Champions-League-Ausschluss von Manchester City Schuldig

Das Urteil gegen Manchester City könnte den englischen Meister einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Dass die Uefa durchgreift, ist eine Ausnahme. Bislang ignorierte der Verband den Football-Leaks-Enthüller.
Citys Vorstandschef Khaldoon Al Mubarak (l.) und Geschäftsführer Ferran Soriano im Stadion des englischen Meisters (Archivbild: Dezember 2019)

Citys Vorstandschef Khaldoon Al Mubarak (l.) und Geschäftsführer Ferran Soriano im Stadion des englischen Meisters (Archivbild: Dezember 2019)

Foto:

Jason Cairnduff/ Action Images via Reuters

Es war wahrscheinlich das wichtigste Verfahren in der Geschichte des europäischen Fußballverbands Uefa, und es endete in einer Strafe historischen Ausmaßes: Manchester City, der englische Meister, der Arbeitgeber des Trainers Pep Guardiola und zahlreicher Weltstars, wird für zwei Spielzeiten aus dem europäischen Wettbewerb Champions League ausgeschlossen und zu einer Geldstrafe verurteilt. Bleibt das Urteil bestehen, verschwindet Manchester City für zwei Jahre aus der Premium-Veranstaltung.

Der Sportgerichtshof CAS beschreibt, was diesen Fall ins Rollen brachte: Zwischen dem 2. und dem 16. November 2018, so schreiben die Juristen , haben der SPIEGEL und europäische Partnerredaktionen mehrere Enthüllungsartikel über Manchester City veröffentlicht.

Am 10. Dezember habe der Uefa-Chefermittler daraufhin einen Brief an City geschrieben und den Klub gebeten, zu dieser Berichterstattung Stellung zu beziehen. Einige Monate später eröffnete die Uefa dann ein offizielles Ermittlungsverfahren gegen den Verein. Die Untersuchungen führten dazu, dass der Verband "schwerwiegende Verstöße" gegen seine Finanzregeln feststellte und darum hart gegen Manchester City durchgriff.

Was genau hat der Klub getan, um diese außergewöhnliche Sanktion zu verdienen? Erstens hat er offensichtlich viel mehr Geld ausgegeben, als die Uefa-Regeln erlaubten, zweitens hat er augenscheinlich die Finanzkontrolleure getäuscht.

Der Klub als Imageprojekt

Das Financial Fair Play (FFP) verpflichtet die Vereine, ihre Bilanzen im Gleichgewicht zu halten und sich nicht zu hoch zu verschulden. Daran müssen sich alle Klubs halten, insbesondere wenn sie an den lukrativen Wettbewerben der Uefa teilnehmen möchten. Manchester City hingegen strebte seit Jahren den Champions-League-Sieg als ultimativen Triumph an, kassierte von der Uefa Prämien in dreistelliger Millionenhöhe - und missachtete gleichzeitig den Verband und sein Regelwerk.

Hinter Citys Klubbesitzern steckt die Herrscherfamilie von Abu Dhabi, einem reichen Emirat mit dem Ehrgeiz, eine führende Rolle in Weltpolitik und im internationalen Sport zu spielen. Manchester City ist ein Imageprojekt der autoritären Herrscher von Abu Dhabi. Khaldoon Al Mubarak, ein Unternehmer aus Abu Dhabi, fungiert dabei als Statthalter in Manchester und Vorstandschef des Fußballklubs.

Starspieler, die im Flutlichtglanz hochklassigen Fußball zelebrieren und eine blitzende Trophäe nach der anderen emporrecken, sollten so für das Emirat werben: Die Fans sollten mit Abu Dhabi professionelle Brillanz und Erfolgsmentalität verbinden, sie sollten mit der nationalen Fluggesellschaft Etihad fliegen, die auf den City-Trikots wirbt und nach der das Stadion benannt ist, und sie sollten Reklame für Unternehmen des Emirats auf den Werbebanden am Spielfeldrand sehen.

Gegenüber der Uefa gab der Verein aus Manchester an, dass dieses Sponsoring den Firmen aus Abu Dhabi viele Millionen Euro wert war. Doch die Football-Leaks-Recherchen des SPIEGEL und des Recherchenetzwerks European Investigative Collaborations (EIC) ließen Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Angaben aufkommen. Die Dokumente legten den Schluss nahe, dass große Teile der angeblichen Sponsorengelder in Wirklichkeit nur durch die Firmen durchgeleitet wurden und vermutlich vom Klubbesitzer selbst stammten. Damit hätte der Verein eigene Ausgaben als Sponsoreneinnahmen verkleidet und die Uefa-Ermittler über die Herkunft der Gelder getäuscht. Aus Expertenkreisen ist zu hören, dass spätestens eine SPIEGEL-Fotostrecke mit Ausschnitten aus Dokumenten den Finanzkontrolleuren die Augen über das mögliche Ausmaß der Regelbrüche geöffnet hat. Einige der gezeigten Dokumente seien den Ermittlern bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen unbekannt gewesen.

Der vorliegende Fall war von solch sportpolitischer Bedeutung und mit so vielen Indizien versehen, dass die Uefa ermitteln musste. Er zeigt, wie absurd das FFP-Prozedere normalerweise ist. Denn die Verfahren des europäischen Dachverbands basieren auf Vertrauen. Die Uefa bittet Vereine um Stellungnahmen und Unterlagen und muss sich darauf verlassen, dass die Klubs kooperieren. Im Prinzip können die Vereine in ihren Antworten an den Verband behaupten, was sie wollen. Der Verband kann keine Hausdurchsuchungen anordnen oder Konten prüfen. Entsprechend liegen der Uefa nur selten die unverzerrten, ungeschönten Geldflüsse der Klubs vor.

Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass die großen Kontrollorgane des Spitzenfußballs auf viele andere der mittlerweile über tausend Football-Leaks-Artikel des SPIEGEL und seiner Recherchepartner deutlich zurückhaltender reagiert haben. Wenn überhaupt. Wenn sich verdächtige Akteure nicht selbst belasten wollen, ermittelt es sich eben deutlich schwerer.

Nur Whistleblower Rui Pinto ist derzeit inhaftiert

Umso erstaunlicher jedoch ist es, dass die Uefa bis zum heutigen Tag nicht einmal den Whistleblower hinter der Football-Leaks-Plattform, Rui Pinto, um Hilfe beim Aufdecken von Regelverstößen und Straftaten gebeten hat. Pinto ist im Besitz von weit über 70 Millionen Dokumenten aus dem Innersten des Fußballs und hat immer wieder betont, mit den Fußballverbänden zusammenarbeiten zu wollen.

Im Februar 2018 hatte die Uefa zusammen mit der Europäischen Kommission sogar eine Erklärung unterzeichnet, die die Bedeutung von Whistleblowern im Kampf gegen Geldwäsche, Betrug oder Korruption betonte. Für Pinto galt das aber offenbar nicht. Der Portugiese sitzt nun seit fast einem Jahr in einem Lissaboner Gefängnis und wartet auf einen Prozessbeginn. Sein Datenmaterial hat zu Strafermittlungen, Razzien und Verurteilungen geführt - unter anderem hat sich Cristiano Ronaldo des Steuerbetrugs schuldig erklärt und in Spanien 19 Millionen Euro gezahlt. Doch als Folge von Football Leaks ist bisher nur eine Person im Gefängnis gelandet: der Whistleblower selbst.

Nun allerdings hatte die Uefa keine andere Wahl, als hart gegen City durchzugreifen. Hätte sie den englischen Spitzenverein für seine Vergehen davonkommen lassen, wäre sie in eine fundamentale Glaubwürdigkeitskrise gestürzt. Alle europäischen Klubs hätten gesehen, dass die Uefa selbst dann wegschaut, wenn ihre Regeln vor aller Augen gebrochen werden. Das FFP-Regelwerk wäre tot gewesen, der Verband wäre zum reinen Wettbewerbsorganisator ohne Autorität und Kontrollmöglichkeit zusammengeschrumpft. Im ohnehin entfesselten Fußballmarkt wäre die letzte Barriere gefallen, die die Integrität des sportlichen Wettkampfs vor superreichen Investoren und staatlichen Akteuren schützt.

Anzeige
Buschmann, Rafael, Wulzinger, Michael

Football Leaks 2: Neue Enthüllungen aus der Welt des Profifußballs - Ein SPIEGEL-Buch

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Seitenzahl: 576
Für 7,99 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Selbst für Scheichs eine empfindliche Strafe

Sollte das Urteil bestehen bleiben, wird es Manchester City vermutlich um einen dreistelligen Millionenbetrag an Champions-League-Prämien, TV-Einnahmen und Umsatz aus Ticketverkäufen bringen. Selbst für steinreiche Scheichs eine empfindliche Strafe.

Nun ist in diesem Fall das letzte Wort noch nicht gesprochen. Manchester City erklärte am Freitagabend sogleich, dass der Verein gegen das Urteil der Uefa vor den Sportsgerichtshof CAS ziehen werde. Er hatte vorab bereits vor dem CAS die Ermittlungen des europäischen Verbands angefochten, obwohl noch gar kein Urteil bekannt gegeben worden war. Doch diese Beschwerde hatte das Sportgericht zurückgewiesen. Nun erklärte der Klub, er habe "unwiderlegbare Beweise" für seine Position. Auf Journalistenanfragen hatte City nie inhaltlich geantwortet, sondern stets die Entstehung der Leaks kritisiert und behauptet, die Dokumente seien aus ihrem Kontext gerissen worden. Gegenüber den Regelhütern der Uefa gebärt sich Manchester City seit Jahren aggressiv und uneinsichtig. So drohte der Klubchef dem damaligen Uefa-Generalsekretär bereits 2014, dass er statt einer Geldstrafe "lieber 30 Millionen für die besten 50 Anwälte der Welt ausgibt, um die Uefa für die nächsten zehn Jahre zu verklagen".

Im Kampf gegen die Regelhüter hat die Vereinsführung von Manchester City ihr wahres Gesicht offenbart: Sie will um wortwörtlich jeden Preis gewinnen, auf und neben dem Platz. Doch statt in Top-Fußballer investiert die Staatsführung von Abu Dhabi nun Millionengelder in Rechtsanwälte. Der Fall wird weitere Schlagzeilen machen.