Favres Rücktritt in Gladbach Er geht so, wie er ist

Lucien Favre hat mit seinem Rücktritt Borussia Mönchengladbach schockiert - dennoch ist seine Entscheidung nachvollziehbar. Mit Fahnenflucht hat das nichts zu tun: Der Trainer hat einfach nicht mehr an sich geglaubt.
Gladbach-Trainer Favre: Er glaubte nicht mehr an sich

Gladbach-Trainer Favre: Er glaubte nicht mehr an sich

Foto: AP/dpa

Dieser Abgang ist ein typischer Favre. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach war immer im Letzten undurchschaubar, ein gerade in der öffentlichen Darstellung sperriger, erratischer Mensch. Was wirklich in ihm vorgeht, hat der Schweizer selten offenbart, da blieb er eine Art persönliche Black Box. Dass er seinen Abschied jetzt für viele überstürzt und offenbar gar gegen den Willen des Vereins verkündet hat, passt zu ihm. Um ein Lieblingswort des Trainers zu zitieren: Er war immer eine polyvalente Persönlichkeit.

Lucien Favre ist der dienstälteste Trainer der Bundesliga, er hat die Borussia in die Champions League geführt, er hat Marco Reus, Marc-André ter Stegen, Christoph Kramer, Patrick Herrmann zu Nationalspielern, zu Stars der Branche gemacht. Er hat 2011, als er kam, dafür gesorgt, dass die Borussia, damals auch Tabellenletzte, überhaupt noch in der Bundesliga geblieben ist. Ihm jetzt Fahnenflucht vorzuwerfen, ist angesichts all dieser Verdienste reichlich kleingeistig.

Dass der Verein alles versucht hat, Favre zu halten, und seinen Rücktritt ablehnte, ist verständlich. Manager Max Eberl hat den Trainer als "unrauswerfbar" bezeichnet, und man darf tatsächlich davon ausgehen, dass der Klub auch weitere Niederlagen mit Favre in Kauf genommen hätte - im Vertrauen darauf, dass es der Trainer irgendwann schon noch richten würde. Wie er es bisher in den fast fünf Jahren bei der Borussia immer gerichtet hat.

Kein klassischer Krisenmanager

Wer Lucien Favre allerdings im Anschluss an die Champions-League-Pleite in Sevilla erlebte, sah einen Trainer, der selbst nichts von diesem Vertrauen mehr ausstrahlte. Die Verzagtheit in Person, jemand, der nicht mehr an sich und seine Arbeit glaubt. Und wer es selbst nicht mehr fühlt, der kann es auch nicht mehr vermitteln.

Favre ist kein klassischer Krisenmanager. Es ist eben anders als 2011. Da kam er und sorgte allein dadurch für Aufbruchstimmung, dass er so vieles anders machte als seine erfolglosen Vorgänger. Diesen Trumpf konnte er jetzt nicht mehr ausspielen. Er hat seine Konsequenzen gezogen.

Den Verein hat er damit allerdings kalt erwischt. Es gibt höchstwahrscheinlich keinen Plan B, Vorstand und Mannschaft dürften sich im Schockzustand befinden. Das Team steht in der Bundesliga auf dem letzten Platz, am Mittwoch muss man bereits gegen den FC Augsburg wieder spielen, dann geht es zum Tabellennachbarn VfB Stuttgart, dann wartet Manchester City in der Champions League. Und der Schatten von Lucien Favre ist riesig. Das gilt für jeden, der sich als Nachfolger versuchen wird. Da müsste schon jemand von der Kategorie Jürgen Klopps kommen, um diesen Schatten zu vertreiben.

Lucien Favre ist unbestritten einer der ganz großen Trainer in der Vereinsgeschichte. Fast auf einer Ebene mit dem legendären Hennes Weisweiler, der damals übrigens auch den Verein eher überraschend verließ. Favre hat den Verein nach Jahrzehnten der sportlichen Dürre wiederbelebt. Das wird bleiben.

Sportdirektor Eberl hat in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, das er bei Transfers ein außergewöhnliches Geschick an den Tag legen kann. Jetzt allerdings muss er seinen Königstransfer abliefern.

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