind, de Jong, Rooney, van Persie, dazu die englischen Nationalspieler Danny Welbeck, Chris Smalling und Luke Shaw sowie der neu verpflichtete Argentinier Marcos Rojo - man muss eigentlich kein van Gaal sein, um aus einem solchen Personal im Lauf eines Jahres ein Spitzenteam zu formen. Aber es schadet sicher nicht.

insgesamt 22 Beiträge
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FrancoP 27.08.2014
1. Gut Ding braucht Weile
Bei der Weltmeisterschaft hat van Gaal aus der Not eine Tugend gemacht und mit dem 3-5-2 auf das vorhandene Spielermaterial reagiert. Bei United muss er nun alles umkrempeln und Spieler besorgen, die sein System verstehen und spielen können. Klar, das wird Zeit brauchen und noch länger dauern, wenn man sich das ganze ansieht. Ob er die bekommt, ist allerdings eine andere Frage. Zum gestrigen Spiel muss man sagen, dass lediglich Tormann De Gea im Normalfall gesetzt ist, und Spieler wie Welbeck, Anderson und Hernandez spielten, die keine Zukunft im Verein haben.
donzdorfer 27.08.2014
2. dondzorfer
aha kaufen was anderes fällt im nicht ein , toll der van gaal ,
charliebrown67 27.08.2014
3. Van Gaal oder Magath . . .
. . . ? Ich sehe da Parallelen. Auch Magath ist ein erwiesener Fussballexperte, wird jedoch auch als menschlich schwierig bezeichnet. Vielleicht haben doch beide Trainer mittlerweile den Draht zur aktuellen Spielergeneration verloren? Ist Van Gaals demonstratives Selbstvertrauen am Ende doch nur das Pfeifen im dunklen Wald? Der letzte Satz des Autors sagt es eigentlich aus, wer sich so hochkarätige Spieler zusammen kaufen kann, kann am Ende nicht mehr viel verkehrt machen!
Champagnerschorle 27.08.2014
4. toller Kerl
Zitat von FrancoPBei der Weltmeisterschaft hat van Gaal aus der Not eine Tugend gemacht und mit dem 3-5-2 auf das vorhandene Spielermaterial reagiert. Bei United muss er nun alles umkrempeln und Spieler besorgen, die sein System verstehen und spielen können. Klar, das wird Zeit brauchen und noch länger dauern, wenn man sich das ganze ansieht. Ob er die bekommt, ist allerdings eine andere Frage. Zum gestrigen Spiel muss man sagen, dass lediglich Tormann De Gea im Normalfall gesetzt ist, und Spieler wie Welbeck, Anderson und Hernandez spielten, die keine Zukunft im Verein haben.
Hat die Niederlande zur Weltmeisterschaft und die Bayern zum Tripple geführt.
phillallin 27.08.2014
5. Kuckt euch die Aufstellung an!
Man brauch über das Spiel überhaupt nicht reden! Eine zusammengeschusterte Manchester Mannschaft aus U21 Spielern und Ausgemusterten und nur einem Stammspieler (De Gea) gegen eine hochmotivierte 3. Liga Mannschaft die schon llänger so zusammen spielt. Wer da irgendwelche Schlüsse zieht, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.
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