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10. April 2019, 08:29 Uhr

Champions-League-Viertelfinale

Guardiolas Fluch

Aus London berichtet

Hinspiel verloren, Tor verpasst: Nach dem 0:1 in Tottenham droht Manchester City das Aus in der Champions League - schon wieder. Trainer Pep Guardiola hat daran seinen Anteil.

Als die Tottenham-Fans auf der gigantischen Südtribüne ihre Choreografie präsentierten, erhob sich auch Jamie Carragher von seinem Sitz und zückte das Smartphone. Einst war er langjähriger englischer Nationalspieler gewesen, er hat einiges mitgemacht in seiner Karriere. Aber das hier schien selbst ihm etwas Besonderes zu sein.

Das zweite Heimspiel der Spurs in ihrem neuen, rund eine Milliarde teuren Stadion war das Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League gegen Manchester City, und die Stimmung war bombastisch. Als sich die Fußballer kurz vor dem Anpfiff auf dem Rasen aufreihten, blickte sich mancher staunend um, statt wie üblich während der Hymne cool an der Kamera vorbeizuschauen.

Könnte dieses Stadion gar das Spiel für die Spurs gewinnen?

Nun, die Partie ging zwar tatsächlich an die Gastgeber, die 1:0 siegten. Aber an der Atmosphäre lag das eher nicht. Sondern auch an der Ausrichtung von Pep Guardiola.

Manchesters Coach gilt vielen als der Beste seines Fachs. Nur in der Königsklasse zeigte sich das zuletzt seltener. Seit 2011 hat Guardiola in Viertel- und Halbfinalspielen der Champions League kein Auswärtsspiel mehr gewonnen.

Damals, 2011, holte Guardiola auch zum zweiten und letzten Mal den Titel in der Königsklasse. Auch wenn er zwischendurch mal ein Jahr lang keinen Verein trainierte, ist das eine erstaunlich lange Zeit. Womöglich hat diese Durststrecke Guardiola verändert.

Im Tottenham Stadium liefen die 90 Minuten ganz wie von Spurs-Trainer Maurico Pochettino ersonnen. Seine Mannschaft spielte viele lange Bälle und suchte noch mehr Zweikämpfe. In Harry Kane hatte Pochettino den idealen Zielspieler. Der Stürmer war Anspielstation für Pässe in die Tiefe, die er dann behauptete und weiterleitete.

Guardiola ließ sich auf die Schlacht ein. In Fernandinho und Ilkay Gündogan setzte er auf zwei Sechser im defensiven Mittelfeld, üblicherweise spielt dort bei City nur einer. Wichtiger ist es, Freiräume zwischen Abwehr- und Mittelfeldkette des Gegners zu suchen und sich dort anspielbar zu machen - eigentlich.

City arbeitete Fußball

Die Doppelsechs aber verteidigte, sie tat es sogar, wenn sie in Ballbesitz war. Fernandinho und Gündogan hielten auch dann meist ihre tiefe Position. "Wir wollten ein bisschen stabiler sein", sagte Guardiola hinterher, Tottenhams direktes Spiel sei eben gefährlich: "One or two passes and they kill you."

City arbeitete Fußball. Immerhin, das klappte.

Die Flügelspieler Raheem Sterling und Riyad Mahrez sprinteten nach Ballverlusten weit in Richtung Abwehr, wieder und wieder. Das Team verteidigte gemeinsam, nur tat es das tiefer als üblich, und weil die wenigen Offensivspieler dauernd hinten aushalfen, fehlten nach Ballgewinnen die Anspielstationen vorn.

Zwar wäre trotzdem fast ein Tor gelungen, als Sergio Agüero nach Videobeweis vom Elfmeterpunkt scheiterte (13. Minute). Aber eigentlich spielte Manchester auf ein 0:0. Erst in der zweiten Halbzeit kontrollierten die Gäste das Spiel besser; da schienen die Spurs, wohl auch wegen einer offenbar schweren Kane-Verletzung, den Faden zu verlieren, was sich sogar auf die Stimmung schlug, die nicht mehr ganz so elektrisierte. Dann fiel unvermittelt das Siegtor durch Son Heung Min (78.). Welch eine Pointe.

In der Liga gewann Manchester die vergangenen drei Duelle gegen die Spurs

Bleibt die Frage, warum Guardiola in der Champions League auswärts nicht spielen lässt wie Guardiola. In den Ligabegegnungen mit Tottenham waren die Spurs-Spieler ja dieselben gewesen. City gewann die vergangenen drei Duelle, Torverhältnis: 8:2.

Vielleicht verstärken sich Negativlauf und der vorsichtige Stil gegenseitig. Weil Guardiola auswärts nicht gewinnt, setzt er auf mehr Defensive, weshalb er nicht gewinnt.

In jedem Fall befeuert das mögliche Aus die zum Teil scharfe Kritik, die Guardiola manchmal entgegenschlägt. Er werde überbewertet, die Spieler würden gewinnen, nicht der Trainer, heißt es dann. Und wenn es darauf ankomme, in der Königsklasse, wähle er die falsche Taktik und Aufstellung. In Tottenham stand völlig überraschend Fabian Delph in der Startelf; Kevin de Bruyne oder Leroy Sané blieben bis kurz vor dem Abpfiff draußen.

Kanes Ausfall ist ein Vorteil für das Rückspiel

Dabei ist es ziemlich verquer, allein die Champions League als Maßstab zu nehmen, wie erfolgreich ein Trainer arbeitet. Mit den Bayern dominierte Guardiola die Bundesliga wie niemand davor und danach. In England erreichte sein Team vergangene Saison 100 Punkte, was noch nie einem Erstligisten gelungen war. Dort, wo nicht ein vergebener Elfmeter über Titel entscheidet, gewinnt Guardiola.

Nach dem Spurs-Spiel kritisierte Guardiola nicht, er lobte. Seine Mannschaft habe ein "unglaubliches Spiel" abgeliefert, sagte er, und meinte tatsächlich: unglaublich gut. Das Team sei brillant gewesen, habe kaum Chancen zugelassen. Und er ließ durchblicken, dass er im Rückspiel am 17. April viel offensiver spielen lassen werde. "Wir wissen, was wir zu tun haben", sagte er, "Tore schießen". Was er nicht sagte, war, dass die Spurs durch den drohenden Ausfall Kanes ungleich einfacher zu verteidigen sein werden.

Tottenham-Trainer Pochettino wurde spät am Dienstagabend gefragt, was jenes 1:0 fürs Rückspiel bedeute. "Manchester City bleibt Favorit", sagte er, "nicht nur aufs Weiterkommen, sondern auf den Titel." Was Trainer eben sagen. Nur: Ganz absurd ist das nicht. Vorausgesetzt, City findet wieder zu sich selbst.

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