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04. April 2011, 00:17 Uhr

Magath vs. Daum

Psycho-Trickser unter sich

Von Peter Unfried, Wolfsburg

Die besten Szenen gab es abseits des Platzes: Nach dem Remis zwischen Wolfsburg und Frankfurt lieferten sich die Trainer Felix Magath und Christoph Daum ein köstliches Psycho-Duell. Sie überboten sich in ihrer Zuversicht, den Klassenerhalt zu schaffen. Für den VfL wird das wohl ungleich schwieriger.

Es war angekündigt als der Kampf der Giganten. Zu Recht. Christoph Daum, 57, war neben Ottmar Hitzfeld immerhin bis Anfang des Jahrtausends einer der Erfolgstrainer in der Liga. Felix Magath, 57, war der Größte am Ende der vergangenen Dekade. Aber dann hat sich die Bundesliga bekanntlich binnen eines Jahres ziemlich dynamisiert. Jetzt kämpfen die Giganten plötzlich am Tabellenende gegen den Abstieg.

Magaths bislang letztes Heimspiel als Trainer, Manager und Geschäftsführer des VfL Wolfsburg hatte am 23. Mai 2009 noch den Gewinn einer historischen deutschen Meisterschaft gebracht. Bei der ersten Partie in der Wolfsburger Arena als Wieder-VfL-Coach nach einer knapp zweijährigen Auszeit bei Schalke sprang ein 1:1-Unentschieden gegen die erstmals von Daum trainierte Frankfurter Eintracht heraus - und das auch am Ende nur mit Mühe und Not. Mario Mandzukic (85. Minute) egalisierte spät die Eintracht-Führung durch Alexander Meier (59.).

Magath hat damit aus zwei Spielen zwei Remis geholt. Zu wenig in der Tabelle und sehr wenig für die jeweiligen Spielverläufe. In Stuttgart gab man eine Führung in letzter Sekunde aus der Hand. Gegen Frankfurt verpasste man einen deutlichen Sieg und damit auch, die Eintracht richtig schön nach unten zu ziehen.

Wolfsburg mit spielerischer Aufwärtstendenz

27:6 Schüsse, 14:1 Ecken: Die Chancen für einen Wolfsburger Sieg waren da. Man habe "sehr gut nach vorne agiert", sagte Magath. "Die Ausnutzung der Chancen war schlecht, aber wenn man hinten steht, fehlt die Sicherheit im Abschluss."

Wolfsburg praktizierte tatsächlich überraschend eine streckenweise ansprechende Form von Kurzpassfußball. Die Eintracht versuchte mit zwei tiefstehenden Ketten, "die Dinge kompakt zu halten", wie Vorstandschef Heribert Bruchhagen das bezeichnete. So richtig kompakt war es nicht, allein VfL-Stürmer Patrick Helmes hatte diverse Chancen. Er traf aber nicht. Und so ergibt sich nun die interessante Situation, dass Frankfurt mathematisch und psychologisch wie ein aufstrebendes Team aussieht, die Wölfe dagegen wie ein potentieller Absteiger. Obwohl Wolfsburg spielerisch klare Aufwärtstendenz hat, Frankfurt dagegen allenfalls kämpferisch glänzte.

Psycho-Duell der Trainer bei der Pressekonferenz

Daum und Magath lieferten sich auf der anschließenden Pressekonferenz ein wunderbares Psycho-Duell. Daum bemühte die verfügbaren Superlative, musste seinem Team ein "Riesenkompliment machen", fand es "unglaublich", wie sich seine Spieler "gegenseitig geholfen hätten" und was man halt so sagt, wenn man als Meister-Populärpsychologe gilt. Offenbar hatte er gegenüber seinen Spielern die Legende aufgebaut, dass man in der öffentlichen Wahrnehmung "nur als Punktelieferant" angereist sei, gegen diesen übermächtigen Gegner, der dann auch noch "eine Granate nach der anderen" einwechselte - wie Alexander Madlung. Kurzum: Daum ist bereits jetzt hart an der Grenze zur Daum-Parodie.

Magath zuckte indes kein einziges Mal, was selbst für ihn nicht einfach gewesen sein kann. Aber als Daum mehrfach betonte, wie "zufrieden" er sei, da sagte Magath, dass er "auch zufrieden sei". Als Daum begeistert ausrief: "Wir haben gezeigt, dass wir leben", da brummte Magath, das Spiel habe gezeigt, "dass unsere Mannschaft auch lebt". Und als Daum sagte, es sei trotz späten Gegentors "ein gewonnener Punkt", da insistierte Magath, dass es sich auch für ihn um einen "Punktgewinn" handele, weil man damit "das erste Ziel erreicht" habe: Wolfsburg ist von Abstiegsplatz 17 auf Relegationsplatz 16 gehüpft.

Eigentlich ist es eine Bundesliga-Saison, die junge Konzepttrainer feiert und bestätigt. Aber vielleicht schlägt deshalb die Sehnsucht nach dem Irrationalen, dem Magischen zurück. Vielleicht wollen die Club-Chefs deshalb ihre Fantasie von Trainern anregen lassen, die für Psychotricks bekannt sind oder ihre Spieler einen Hügel rauf- und runterrennen lassen.

Eine seriöse Prognose ist jedenfalls nicht abzugeben, ob Daum und Magath am Ende der Saison mit Magie gewirkt haben werden. Frankfurt hat zwar erst den sechsten Punkt in der Rückrunde geholt, aber immerhin schon 32 insgesamt. Wolfsburgs Spieler erscheinen deutlich verbessert. Aber wenn man sechs Spieltage vor Schluss mit nur 28 Punkten so tief im Tabellenkeller steht, muss man solche Heimspiele gewinnen. Immerhin ist Magath nun schon zwei Spiele ohne Sieg. Es seien zwei Spiele ohne Niederlage, sagt er. Und dass es "unten anders sei als oben", aber für ihn kein Problem, er kenne auch das.

Und Christoph Daum und sein Innenleben? Er suchte nach einem angemessen-gestelzten Satz. Ja, sagte er, in der Bundesliga am Spielfeldrand, das sei "ein Fluidum, was man nur bedingt mit Worten beschreiben kann". Immerhin, so diagnostizierte Daum: "Alle inneren Organe funktionieren normal." Seiner Wahrnehmung nach.

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