Mainz-Shootingstar Holtby "Ich war voller Adrenalin"

Mainz ist obenauf, einer hat daran einen besonders hohen Anteil: Mittelfeldspieler Lewis Holtby. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 20-Jährige über das Märchen vom Bruchweg, Motivationstricks seines Trainers und verbotene Träume.

Mainzer Fußballer Holtby: "Mutig mitspielen und nicht in die Hose machen"
dpa

Mainzer Fußballer Holtby: "Mutig mitspielen und nicht in die Hose machen"


Frage: Herr Holtby, sechs Spiele, sechs Siege, die Bayern auswärts 2:1 geschlagen, Platz eins in der Bundesliga-Tabelle. Was will Mainz 05 noch mehr?

Holtby: Das ist Wahnsinn, ein Märchen, ein Traum. Ich versuche, mich die ganze Zeit zu zwicken. Aber ich lebe und atme ganz normal. Wir haben gegen Top-Mannschaften gepunktet, sowohl auswärts als auch in unserer Festung (Mainzer Bruchwegstadion, die Red.). Es macht einfach Spaß.

Frage: Wie funktioniert dieses Märchen, das Sie bei den Bayern eindrucksvoll weitergeführt haben?

Holtby: Wir haben im Bus auf der Fahrt ins Stadion noch ein paar gute Szenen von uns angeschaut, das gibt Selbstvertrauen.

Frage: Das kann nicht Ihr ganzes Geheimnis sein.

Holtby: Naja, unser Trainer Thomas Tuchel hat uns gesagt, dass wir mutig mitspielen und uns nicht in die Hose machen sollen. Er hat uns bei der Mannschaftsbesprechung eingepeitscht, war richtig heiß. Man hat in seinen Augen gesehen, dass er unbedingt gewinnen wollte. Er hat uns verdeutlicht, dass das auch in München möglich ist. Es hat geklappt.

Frage: Wie bringt er Ihnen das bei?

Holtby: Der Trainer gibt uns immer neue Aufgaben und wir hören aufmerksam zu. Er hat einen riesigen Anteil an unserem Erfolg, weil er genau weiß, wie wir gegen jeden einzelnen Gegner spielen sollen. Und weil er uns perfekt motiviert. Er sitzt nicht einfach da und guckt sich 90 Minuten das Spiel an, sondern ist immer dabei und würde am liebsten selbst gerne noch hinten rechts spielen.

Frage: Wie haben Sie es geschafft, Mark van Bommel und Bastian Schweinsteiger, die Mittelfeld-Strategen der Bayern, so gut unter Kontrolle zu halten?

Holtby: Das war der entscheidende Faktor. Wir haben Druck gemacht und sie so nicht ins Spiel kommen lassen. Das hatten die Bayern nicht erwartet. Deswegen haben sie auch so viele Fehler gemacht. Wir wollten Schweinsteiger und van Bommel außerdem keine Zeit geben. Ich habe dann versucht, mich zwischen den beiden zu bewegen und die Bälle zu fordern. Dann noch das erste Tor vorzubereiten, das war ein gelungener Nachmittag.

Frage: Allerdings sind Sie zur Pause ausgewechselt worden. Wie schwer ist Ihre Verletzung?

Holtby: Meine Auswechslung war eine Vorsichtsmaßnahme. Ich habe eine Wadenverhärtung, aber das bekomme ich in den nächsten Tagen schon wieder hin.

Frage: Trotz der Blessur sind Sie nach Abpfiff noch zu den Fans gehüpft und haben mit denen gefeiert.

Holtby: Ja, ich war voller Adrenalin und habe vor lauter Freude nichts mehr gespürt, als die Fans aufgestanden und gesprungen sind. Da sind die Schmerzen egal.

Frage: Haben Sie schon einen Gedanken daran verschwendet, wie dieses Märchen am 34. Spieltag enden könnte?

Holtby: Das muss ich gar nicht. Wir dürfen jetzt nicht an die Champions League oder so was denken. Das war der sechste Spieltag.

Frage: An was dürfen Sie denn denken?

Holtby: Wir müssen jetzt die Motoren runterfahren, regenerieren und dann kommt Hoffenheim. Das wird der nächste Kracher. Danach müssen wir uns einfach weiter Punkte schnappen, bis wir 40 haben und wir nicht mehr absteigen können. Erst dann können wir vielleicht anfangen, zu träumen.

Aufgezeichnet von Sebastian Winter. Das Interview entstand nach der Partie des FC Bayern gegen Mainz in der Mixed Zone der Münchner Fußball-Arena.

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Schwabenpower 25.09.2010
1.
Zitat von sysopNicht nur Mainz spielt ganz vorne mit, auch andere vermeintlich 'kleine' Clubs stehen unerwartet oben in der Tabelle. Topclubs wie Schalke und Stuttgart dagegen sind im Tabellenkeller. Eine Momentaufnahme? Oder eine Verschiebung der Machtverhältnisse?
Die Bundesliga spielt nicht nur verrückt, sondern verrückt gut. Eine Verschiebung der Machtverhältnisse ist klar erkennbar. Aber wahrscheinlich verschieben sich die Machtverhältnisse auch wieder zurück. Bis Spieltag 9 oder 10 muss man aber mindestens noch abwarten.
hfftl 25.09.2010
2. Mysteriös
Nicht nur die Bundesliga spielt verrückt. Man schaue nach Italien, Frankreich, Österreich, in die Schweiz... Muss an irgendeiner ko(s)mischen Konstellation liegen.
derweise 25.09.2010
3. Das sind nicht mehr die alten Bayern!
Das Spiel heute gegen Mainz hat gezeigt: das sind nicht mehr die alten Bayern! Früher haben die Bayern die entscheidenden Duelle fast immer für sich entschieden.
Achim 25.09.2010
4. Auswärts
Die Bundesliga spielt vor allem derzeit auswärts besser als zuhause.
Rockker, 25.09.2010
5.
Am Ende wird die Tabelle so aussehen: 1.Mainz- Meister; CL 2.Hannover, CL 3.Freiburg, CLQ 4.Dortmund EL, immerhin... 12.Bayern, nichts... 16.Bremen, Relegation 17.Stuttgart, 2-Liga 18.Schalke, 2.Liga
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