Bayern-Rekordeinkauf Hernández Der Herzensmann

Trotz seines Abgangs will er Atlético Madrid auf ewig verbunden bleiben, beteuert Lucas Hernández - diesen Liebesschwur nimmt ihm in Spanien nicht jeder ab. Welche Rolle spielt er künftig bei den Bayern?
Lucas Hernández in Aktion

Lucas Hernández in Aktion

Foto: Gabriel Bouys AFP

Ein gutes Vorzeichen gibt es schon mal. Bei Atlético Madrid war Lucas Hernández als passionierter Tischtennisspieler bekannt. "Stundenlang, das stärkt meine Reflexe", wie er selbst einmal sagte. Bei Bayern München soll er nun in die Fußstapfen eines Spielers treten, der seinerseits als Liebhaber des Pingpongs galt. Wenn der Rekordmeister seinen bisherigen Transferrekord für einen - zumal derzeit verletzten - Abwehrspieler deutlich überbietet, dann darf man den Namen Philipp Lahm durchaus im selben Satz erwähnen. Dann soll dieser 23-jährige Hispano-Franzose in der neuen Bayern-Generation wohl mittelfristig die Rolle spielen, die Kapitän Lahm in der alten innehatte.

Im engeren Sinne lassen sich die Parallelen auf die Position des Linksverteidigers ausdehnen, hören dann aber auch auf. Obwohl er auf der Außenbahn mit Frankreich die Weltmeisterschaft gewann, ist Lucas an sich Innenverteidiger. Einer freilich, der auch auf links einsetzbar ist, womit zwei Schlüsseltugenden schon angerissen wären: Vielseitigkeit und Spielverständnis. Hinzu kommen exzellente physische Grundeigenschaften, eine perfekte Technik und ein ausgeprägter Kampfgeist. Sowie die Art von Selbstverständlichkeit, die man nicht lernen kann. Lucas Hernández ist einer dieser Spieler, die schon beim ersten großen Einsatz wie ein Veteran daherkamen.

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Es war Januar 2015, ein bitterkalter Abend in Atléticos altem Stadion Vicente Calderón, Stadtrivale Real gastierte zum Pokal-Achtelfinale. Während alles im Zeichen der ersten Partie der wenige Tage zuvor zurückgekehrten Klubikone Fernando Torres stand, überraschte Trainer Diego Simeone mit der Aufstellung des damals 18-jährigen Eigengewächses, der erst zwei Ligaminuten in seinem Curriculum hatte. Wie souverän er bei Atléticos 2:0-Sieg seine Flanke gegen James Rodríguez und den später eingewechselten Cristiano Ronaldo verteidigte, ließ eine große Zukunft erahnen - mit der es dann allerdings noch dauern sollte.

Erst seit einem Jahr Stammspieler

Lucas verschwand erst mal wieder in der Jugend oder in der zweiten Mannschaft und wurde ab der folgenden Saison als vierter Innenverteidiger aufgebaut. Der breiten Öffentlichkeit machte er sich vor allem durch einen tätlichen Streit mit seiner Freundin bekannt, der beiden eine Festnahme und eine Verurteilung zu je 31 Tagen gemeinnütziger Arbeit eintrug.

Erst in der Saison 2017/18 avancierte er bei Atlético zum Stammspieler. Dass er im selben Jahr noch eine WM in der Startelf bestreiten und sogar gewinnen würde - er selbst hätte es bestimmt nicht gedacht. Jedenfalls nicht, dass es mit Frankreich passieren würde. Der in Marseille geborene, in Madrid aufgewachsene Sohn des Fußballprofis Jean-François Hernández und ältere Bruder des derzeit von Real Madrid an Real Sociedad ausgeliehenen Theo Hernández, hatte sich nach einer Jugendkarriere in den französischen Auswahlen eigentlich für Spanien entschieden. "Ich fühle mich spanisch, wenn sie mich nominieren, komme ich", sagte er Anfang März 2018.

Kylian Mbappé und Lucas Hernández im Glück (Weltmeister)

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Dann recherchierte Spaniens damaliger Sportdirektor Fernando Hierro bei der Fifa und erfuhr, dass sich der Fall in einer Grauzone bewegte, weil Lucas bereits eine U19-EM mit Frankreich gespielt hatte und eine gesicherte Ausnahmelizenz für spätere Wechsel nur bestehe, wenn der Spieler schon zu diesem Zeitpunkt die doppelte Staatsbürgerschaft besaß. Lucas aber hatte nur den französischen Pass, der spanische war in Bearbeitung. Damit war die Entscheidung abgenommen. "Stolz, für mein Land zu spielen", verkündete er zwei Wochen später, als ihn Didier Deschamps erstmals zu den "Bleus" berief.

Manche nennen ihn opportunistisch

Kaltschnäuzig wie auf dem Platz, opportunistisch gar? Diese Frage stellten sie sich in den letzten Monaten auch bei Atlético, wo sie aus allen Wolken fielen, als sie vor Weihnachten vom geplanten Transfer zu den Bayern erfuhren. Es gab wenige Spieler, die sich so oft auf das Vereinswappen auf der Brust geklopft hatten wie Lucas Hernández. Nun wäre er sogar schon im Winter zu einem Wechsel bereit gewesen, inmitten Atléticos potenziell historischer Saison mit dem Champions-League-Finale im eigenen Stadion. Wenigstens davon konnten sie ihn noch abhalten, wobei laut Medienberichten auch Steuerfragen den Ausschlag gegeben haben sollen - die Bayern hätten im Januar angeblich 96 statt 80 Millionen Euro überweisen müssen.

Wie vor zwei Jahren der ebenfalls im Klub ausgebildete Theo, der nach einer Leihstation bei Alavés zum Lokalrivalen Real wechselte, geht Lucas jetzt dennoch durch die Hintertür. Wegen seiner Knieverletzung wird er nicht mehr für den Verein spielen. "Es ist mir sehr schwergefallen, Nein zu Atlético zu sagen", wird er in einem Kommuniqué seines Noch-Klubs zitiert, den er nach "zwölf unglaublichen und unvergesslichen Jahren" fortan "immer im Herzen" tragen will. In Madrid sind sie von dem Liebesschwur mäßig beeindruckt. "Ciao Lucas", kommentiert die Zeitung "El Mundo": "Vergiss nicht zu zahlen, bevor du gehst. Und zieh dich warm an, in München ist es kalt."

Von viel Geld ist in den Medien die Rede, einem Agenten, der schon damals hinter dem versuchten Verbandswechsel gestanden haben soll und nun proaktiv bei Europas Großklubs hausieren gegangen sei, um seinen Schützling dem Interessenten mit dem besten Gehaltsangebot zu verkaufen. Hinter der Urheberschaft solcher Geschichten mag auch Frustration im Verein stecken, aber eines ist natürlich schon wahr: Lucas Hernández kann beim FC Bayern vielleicht so bedeutsam werden wie Philipp Lahm. Aber anders als dieser wird er das nie in seinem Jugendklub geschafft haben.