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25. September 2010, 22:29 Uhr

Mainzer Sieg in München

Triumph im Schwarm

Aus München berichtet Sebastian Winter

Die Serie hält: Bei Bayern München feierte Mainz 05 den sechsten Ligasieg in Folge. Nicht nur die Ergebnisse stimmen, der Underdog zelebriert einen schnellen aggressiven Offensivfußball - von dem selbst der Rekordmeister derzeit nur träumen kann.

Noch lange nach dem beeindruckenden 2:1-Erfolg gegen den FC Bayern saßen die Mainzer Spieler auf dem Rasen der Münchner Arena. Sie lauschten den Huldigungen ihrer Fans. Selbst Lewis Holtby der zur Pause mit einer Wadenverletzung ausgewechselte Kapitän der U-21-Nationalmannschaft, war in Richtung Eckfahne gehumpelt, um die "Spitzenreiter, Spitzenreiter"-Gesänge aufzusaugen, die von den Rängen schallten.

Mainz tanzte, es sang und es lachte. Während die Spaßfußballer vom Rhein mitten in der Wiesn-Zeit nach ihrem ersten Erfolg in München überhaupt Karneval feierten, schlichen die Bayern-Spieler zerknirscht und von den eigenen Fans ausgebuht vom Feld. "So ein schlechtes Spiel haben wir unter diesem Trainer (Louis van Gaal, d. Red.) noch nicht gemacht. Und so viele Fehlpässe habe ich bei uns auch noch nicht erlebt", sagte Stürmer Miroslav Klose fassungslos.

Doch nur an den Fehlern der Bayern hat es nicht gelegen. Mainz war die beste Mannschaft, die in der laufenden Saison im Stadion der Bayern gespielt hat. Die Mannschaft von Thomas Tuchel war stärker als Köln, Bremen, Wolfsburg und, auch wenn sich dies seltsam anhören mag, als Rom - Bayerns Gruppengegner in der Champions-League. Souveräner denn je liegt Mainz nach dem sechsten Sieg im sechsten Bundesliga-Spiel nun an der Tabellenspitze: Drei Punkte vor dem Zweiten Borussia Dortmund. Bereits sieben Punkte vor Hoffenheim - und kaum für möglich gehaltene zehn Punkte vor dem FC Bayern München, der nach den Sonntagsspielen theoretisch noch auf Platz zehn rutschen kann.

Dessen Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge analysierte treffsicher: "Mainz spielte mit großer Laufbereitschaft, Leidenschaft und Aggressivität. Genau diese Attribute haben wir vermissen lassen. Wir können mit der Leistung heute absolut nicht zufrieden sein."

Was aus dieser Argumentation folgt, hat eine neue und für die Bayern durchaus sehr bedrohliche Qualität: Der kriselnde deutsche Rekordmeister leidet ohne seine beiden Tempodribbler Franck Ribéry und Arjen Robben nicht nur an einer erschreckenden Offensivschwäche (der einzige Bayern-Treffer war ein Kopfball-Eigentor des Mainzer Abwehrspielers Bo Svensson), er lässt es außerdem offenbar an der richtigen Einstellung vermissen. Mit "fehlenden Automatismen" oder den Belastungen der WM im vergangenen Sommer können mangelnde Laufbereitschaft, Leidenschaft und Aggressivität kaum gerechtfertigt werden. Zumindest nicht auf Dauer.

Ein Alarmzeichen kommt noch hinzu: Die Bayern haben ihr System der ständigen Ballkontrolle offenbar so sehr verinnerlicht, dass sie völlig hilflos wirken, wenn Gegner wie Mainz plötzlich selbst Druck ausüben. Sie haben im eigenen Stadion die Kontrolle gegen ein auf Balleroberung ausgerichtetes, offensives System wie jenes der Rheinland-Pfälzer verloren. Die Bayern durften sich an diesem Samstag allerdings nicht einmal mehr über die destruktive Spielweise ihres Gegners beschweren, wie zuvor in der Arena, als Köln oder Rom nur auf Konter lauerten. Denn die Spieler des FSV Mainz 05 dachten gar nicht daran, sich um den eigenen Strafraum zu stellen und Tore zu verhindern.

Mainzer Schwarm-Taktik, Bayern verunsichert

Sie schwärmten aus wie Bienen, wenn Bayerns Abwehr den Ball zirkulieren ließ - und spielten genau jenes aggressive Spiel, das ihr Manager Christian Heidel zuvor angekündigt hatte. Mit dem glänzenden Pressing der Offensivakteure Holtby, Ádám Szalai und Sami Allagui kam die Abwehr der Münchner überhaupt nicht klar. Es war auch ein Grund für die erschreckend hohe Fehlpassquote von Bayerns defensiven Mittelfeldspielern Bastian Schweinsteiger und Mark van Bommel.

Auch das 0:1 durch das wunderbare Hackentor von Allagui in der 15. Minute entsprang einer solchen Ungenauigkeit, beim entscheidenden 1:2 durch Szalai standen Bayerns Defensivspieler viel zu weit vom Torschützen entfernt. Während bei den Münchnern offenbar die Verständigung fehlt (In der 35. Minute rollte der Ball wegen Missverständnissen gleich zweimal ins Aus), zeigten die Mainzer fast traumwandlerisch sicher ihr schnelles Kurzpassspiel und eine beeindruckende Laufbereitschaft, was Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger nach der Partie sehr nachdenklich stimmte: "Die Mainzer sind hier hervorragend aufgetreten. Ich dachte, dass wir den Schalter in Hoffenheim umgelegt haben. Das ist nicht so, nun wird es schwieriger, als wir gedacht haben."

Mannschaftskreis statt Wiesn-Zelt

Es wird schwieriger, zurück an die Tabellenspitze zu kommen, meint Nerlinger. Dorthin, wo es sich Mainz so richtig gemütlich gemacht hat. Denn diese Mannschaft hat selbst für van Gaal zurzeit das, was die Bayern in der vergangenen Saison so stark machte: "Mainz hat mit einer Handschrift gespielt. Jeder Club hat es sehr schwer mit diesem Spielstil."

Die Mainzer sind nach dem Spiel nicht zur Wies'n gegangen. Sie feierten zu Hause in Mainz ein wenig, im Mannschaftskreis. An die kommenden Monate und womöglich größer werdenden Druck wollen sie dann keinen einzigen Gedanken verschwenden: "Wir denken nicht in Monaten", sagte Manager Heidel, "wir genießen einfach den Moment."

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