Lyon-Keeper Coupet Biederkeit als Tarnung

Grégory Coupet hat ein Problem. Immer wird er mit seinem exzentrischen Rivalen Fabien Barthez verglichen. Dabei will sich der Torwart von Lyon, heute in der Champions League Gast des PSV Eindhoven, nur auf den Sport konzentrieren - und bei der WM Frankreichs Tor hüten.


Der Termin steht. Auch wenn man seinen deutschen Ohren nicht so recht trauen mag. 22 Uhr, am Vorabend des Heimspiels gegen Marseille, 23 Stunden vor dem Aufeinandertreffen mit Fabien Barthez, dem großen Rivalen um den Stammplatz in der Nationalmannschaft? Frédéric Bresseilh, Pressesprecher von Olympique Lyon, ist amüsiert: "Sie werden sehen, niemand ist zuverlässiger als Greg." Neben seiner Verlässlichkeit ist Grégory Coupet, der Torhüter des französischen Meisters, auch eine branchenuntypische Bescheidenheit zu Eigen. Die Auszeichnung als Europas bester Keeper freue ihn. Allerdings, so schiebt er nach kurzem Zögern nach, sei für ihn Gianluigi Buffon von Juventus Turin der Meister aller Ligen. Er sei jedenfalls kein Naturtalent.

Auswahltorwart Coupet (mit den Teamkollegen Zidane und Gallas): Traumziel Weltmeisterschaft
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Auswahltorwart Coupet (mit den Teamkollegen Zidane und Gallas): Traumziel Weltmeisterschaft


Sein Torwarttrainer, der Alt-Internationale Joël Bats, erzählt, er habe ihn in all den Jahren immer wieder bremsen müssen. Kann Coupet etwa auch aufbrausend sein, vom Ehrgeiz zerfressen? Oh ja, sagt er, und wirkt dabei wie jemand, der einen Einbruch gesteht, er lege zuweilen ein "exzessives Verhalten gegenüber den Mitspielern" an den Tag, "aber nur auf dem Platz". Schnell wechselt Coupet das Thema. Manchmal liegt eine gehörige Portion Spott in seiner Stimme. So auch, als er auf den Zweikampf im deutschen Tor angesprochen wird, "eine Situation, die mir völlig fremd ist".

Seine Prognose - "wegen seiner Routine wird Kahn spielen" - kann man getrost als riskant für ihn selbst bezeichnen, denn das derzeit einzige Argument, das gegen Coupet - bislang 18 Länderspiele - und für Barthez - schon 76 - spricht, ist die Routine des Letzteren. Ein berechnender Karrierist würde sich auch nicht mit Nicolas Sarkozy anlegen, der als künftiger Staatspräsident gehandelt wird, wie ein Kräuterweiblein aussieht und sich wie die Axt im Walde aufführt. Dass der als Innenminister die Vorstädte "mit dem Hochdruckreiniger säubern" will, hält Coupet jedenfalls für demagogisch: "Soziale Gegensätze lassen sich eben nicht mit einem Produkt von Kärcher entfernen."

Lange Jahre galt der 33-Jährige in Frankreich als farblos. Auch weil die Farben der angestammten Nummer eins, Fabien Barthez, so grell schillerten. Aber darf man jemandem vorwerfen, dass er nie Skandalgeschichten lieferte? Dass er seit 1996 beim gleichen Verein spielt, unweit seines Geburtsortes Le Puyen Velay? Coupet wundert sich, dass ihm solche Dinge angekreidet werden. Es gebe nun mal unattraktivere Arbeitsplätze: "Zwei Stunden nach Paris, zwei ans Meer, was wollen Sie mehr?" Zumal hier, im Schatten der Alpen, hinter mancher Jugendstilfassade der Ruf der Großstadt als kulinarisches Mekka begründet wird.

Als ob er ahnte, dass er mit dem Verweis auf Krebspastete und Kalbsleber den Geruch der Biederkeit nicht los wird, fügt Coupet hinzu: "Verstehen Sie mich nicht falsch, das Ausland hätte mich schon gereizt, aber wenn man regelmäßig in der Champions League spielt, muss die Offerte schon sehr attraktiv sein." Viermal in Folge wurde Coupet mit Lyon französischer Meister, in der Champions League gilt der Verein längst als Mitfavorit - auch dank eines überragenden Coupet, der im Winter vom "Kicker" und der französischen Sportzeitung "L'Equipe" zum besten Torwart Europas gewählt wurde.

Mit 1,81 Metern ist Coupet für einen Keeper recht klein, was er aber durch enorme Sprungkraft und Reflexe wettmacht. Fußballerisch ist er - wie Kollege Barthez - über jeden Zweifel erhaben. Und während andere Keeper den Fünfmeterraum nur verlassen, wenn sie sichere Beute wittern, weitet Coupet die Kampfzone erfolgreich auf den kompletten Strafraum aus. Nach der Sperre von Barthez konnte er seine Fähigkeiten auch in der Nationalmannschaft präsentieren. Seither hat der Stammtorhüter, der seit 1998 in Frankreich ein Volksheld war, immer weniger Fürsprecher.

Am 1. März, dem Tag des Freundschaftsspiels gegen die Slowakei, fällt die Entscheidung, wer bei der WM im Tor steht. Mag Coupet noch so sehr betonen, dass er ein "gutes Verhältnis" zum Kollegen habe - ohne ihn hätte er ein Imageproblem weniger. Die beiden Ausnahmetorhüter könnten von einem Filmregisseur nicht passender als Gegenspieler ausgesucht worden sein. Hier der kantige Glatzkopf, der jüngst eine achtmonatige Sperre verbüßte, weil er einem Schiedsrichter ins Gesicht gespuckt hatte und der auf die Frage, was er daraus gelernt habe, in rotzigstem Südfranzösisch "nichts" hervorpresste. Dort Coupet, der einem am Schluss des Interviews noch alles Gute wünscht.

Hier der Liebhaber schneller Autos, der mit dem kanadischen Model Linda Evangelista liiert war. Dort der Audi-Fahrer Coupet, über dessen Privatleben man nur weiß, dass die Kinder Ilan und Yona heißen. Hier der Mann, der auch schon in Manchester und Monaco spielte. Dort Coupet, dessen Verein der permanente Erfolg so langweilig wirken lässt, dass Lyons Trainer Gérard Houllier nach der bislang einzigen Saisonniederlage dankbar seufzte: "Die Pleite gegen Lille hat unsere Mannschaft menschlicher gemacht."

Dass Lyon heute auch gegen Verfolger Marseille gewinnt, scheint unter Frankreichs Journalisten außer Frage zu stehen. Über den Zweikampf zwischen den Pfosten schreiben die Gazetten hingegen seit Tagen, als müsse der Feldspieler beim Fußball erst noch erfunden werden. Auf den Rängen werden Transparente entrollt, die Coupet huldigen, pausenlos skandieren sie seinen Namen. Ohrenbetäubend der Lärm, als das Nahen der beiden Protagonisten angekündigt wird. Umso überraschender der Anblick, der sich Sekunden später bietet: Barthez und Coupet scheren sich keinen Deut um die vieltausendfach zelebrierten Aufgeregtheiten. Arm im Arm gehen sie plaudernd zum Mittelkreis. Am Ende gewinnt Lyon 2:1. Und Coupet lächelt.

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