College-Fußballer Nils Brüning Duales Studium

Was tut ein Fußballtalent, das den Sprung in die Bundesliga nicht schafft? Nils Brüning wollte an die Uni - ohne den Traum vom Profi aufzugeben. Also ging er in die USA.

Nils Brüning
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Das Orlando City Stadium im US-Bundesstaat Florida: 25.000 Menschen passen in die Fußballarena, auf den Tribünen sind aber nur vereinzelt Zuschauer zu sehen. Auf dem Rasen spielen Fußballer um die größte Chance ihrer Karriere, es geht um einen Profivertrag in der höchsten nordamerikanischen Spielklasse Major League Soccer.

Nils Brüning steht in Orlando auf dem Feld. Vor vier Jahren war er aus Hamburg in die USA gekommen, für ein Fußballstipendium der University of North Carolina. Nun spielt er in der MLS-Combine vor, einem Sichtungstraining vor Scouts der Erstligaklubs. Brüning ist 24. In Deutschland zählt er damit nicht mehr als Talent, das es in die Bundesliga schaffen kann. Wer in diesem Alter kein Profi ist, wird es meist nicht mehr.

In Orlando sind die Spieler in vier verschiedene Trainingsmannschaften eingeteilt, benannt nach Schuharten eines großen Sportartikelherstellers. Brüning läuft ganz in Blau über den Kunstrasen, sein Team gewinnt 4:1, er trifft einmal, bereitet ein weiteres Tor vor.

60 College-Fußballer wurden unter Tausenden für die Combine ausgewählt. In der "SuperDraft", die im Januar in Chicago stattgefunden hat, können die 24 MLS-Klubs dann ihre Favoriten auswählen. Wie im Basketball oder im American Football gibt es in den USA nach jeder Saison eine Draft, eine Art Auswahlverfahren. Klubs haben so die Gelegenheit, die besten College-Spieler des Landes auszuwählen. Diejenigen, die in der vergangenen Saison schlecht abgeschnitten haben, dürfen zuerst einen Spieler wählen. Die Liga soll dadurch sportlich so ausgeglichen wie möglich gehalten werden.

"Die perfekte Gelegenheit"

Im Vergleich zum Basketball oder Football ist die Fußballliga in den USA jedoch weit davon entfernt, die weltweit beste zu sein. Viele MLS-Teams verpflichten alternde Spieler aus Europa, Zlatan Ibrahimovic etwa, der zu Los Angeles Galaxy wechselte, oder Bastian Schweinsteiger, der für Chicago Fire spielt. Dadurch soll die Attraktivität der Liga steigen, auf Kosten der Talente allerdings, die über die Draft auf MLS-Einsatzzeiten hoffen. Spieler wie Brüning.

Für Brüning ist die Draft eine zweite Chance. 2014 wechselte der Stürmer aus der Reservemannschaft des Hamburger SV in die USA. In Deutschland war dem damals 21-Jährigen der Sprung in den Profifußball nicht gelungen. Der Weg in den College-Fußball war für ihn "die perfekte Gelegenheit", sagt er. So war es möglich, hochklassigen Fußball mit dem Studium zu verbinden.

Dreieinhalb Jahre nach seinem Wechsel in die USA sitzt er mit einem College-Abschluss in der Tasche im Hotel Ritz-Carlton in Orlando. "Alles ganz locker, ich bin hier in einem schönen Hotel untergebracht", sagt Brüning am Telefon, er spricht mit amerikanischem Akzent.

Ein Weg, wie ihn Brüning gegangen ist, wäre in Deutschland kaum denkbar gewesen. Profifußball und Studium unter einen Hut zu bekommen, ist fast unmöglich. "Als Profi trainiert man schon eher morgens und dann sind ja auch die Vorlesungen", sagt Brüning.

"Nur Fußball? Das kann es nicht sein"

Auch andere Spieler wechseln nicht nur, aber vor allem wegen des Fußballs in die USA. Die Colleges bieten talentierten Fußballern aus Europa Stipendien, oft im Wert von mehreren Zehntausend Euro. Im Gegenzug verstärken die Spieler das College-eigene "Soccer"-Team.

"Ich dachte, das kann es nicht sein, dass ich jetzt nur Fußball spiele", sagt Brüning über seine Entscheidung, in die USA zu gehen. Und dann ist da die Hoffnung, nach dem College vielleicht doch noch einen Profivertrag zu unterschreiben.

Deswegen verschlägt es auch andere deutsche Talente in die USA. Wenn sie merken, dass ihnen der Sprung in den europäischen Profifußball wohl nicht gelingen wird, wählen sie den Schritt an ein College. Diesen Weg ging auch Julian Gressel.

Als Jugendspieler schaffte er es nicht, sich bei Greuther Fürth durchzusetzen. Über Stationen bei bayerischen Oberligisten ging er 2013 als damals 19-Jähriger ans College von Providence im US-Bundesstaat Rhode Island. Mittlerweile gehört er zur Stammelf von Profiklub Atlanta United, er spielt an der Seite von Nationalspielern, wird trainiert von Frank de Boer. Im vergangenen Jahr wurde Gressel mit United Meister. Eine "Cinderella-Story" nennt man so etwas in den USA.

Nils Brünings Geschichte ist eine andere. Sein Name wurde in der Draft nicht genannt. Er wird nicht Profi. Mittlerweile ist er zurück in Deutschland, er steht nun bei Eintracht Norderstedt unter Vertrag, etwas nördlich von Hamburg. Norderstedt ist Regionalligist, vierte Liga. Immerhin, weiterstudieren kann er neben dem Fußball. Vielleicht mache er seinen Master, sagt Brüning.



insgesamt 2 Beiträge
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belohoubek 30.01.2019
1. Perfekt...
Gegenüber den gängigen Bundesligaprofis, die zu früh Zuviel Geld bekommen und sich in der Regel nicht weiterbilden, ist dieser aufgezeigte Weg durchaus bemerkenswert und für das Leben nach dem Fußball sehr wertvoll. Die Negativbeispiele liefern doch solche Typen wie Ribéry, Podolski, Müller und Neuer täglich. Haltung zeigen ist für die ein Fremdwort und wird es vermutlich immer bleiben...
Der Name 30.01.2019
2. Ich kannte einen...
der wirklich mittelmäßig spielte...aber in den Staaten hat er wohl sehr gut gespielt das er direkt sein Stipendium für sein Medizin Studium bekommen hat. Neben bei spielte er für das College. Ich dachte das wäre ein Scherz, anscheinend ist das Niveau dort drüben doch nicht so hoch. Mensch...da hab ich was verpasst.
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