Magischer Treffer Van Bastens legendäre Bogenlampe

Aus diesem spitzen Winkel war es eigentlich unmöglich, ein Tor zu erzielen. Marco van Basten schaffte es dennoch. Am 25. Juni 1988 schlug der Oranje-Stürmer im EM-Finale von München zu, der sowjetische Keeper Rinat Dassajew hatte das Nachsehen. Von van Bastens Auftritt schwärmen Fußballfans noch heute.

Von Christoph Becker


Goalgetter van Basten: "Ich flankte so, dass der Ball kurz vor Marco landen würde"
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Goalgetter van Basten: "Ich flankte so, dass der Ball kurz vor Marco landen würde"

Nichts deutet im EM-Finale 1988 zwischen Holland und der Sowjetunion darauf hin, dass ein spektakuläres Tor unmittelbar bevorsteht, als Alexander Sawarow im Mittelfeld den Ball verliert, Arie van Tiggelen ihn nach vorn treibt, Arnold Mühren übernimmt und von links flankt. Diese Flanke ist noch Ausdruck des ehernen Gesetzes der zweitbesten Lösung. Besser wäre der harte, präzise Flachpass ins Sturmzentrum, doch die vielbeinige sowjetische Abwehr lässt dem 37-jährigen Mittelfeld-Routinier von Ajax Amsterdam keine andere Wahl.

Statt des direkten Wegs zum Tor segelt das Leder weich getreten von links nach rechts über das Strafraumrechteck. Dort sieht Mühren Marco van Basten. "Bevor ich den Ball erreichte, sah ich, wie er sich in der Nähe des Strafraums frei lief. Hätte ich den Ball erst angenommen und kontrolliert, wäre eine neue Situation entstanden. Ich flankte direkt und so, dass der Ball kurz vor Marco landen würde. Ich dachte, er würde ihn dann annehmen und in den Strafraum eindringen", sagte Mühren später.

Es ist wirklich kein guter Winkel, um aufs Tor zu schießen, auf der rechten Seite des Strafraums, schon viel zu weit in Richtung Torauslinie gedrängt. Doch Marco van Basten schießt aufs Tor, und als sich in dieser 54. Minute im Münchner Olympiastadion der Ball hinter Torwart Rinat Dassajew ins Tor senkt, haben sich alle Hoffnungen der Holländer erfüllt.

Johan Cruyff sagte einmal, dass es keine größere Auszeichnung gebe als das Lob für den eigenen Stil. 14 Jahre zuvor schienen die Hoffnungen von Cruyff und ganz Holland zerstört, als sich im WM-Finale 1974 die biederen Deutschen gegen die eleganten Niederländer mit 2:1 durchsetzten. Die Niederländer, die als bestes Team der Welt galten und, angetrieben von Kapitän Cruyff, den "totalen Fußball" in Vollendung zelebrierten. Gewonnen haben sie aber weder 1974 noch 1978, als sie den Argentiniern unterlagen.

Diesmal ist alles ganz anders. Als Marco van Basten unweit der Torauslinie in der Nähe des Strafraums frei steht, ist er bereits der Superstar dieses Turniers. Seitdem er unter den Fittichen des großen Johan Cruyff bei Ajax groß geworden war und 1986 den Goldenen Schuh als Europas erfolgreichster Torschütze gewonnen hatte, war er weit über die Niederlande hinaus bekannt geworden. Längst hatten die Bosse der Serie A die Geldschatullen weit geöffnet, um der Welt größtes Stürmertalent ins Lireparadies zu locken. Die Legende will gar, dass Silvio Berlusconi nur dreißig Sekunden eines Videomitschnitts genügten, um Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, den Wunderknaben zusammen mit Ruud Gullit zu seinem AC Mailand zu locken.

Dann beginnt im Jahr vor der EM 1988 in Deutschland jene Verletzungsserie, die einmal das sportliche Schicksal Marco van Bastens besiegeln sollte. Durch die Verletzung vermeintlich außer Form, vertraut Bondscoach Rinus Michels zu Turnierbeginn den neuen Ajax-Stürmern van't Schip und Bosman. Die Holländer verlieren ihr Auftaktspiel gegen die UdSSR 0:1 und stehen vor dem Turnieraus.

Niederländische Legenden: Cruyff (l.) und van Basten
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Niederländische Legenden: Cruyff (l.) und van Basten

Van Basten kehrt gegen England in die Elftaal zurück und erzielt einen Hattrick. Gegen Irland dann rettet Wim Kieft vom PSV Eindhoven Oranje mit einem Tor, das Gerd Müller alle Ehre gemacht hätte. Ausgerechnet jenem Gerd Müller, der der besten holländischen Mannschaft aller Zeiten 14 Jahre zuvor die Krönung versagte, der den schönen Fußball besiegte und in einem ganzen Volk damit den Keim der Hoffnung auf die sportliche Revanche bei dieser Europameisterschaft sähte.

Die Chance dazu war nun gekommen, beim Halbfinale Deutschland gegen Holland in Hamburg. Vielleicht das einzige Spiel der Fußballgeschichte, das eine spiegelverkehrte Wiederholung eines früheren Matchs, des WM-Finales von 1974 wurde. Wie fast immer, wenn diese beiden Mannschaften aufeinander treffen, wurde es ein besonderes, ein dramatisches Spiel. Ein Spiel, über das die Menschen noch lange sprechen würden. Aber vor allem war es die Begegnung, mit dem Marco van Basten zum Volkshelden wurde. Kurz vor Schluss, in der 89. Minute, narrt er seinen ewigen deutschen Widerpart Jürgen Kohler und schiebt den Ball an Eike Immel vorbei zum 2:1 ins Netz. Oranje boven - Holland steht nun Kopf, dank Marco van Basten. Endlich Genugtuung für die als ungerecht empfundene Niederlage von München. Revanche für Hölzenbeins Schwalbe, Taylors Pfiff, Müllers Drehschuss und Meiers Paraden. Holland steht im Endspiel, zum zweiten Mal in diesem Turnier geht es gegen die Sowjetunion.

Verletzter van Basten: Ende der Karriere mit 30 Jahren
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Verletzter van Basten: Ende der Karriere mit 30 Jahren

Und nun sind die Vorzeichen anders als vor 14 Jahren. Eine Niederlage gegen die Sowjets würde nicht so schmerzen. Deutschland war besiegt, was nun folgte, war die Zugabe. Die Niederländer spielen wie von einem Albdruck befreit. Ruud Gullit leitet den Ball bereits in der ersten Minute mit der Hacke weiter. Zunächst aber hält die Sbornaja noch mit, vergibt sogar die ersten Chancen - doch im holländischen Lager hat man an diesem Tag das Gefühl, dass nichts würde passieren können, weil man den deutschen Drachen schon erlegt hatte. Und als Erwin Koeman in der 33. Minute auf van Basten flankt, dieser per Kopf auf Ruud Gullit ablegt und der holländische Kapitän wuchtig zum 1:0 einnickt, ist dies die logische Folge des wunderbaren Kombinationsspiel in Orange.

In kurzer Folge bieten sich den Niederländern nun weitere gute Möglichkeiten, bis die 54. Minute anbricht, eine weiche Flanke bei Marco van Basten landet und Arnold Mühren hofft, er möge diese annehmen und in den Strafraum eindringen. Doch van Basten nimmt den Ball direkt. Er schickt das Leder aus vollem Lauf volley auf die elliptische Bahn, ohne die die Geschichte vom wundervollen totalen Fußball der Niederländer niemals ihr Happy End gefunden hätte. Rinat Dassajew bleibt nur ein ungläubiger Blick, ein resigniertes Zucken des rechten Arms. Wie versteinert schaut er der Flugbahn des Balles hinterher, 72.000 Zuschauer im Stadion und Millionen vor den Bildschirmen halten den Atem an.

Titelsammler van Basten: Weltfußballer des Jahres 1992
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Titelsammler van Basten: Weltfußballer des Jahres 1992

Auf dem direkten Weg wäre dieses Tor nicht möglich gewesen, Dassajew hätte es zu verhindern gewusst. Doch an einem Tag, an dem der Erfolg keine Gerade, sondern eine Kurve beschreibt, ist jeder Torhüter machtlos. Er kapituliert vor diesem Erfolg des Schönen. Marco van Basten sichert seinem Land die größte Auszeichnung, die Europas Fußball zu vergeben hat. Van Basten ist nicht nur der Mann des Turniers, sondern wird selbstverständlich auch Europas und Weltfußballer des Jahres.

Seiner Titelsammlung fügt er nach dem EM-Sieg noch einige mit dem AC Milan hinzu: Europapokal der Landesmeister 1989, 1990 und 1994, Weltpokalsieger 1989 und 1990 sowie mehrfacher italienischer Meister. Selbst der Titel als Europas Fußballer des Jahres und als Weltfußballer des Jahres war ihm in seinem hervorragenden Jahr 1992 wieder vergönnt. Aber bei Großereignissen konnte er sich im Oranje-Trikot nie wieder so in die Herzen der Fans katapultieren wie damals, im Sommer 1988, als ihm das auf einmalige Art und Weise gelang. Johan Cruyff war stolz auf ihn.

Niederlande - UdSSR 2:0 (1:0)
1:0 Gullit (33.)
2:0 van Basten (54.)
Niederlande: van Breukelen - Ronald Koeman - van Aerle, Rijkaard, van Tiggelen - Vanenburg, Wouters, Erwin Koeman, Muhren - van Basten, Gullit
UdSSR: Dassajew - Chidijatulin - Demjanenko, Litowtschenko - Aleinikow, Sawarow, Michailitschenko, Gozmanow (69. Baltatscha), Raz - Belanow, Protassow (71. Passulko)
Schiedsrichter: Vautrot (Frankreich)
Zuschauer: 72.308
Bes. Vorkommnis: van Breukelen (Niederlande, 59.) hält Foulelfmeter von Belanow

Van Bastens Treffer im EM-Finale 1988 steht zum Download bereit unter www.11freunde.de (Link Fankurve/Flimmerkiste).



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