Mainz-Trainer Tuchel "Alles kann zu jeder Sekunde auseinanderbrechen"

Vor einem Jahr kannte nur ein kleiner Kreis von Fußballexperten Thomas Tuchel, heute gilt er als einer der modernsten Trainer der Bundesliga. Im Interview mit dem Magazin "11 Freunde" spricht der Mainzer Coach über Führungsspieler, seinen Kollegen José Mourinho und private Stadionbesuche.

Mainz-Trainer Tuchel: Autoritäres Gehabe nicht gefragt
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Mainz-Trainer Tuchel: Autoritäres Gehabe nicht gefragt


Frage: Thomas Tuchel, haben Sie bei der WM etwas Neues gelernt?

Tuchel: In meiner Wahrnehmung ist es eher die Champions League, die Maßstäbe setzt. Dort ist die Arbeit nachhaltiger und die Trends sind stabiler.

Frage: Im Trend liegt nach der WM auch der Begriff Führungsspieler. Ist das nicht ein Ausdruck, den der moderne Fußball meidet? Wir haben Interviews gefunden, in denen auch Sie ganz unironisch von Führungsspielern reden.

Tuchel: Vielleicht ist nur das Verständnis ein anderes. Den klassischen Leitwolf, der die Bälle nach dem Training nicht einsammeln muss, gibt es bei uns nicht mehr. Die Hierarchien werden flacher und sind weitgehend losgelöst davon, ob jemand 100 Länderspiele auf dem Buckel hat. Aber es gibt Spieler, die durch außergewöhnliche Leistungen auf und neben dem Platz eine gewisse Nähe zum Trainer haben und in taktische Überlegungen eingeweiht werden.

Frage: Folglich ist das Letzte, was Sie gebrauchen können, autoritäres Gehabe und Zwist in der Gruppe.

Tuchel: Ganz bestimmt. Wir haben klare Regeln, wie wir miteinander umgehen: respektvoll, keine Blutgrätschen und Frustfouls im Training. Und trotzdem kann das alles zu jeder Sekunde auseinanderbrechen. Sei es, dass man im Training locker ein bisschen Fußballtennis spielen lässt und dabei beginnt ein banaler Streit, der letztlich zu einem Riss in der Mannschaft führen kann. Deshalb muss ich als Trainer ständig auf jede Kleinigkeit achten. Das ist aus meiner Sicht etwas, was viel Energie zieht und den Job so anstrengend macht. Keine Saison geht den Bach runter und kein Trainer wird entlassen, weil fachliches Wissen fehlt. Trainer werden entlassen, weil die Kluft innerhalb der Mannschaft und zum Trainer zu groß geworden ist.

Frage: So war es vor einem Jahr, als Jörn Andersen als Trainer in Mainz entlassen wurde. und Sie der Nachfolger wurden.

Tuchel: In den ersten paar Wochen ist in solchen Fällen ja die Abwesenheit des Vorgängers wichtiger als die Anwesenheit des Neuen. Danach erst fängt es an, spannend zu werden. Man darf sich das auch nicht so vorstellen, dass man einen total zerrütteten Haufen übernimmt. Im Gegenteil: Das Team, das sich mir präsentiert hat, war leistungsbereit, extrem fokussiert und sehr vertrauensvoll dem neuen Trainer gegenüber.

Frage: Hatten Sie Bammel, plötzlich Männer zu trainieren, die kaum jünger waren als Sie?

Tuchel: Angst nicht, obwohl sich die Ansprache natürlich verändert, wenn man statt eines 19-Jährigen einen 30-Jährigen vor sich hat.

Frage: Haben Sie überlegt, wie Sie Autorität zeigen können?

Tuchel: Mein Glück ist, dass ich zwar noch jung, aber bereits in meinem elften Berufsjahr bin. Ich habe den Job von der Pike auf gelernt, in allen Altersklassen. Und ich hatte schon ein Jahr in Mainz gearbeitet. Das Management hat von Anfang an deutlich gemacht, dass sie es genau so haben wollten, wie sie mich als Juniorentrainer erlebt haben. Autoritäres Gehabe war ausdrücklich nicht gefragt.

Frage: Wie streng sind Sie mit Ihrer Mannschaft?

Tuchel: Ich glaube nicht, dass es sich jemand in der heutigen Zeit der Blutbilduntersuchungen und Herzfrequenzmessungen leisten kann, regelmäßig Alkohol zu konsumieren, zumindest nicht in schädlichem Maße. Wenn wir mit dem Team zusammen sind, ist Alkohol ein No-Go, wobei ich nach einem Auswärtssieg in Hamburg schon mal ein Auge zudrücke. Was abends zu Hause passiert, weiß ich auch nicht. Das sind erwachsene Leute, ich will die nicht wie kleine Kinder behandeln.

Frage: Wie schneidert man die perfekte Taktik für einen Aufsteiger? Sie hatten gerade mal vier Tage Zeit bis zu Ihrem ersten Spiel.

Tuchel: Niemand braucht so zu tun, als sei er ein Zauberkünstler und könne in vier Tagen erreichen, was Trainer sonst über Monate und Jahre entwickeln.

Frage: Ist die Spielweise beliebig variierbar?

Tuchel: Ich finde es bemerkenswert, dass Mainz 05 als einer von wenigen Clubs für eine klare Philosophie steht. Der Vorteil war auch hier, dass ich zuvor die A-Jugend trainiert hatte. Nach dem Finale um die Deutsche Meisterschaft war Manager Heidel gekommen und hatte gesagt: "Das ist es, wie ich mir Mainz 05 vorstelle." Meiner Meinung nach sollten Clubs ausschließlich Trainer verpflichten, die dem Stil des Vereins treu bleiben.

Frage: Würden Sie auch einen Verein trainieren, bei dem die Erwartungen nicht so formuliert sind?

Tuchel: Was ich mir nicht vorstellen kann, ist bei einem Verein zu arbeiten, der das Ergebnis, das 1:0, über alles stellt.

Frage: Also steckt nichts von José Mourinho in Ihnen.

Tuchel: Das will ich nicht sagen, vor dem Mann habe ich größte Hochachtung. Man findet nicht einen einzigen Spieler oder Ex-Spieler, der jemals ein schlechtes Wort über ihn gesagt hätte. Und mit dem FC Porto den Uefa-Pokal und die Champions League zu gewinnen, das muss man erst mal hinkriegen. Ich glaube auch nicht, dass solche Erfolge mit einer Oberlehrermentalität zu erreichen sind, deshalb bin ich mir sicher, dass zwischen seiner Außenwirkung und der Arbeit nach innen ein großer Unterschied besteht.

Frage: Ihr Kollege und früherer Mentor Ralf Rangnick hat mal im "Aktuellen Sportstudio" die Viererkette erläutert und war danach der Oberlehrer der Nation. Als Sie nach dem Sieg gegen Bayern München im letzten Jahr in die Sendung eingeladen wurden, haben Sie abgelehnt.

Tuchel: Weil es sich aus meiner Sicht nicht gehört hätte, dort hinzugehen, schon gar nicht nach dem dritten Spieltag und einem Sieg gegen Bayern München. Was hätten denn meine Spieler gedacht, die in diesem Spiel eine außergewöhnliche Leistung vollbracht haben, wenn der Trainer, den drei Wochen zuvor noch niemand gekannt hat, da sein Gesicht in die Kamera hängt?

Frage: Gehen Sie eigentlich noch privat ins Stadion?

Tuchel: Klar. Einmal habe ich meinen Status ausgenutzt und mir und meinem besten Freund Karten für das Derby Real gegen Atletico in Madrid besorgt. Da gab es für uns keine Spieler zu kaufen, an diesem Abend war ich der reine Fan: völlig unerkannt im T-Shirt, abends um neun, 90.000 Leute, Flutlicht und ich in einer Box mit Radomir Antic und Bora Milutinovic. Ich bin erst mal hin und hab mich ehrfürchtig vorgestellt, als "young coach from Germany".

Frage: Was haben die beiden gesagt?

Tuchel: Die waren ganz locker und meinten: "Oh, we are young coaches, too."

Das Interview führte Jens Kirschneck



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